Wer macht das? Ich hab mich seit Samstag hier relativ zurückgehalten, denn wenn ich Samstag hier geschrieben hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich gesperrt.
Es steht doch außer Frage,
dass Schaaf eine großartige Idee vom Fussball hat, die eigentlich sehr nahe am Fussball der Zukunft ist. Viel mehr, als es Klopp` s relativ starres System- und Positionsspiel jemals sein kann (was den BVB in der CL scheitern ließ und in der Liga mehr Remis bringt, als es denen lieb sein kann), weil das allein auf immensem Kraftaufwand, aber weniger auf Flexibilität basiert. Schaaf hingegen will genau das, was er schon immer wollte Effizienz in hohem Pressing, gleichzeitig Ballkontrolle und schnelles, vertikales Direktspiel und kreatives Chaos. Zudem ist offensives Pressing und ausgewogenes Ballbesitzspiel im Optimalfall immer auch wesentlicher Teil einer Defensivstrategie.
In der Liga fallen mir zuvorderst zwei Trainer auf, die offenbar eine ähnliche Sichtweise wie Schaaf vom Fussball haben und daher mMn (scheinbar) zukunftsorientiert denken Dutt und Solbakken. Bei letzterem fußt es allerdings in erster Linie auf Kreativität in der Defensive, Dutt will möglichst beides hinkriegen. Interessanterweise haben beide ähnliche Probleme wie Schaaf. Doch während es bei Dutt oder Solbakken mit dem schwierigen ersten Halbjahr zu erklären wäre, wofür sie Zeit brauchen (wahrscheinlich aber nicht bekommen werden), hat Schaaf diese Zeit viele Jahre gehabt. Und in den Anfangsjahren auch gut genutzt. Der denkende Werderfan hatte das Gefühl, dass da was Großes heranwächst und wurde bestätigt.
Schauen wir uns
die ersten Saisonpartien an. In Hoffenheim und gegen den HSV hat Werder viele Elemente eingebracht, die es Werder mit diesem Kader ermöglicht, um erfolgreich Fussball spielen zu können. Es wurde tatsächlich auf Abstände geachtet, die Truppe agierte kompakt. Auch die Spielstrategie stimmte, Werder erlangte im Verlauf die Spielkontrolle, wurde auf dieser Basis spielbestimmend und entschied die Spiele für sich. Mit Geduld! Mit ordentlich anzusehendem Fussball. Mit der nötigen Balance.
Auf ähnliche Weise haben wir 2008 im Schlussspurt noch den 2. Platz und 2010, ebenfalls im Schlussspurt, den 3. Platz gesichert.
Schaaf hat also auch das absolut drauf. Somit haben wir einen Trainer, der grundsätzlich ganz viel mitbringt, um ein guter, vielleicht hervorragender Trainer zu sein. Was andere Trainer nicht haben (bspw. ein tiefstehendes Konterspiel umzusetzen, das kann mit ein bisschen Disziplin und korrekter Einschätzung der Spieler im Grunde jeder Coach einigermaßen umsetzen). Das nützt Werder nur schon lange nicht mehr viel.
Ich sehe insbesondere drei Gründe, warum es Schaaf nicht (mehr) hinkriegt, seine (gute) Idee vom modernen Fussball effektiver umzusetzen.
Erstens überschätzt und überfordert er seine Spieler mit diesem System/ Ausrichtung ohne klar vorgegebene Richtlinien.
Zweitens ist Schaaf, so gerne er von der Idee her Variabilität und flexible Spieler sehen möchte, selbst zu wenig ein Tüftler und wirkt im Gegensatz zu seiner eigenen Idee viel zu sehr wie ein trocken- calvinistischer Pragmatiker. Auch wenn ich eine dünnhäutige Pfeife wie Tuchel nicht bei Werder sehen möchte, der ist in dieser Beziehung der genaue Gegenentwurf zu Schaaf. Der wechselt die Spielformation nach Stärken und Schwächen, Formtiefs der eigenen Spieler und den Stärken und Schwächen des Gegners, wechselt von gezieltem Ballbesitzspiel auf Scheinreagieren/ defensives Agieren. Man kann auch nicht die Raute, wenn Tuchel sie spielen lässt mit der Raute, wie Schaaf sie spielen lässt vergleichen. Weil Tuchel konsequent auf Systemfussball setzt, auf abgestimmte Laufwege oder Abstände. Dies ist in schlechten Phasen genauso anfällig, hat allerdings den Vorteil gegenüber TS und Werder, dass das System an sich keine vorrangige Bedeutung einnimmt. Hier würde Maddin` s These, die er gerne bei Werder anführt, aller meistens zutreffen. Nur halte ich diese in Bezug auf Werder und Schaaf für nicht richtig. Denn so flexibel die Positionstäusche usw. bei uns aussehen, so sehr ist das alles doch vom System Raute abhängig Besetzung zentraler Positionen und damit wesentliche Anspielpunkte (Vertikale), Zuordnung der Defensive in Balleroberung/ Pressing (Horizontale).
