weder begreife ich, nach welcher Logik Israel notwendigerweise als Störenfried begreifen muss, wer sich Gedanken um die Lösung des Nahost-Konflikts macht noch begreife ich, warum eine Lösung nur eine Lösung sein soll, wenn sicher ist, dass sie von Dauer ist.
Synonyme für Lösung sind Antwort, Auflösung, Erledigung, Resultat, Aufhebung etc. pp. Natürlich beansprucht "Lösung" Endgültigkeit. Die Lösung z.B. der Frage, wieviel 1+1 bleibt, ist auf alle Zeiten als 2 definiert.
Nimmt man nun an, dass der Nahostkonflikt durch die Gründung Israels entstanden ist und die Motive ausschließlich auf diesen Fakt beschränkt sind, dann ist das Problem, das es zu lösen gilt, die Existenz Israels. Demgegenüber würde ich nicht für eine "Lösung" plädieren (denn ein Konflikt, in dem zwei Parteien dasselbe beanspruchen, kann eben nur in die eine oder andere Richtung "gelöst" werden, dazu gibt es ja auch das Gleichnis Salomons mit den beiden Müttern und dem Kind). Lösung ist keine Option. Richtiger wäre ein Arrangement, eine zeitweise Befriedung, eine Demilitarisierung, ein Abflauen der Gewalt, ein höheres Maß an Sicherheit und Wohlstand für alle Beteiligten. Das sind gute und richtige Ziele.
Ich sehe selber auch keinen Anlass für Hoffnung auf oder die Möglichkeit für eine Lösung des Nahost-Konfliktes in absehbarer Zeit. Und ja, Israel hat derzeit kaum brauchbaren Dialogpartner für eine Lösungsprozess und dies zu ignorieren schiebt Israel ungerechter Weis die Arschkarte zu. Aber aus dieser Hoffnungslosigkeit jetzt eine Tugend machen zu wollen und die Hoffnung und Suche nach einer Lösung zu einem Moment von Antisemitismus zu verklären kommt mir reichlich schräg vor.
Die Hoffnung auf eine "lösung" nicht im Sinne einer End- sondern einer "erlösung" wäre aber gerade die (leider sehr unrealistische) Hoffnungauf ein Ende des weltweiten Judenhasses. Denn unter Umständen, in denen keiner mehr die Juden hasst, benötigt es kein Israel und vermutlich überhaupt keiner Staaten mehr, weil dies Verhältnisse wären, die man mit Marx eine "Assoziation freier Individuen" oder mit Adorno den "Zustand, in dem jeder ohne Angst verschieden" sein kann, nennen könnte.
Dieser Zustand existiert nicht und der Vernichtungswillen, wie Achmed Schachbrett im ZDF gezeigt hat und wie die Sprecher der Muslim Brotherhood, der Hamas, Al Qaida, der Hisbollah und all die anderen Islamisten, Nazis etc. jeden Tag ihn zum Ausdruck bringen, ist ungebrochen. Das ist die Realität, an der sich israelische Realpolitik zu messen hat. Und da ist Israel mit dem Duo Netanyahu/Barak sehr gut aufgestellt, wie zum Beispiel seine Reden
vor der UN bei dem Antrag der Palästinenser auf Aufnahme oder
jüngst vor dem UN-Menschenrechtsrat eindrucksvoll beweisen.
Aber vor allem: Worauf soll denn eine solche Argumentation hinauslaufen? Wer sich gedanklich derart in eine Sackgasse herein manovriert, in der er eine Lösung des Nahost-Konfliktes nur als antisemitsche Vernichtungsphantasie begreifen kann, dem bleibt ja nur, sich die Zukunft Israels als ewig andauernder Krieg gegen Aggressoren oder aber in dem Endsieg (!) über Selbige zu denken. Man phantasiert Israel damit quasi in das Stereotyp "ewiger Aggressor" und "Bedrohung für den Weltfrieden" hinein und ermöglicht sich gleichzeitig, gegen diese antisemitische Ressentiment Sturm zu laufen. Über die bewussten und unbewussten Antriebe zu und den psychologischen Gewinn an einer solchen Konstruktion für einen Deutschen mag ich hier ja gar nicht spekulieren.
Der erste Satz ist deswegen falsch, weil Israel seit seiner Gründung eine bestimmte Strategie verfolgt, die man als "Vorwärtsverteidigung" bezeichnen kann. Über die tiefe Vernunft hinter der militärischen Stärke der IDF kann man in Claude Lanzmanns großartigen Film "Tsahal" alles notwedige lernen. Es geht also weder um permanenten Krieg gegen die Antisemiten (nicht weil er nicht notwendig wäre: Schon Lanzmanns Freund Sartre hatte als Konsequenz aus dem 2. WK eine "militante Liga gegen den Antisemitismus" gefordert. Sondern weil ISrael diesen nicht leisten kann.) noch über etwas Unmögliches wie den "Endsieg" über den Antisemitismus unter Verhältnissen, die ihn permanent reproduzieren. Sondern es geht darum, vom Antisemitismus so wenig verwundbar wie möglich zu sein, was natürlich bedeutet, so stark wie nötig zu sein und Massenvernichtungs-, und erst Recht Atomwaffen in den Händen der Todfeinde zu vermeiden.