Drittens gibt es mittlerweile einige Gegner mehr in der Liga, die a) nicht so dumm sind plus die Qualität haben und sich daher gegen dieses System zu wehren wissen und b) wir inzwischen von einer besonders extremen Auffassung des Fussballs überholt werden, die auf aggressive Weise System, Antizipation und Dauerlauf arbeitet und verinnerlicht.
Und hier liegt halt der Kardinalkritikpunkt an der Arbeit Schaaf`s. Natürlich ist es falsch zu behaupten, dass TS nicht an den Fehlern arbeiten würde. Es ist eben bloß ein Unterschied, ob man an Fehlern insofern arbeitet, dass versucht wird, diese einzugrenzen oder etwas unternimmt, um die Ursachen für immer wiederkehrende Fehler abzustellen. Die liegen wie oben beschrieben ziemlich klar auf der Hand.
Er scheint obige Punkte einfach zu ignorieren oder es als nicht zukunftsorientiert genug einzustufen, davon dauerhaft abzurücken. Denn sehr schnell kommt auf zuverlässige Weise Schaaf`s Saisonphase, in der er meint, seinen Fussball spielen lassen zu müssen und es ist ihm total egal, wie viele Punkte und Gegentore das kostet. Dummerweise kommt diese Phase der Rückfälle in alte, schlimme Muster mittlerweile immer früher, das wirkt ähnlich wie bei Suchtkranken, die nach dem ersten positiven Erlebnis oder nüchternem Tag meinen, sie hätten es überstanden. Und ähnlich wie bei Suchtkranken, die solange nicht verstehen, dass sie süchtig sind, bis sie erst ganz am Boden liegen, sehe ich es auch hier. Solange es so weiter geht wie bisher bzw. TS so weitermachen kann und darf, wird sich im Kern nichts daran ändern. Sondern es wird mal hier und mal dort an den Stellschräubchen ein wenig gedreht und verbessert, was die Leute hier im Forum abfeiern lässt, aber das notwendige Gesamtkonstrukt übersehen. Im Kontext kommen im Übrigen die Aussagen von Naldo oder Pizarro ob der korrekten Analysen für mich überhaupt nicht überraschend.
Zwei Vergleiche, die ganz gut taugen:
Dutt muss derzeit zum Rapport bei Völler & Co., um die Hinrunde zu erklären, es wird scharf analysiert trotz des CL-Achtelfinales. Bei Werder werden fröhlich Verträge verlängert und alles liegt sich in den Armen (wie die zahlreichen Schaaf-Jünger auf der Gegenseite überzeichne ich hier bewusst, denn es ist ja klar, dass man nicht alles weiss, was intern abläuft). Zitat PT es ist repräsentativ. Werder hatte mMn in der letzten wie in dieser Saison rein von den individuellen Qualitäten her einen Kader auf Augenhöhe mit Leverkusen.
In der Saison 2006/ 2007 verspielte Slomka mit Schalke ebenso die Meisterschaft als Zweiter wie Werder als Dritter. Allerdings hatte Werder den deutlich stärkeren Spielerkader und scheiterte (was recht leicht nach nachweisbar ist) an schlimmen taktischen und strategischen Defiziten. In der darauffolgenden Saison überflügelte Werder am 28. Spieltag Schalke mit einem 5:1-Sieg (übrigens einer von 2 Siegen der letzten 8 oder 10 Jahre gegen S04), auf Platz 2. Slomka wurde nach dieser Partie entlassen, obwohl er gerade das CL-Viertelfinale erreicht hatte (wo hingegen Werder kläglich in der Vorrunde ausgeschieden war). Schalke und Werder blieben am Ende souverän auf 2 und 3.