Es ist völlig klar, dass diese Politik nur von denen als aggressiv angesehen werden kann, die den Antisemitismus als zentrales Motiv der Handlungen der arabischen Kriege und Terrorkriege gegen Israel seit 1948 leugnen und die die Bedrohung durch Gruppen wie Hamas und Hisbollah oder das iranische Regime ignorieren und ihre offen ausgesprochenen Motive verdrängen, wie es die Welt tat, seit "Mein Kampf" erschien, in dem alle Motive offen entfaltet werden. Ebenso muss niemand durch ideologiekritische Finessen etwas in die Reden der bekannten Führer der islamischen Welt hineingeheimnissen: Es liegt alles ganz offen zutage.
Darum liegt hier auch kein psychologischer Gewinn, sondern in der Kritik dieses eliminatorischen Antisemitismus und seiner Verdrängung einerseits und der offenen Kumpanei mit seinen Proponenten wie dem Iran oder der palästinensischen Autonomiebehörde andererseits liegt das kleine bißchen Entlastung, das man als "militanter" Gegner des Antisemitismus dem Judenstaat gegen die permanente Bedrohung noch geben kann. Denn nur im Erhalt dieses Staates und in der Annahme, dass sich ein Verbrechen wie die Shoah nicht wiederholen kann, ist noch ein winziger Rest Hoffnung auf bessere Zeiten aufbewahrt. Aus dieser winzigen Hoffnung auf eine wirklich befreite Welt ohne Gewalt, Hass und Antisemitismus lässt sich vielleicht wirklich psychologisch etwas ziehen in einem Meer aus Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit.
Der eigentliche psychologische Nutzen, der hierzulande am Judenstaat ausagiert wird, ist der, den Broder seit nunmehr 35 Jahren an der Linken in diesem Land kritisiert, ohne dass diese Aufklärung auf fruchtbaren Boden fallen könnte, da es sich beim Antisemitismus nicht um eine Struktur des Verstandes, sondern um eine dem Bewusstsein nur bedingt zugängliche Triebstruktur handelt. Es ist die der Überwindung des "Judenknacks" (D.Kunzelmann, der Linksradikale mit der Bombe im jüdischen Gemeindehaus). Darum kommt der Israelkritiker nie ohne Vergleiche wie zumindest "Apartheid" bis hin zu denen des "Völkermords", des "Vernichtungskriegs", des "Endsiegs", des "Ghettos" etc. pp. aus. Es ermöglicht in doppelter Weise eine Entlastung des deutschen, und angesichts zahlreicher Helfershelfer in fast allen europäischen Ländern, auch des europäischen Gewissens (und, wenn man so will, aufgrund der Untätigkeit des Rests der Welt, auch des Weltgewissens), indem man einerseits den Opfern von einst vorhalten kann, sie seien genauso schlimm, andererseits damit aber wenn schon keine Rechtfertigung, so doch eine Relativierung der eigenen Tat und des einmaligen Menschheitsverbrechens Holocaust zu bieten.
Deswegen lieber ganz konkret an Schmolle und Maddin die Frage: wenn sich euch die Zukunft Israels im Rahmen einer 2-Staaten-Lösung als antisemitisch verbietet, wie dann?
Erstmal ist Kritik nicht verpflichtet, Gegenvorschläge zu bieten. Und zweitens ist eine Zweistaatenlösung durchaus nciht unmöglich, es gibt ja bereits palästinensische Autonomiegebiete und eine Art Hamas-Staat in Gaza. Es ist ja nicht so, dass Politiker wie Barak, Netanyahu und Liebermann nicht von der Zwei-Staaten-Lösung sprechen, auch wenn es nicht die Lösung des Problems sein kann, siehe oben. Und deswegen wird jemand wie Netanyahu auch genau abwägen, wann er welche Kompromisse macht.
Sieht man sich die Entwicklung in der Westbank an und in Gaza, dann muss man aber zu dem Schluss kommen, dass der isralische Einfluss klar positiv ist, denn seit dem Abzug aus Gaza hat sich die Westbank ökonomisch deutlich weiterentwickelt, während Gaza trotz milliardenschwerer Hilfen ein Trümmerfeld ist. Die Frage, ob Israel die Westbank annektieren sollte, die Menschen dort zu Staatsbürgern machen und die Kriminellen und Terroristen festsetzen sollte, lässt sich nicht einfach beantworten. Es wäre für den israelischen Staat militärisch, polizeilich, demografisch und vor allem aufgrund internationaler Proteste wohl nicht zu stemmen. Es wäre aber für die Palästinenser, die normal leben wollen, besser als ein Hamastan in der Westbank, das die Ökonomie wieder ruiniert, alle Gegner massiv unterdrückt und im permanenten Kriegszustand mit Israel sich befindet.
Welche Alternativen es gibt und wie man vorgehen soll, kann ich nicht beantworten. Ich bin kein Politiker und erst Recht kein Israeli, ich kann der Regierung keine Ratschläge geben, außer vielleicht den, den Hass und die Gewaltbereitschaft der Feinde nicht zu unterschätzen, wobei diese Gefahr bei Netanyahu und Barak nicht besteht.