Wir hätten meiner Ansicht nach mit der Spielausrichtung wie in Hopp oder gegen den HSV niemals in Hannover verloren. Und wir sind auf Schalke nicht ausgekontert wurden, jedenfalls nicht bei den ersten Toren. Genau das zeigt aber unsere Defizite erst recht schonungslos auf. Wenn wir tiefer und kompakter stehen wollen, dann funktioniert das genauso wenig wie wenn wir selbiges in der Offensive versuchen. Schalke brauchte nur dem Pressing, welches die Dreiecke der Raute ausüben wollen, mit einer klugen Spielverlagerung oder einem gescheiten Seitenwechsel entrinnen, um Werder`s Seifenblase zum Platzen zu bringen. Weil Werder - und zwar seit vielen Jahren eine Desorganisation und Unordnung im Raum offenbart, wie sie glaube ich bei keinem anderen Team der Liga zu finden ist. Alle Mann auf einer Seite oder gigantische Abstände zwischen den Mannschaftsteilen. Grauenhaft. Jetzt ist auch klar, warum der Trainer lieber das Heil in der Flucht nach vorne sucht.
Hab mir mal die Mühe gemacht und bei unseren angeblich guten Spielen gegen Stuttgart und WOB unsere Gegner angeschaut. Selbst die hatten nicht derartige Defizite in der Raumaufteilung wie wir. WOB hat lediglich den Fehler gemacht, dass sie es eng machen wollten und Höhe Mittellinie zu eng gemacht haben, so dass sie weder den Aufbau Werder`s in DM/ IV stören noch eine zu hohe Verschiebung ihrer Abseitslinie verhindern konnten. Hinzu kam eine nicht eingespielte Viererkette.
Abgesehen vom Image und der sportlichen Seite schadet der Trainer mit seinem verbitterten Festhalten an System und Spielausrichtung dem Verein seit einigen Jahren auch finanziell. Weniger, weil die CL mittlerweile immer öfter verpasst oder die Vorrunde dort nicht überstanden wird, sondern vor allem, weil sich auf diese Weise keine Spieler mehr weiterentwickeln. Ständig sind Spieler auf der einen Seite zu viel, auf der anderen Seite haben wir keine Akteure für die Raute.
Das ist aber kein Problem der Transferpolitik, denn es wäre ja grundfalsch, immer die selben Leute für ein unumstößliches System zu holen (mal abgesehen davon, dass das ohnehin immer schwerer wird), wenn man sich weiterentwickeln will. An dieser Stelle verstehe ich auch Allofs langsam nicht mehr. Warum er sich seine gute Arbeit vom Cheftrainer kontinuierlich kaputtmachen lässt. Schauen wir uns nur diese Sommertransfers an. Letzte Saison fehlten für die Umsetzung des Schaaf-Fussballs vor allem in der Zentrale die Spieler, die schnellen, direkten Fussball können, dazu die Gefährlichkeit bei Standards. Mit Ekici holte er einen Spieler, der schon im Bayern-Nachwuchs als intelligenter Akteur galt und flexibel auf Doppelsechs, hinter einem Stürmer oder auf Außenpositionen geschult wurde. Und diese Anlagen sowie die vorangegangene gute Ausbildung hat er in Nürnberg gleich im ersten BL-Jahr gezeigt er kann Konter einleiten, hat den Blick für den Raum. Dann wundern wir uns, dass er bei uns irgendwie in eine Raute mit falscher (Offensiv-) Ausrichtung gezwängt wurde und sonderbarerweise nicht funktioniert. Es steckte doch eine Idee hinter der Trybull-Verpflichtung, der zeigt doch jede Woche, warum er perspektivisch geholt wurde. Es wurde Iggy verpflichtet, der defensiv flexibel einsetzbar und gut ausgebildet ist, was von Anfang an deutlich zu sehen war. Genauso wie bei Lukas Schmitz, den Magath nicht ohne Grund vor zwei Jahren zum BL-Spieler machte und auf LM, LV oder DM einsetzte und warum gleich noch Harthertz dazukam sowie Cimo Röcker Profi wurde (?). Im Moment ist Schaaf dabei, die AV` s wieder einmal sinnlos zu verheizen.
Aber Allofs scheint, wenn ich mir seine Statements in der Pressekonferenz so anhöre, schon viel zu lange das Bremische Klima samt gelebter Kontinuität inhaliert zu haben. Egal wie falsch das ist.
Sicherlich ist die Vertragsverlängerung aus Werder-Sicht irgendwo nachvollziehbar und es war klar, dass das unabhängig von irgendwelchen Spielen oder Tabellenständen passiert. Tief im Inneren hatte ich trotzdem gehofft, dass der Spuk spätestens nach dieser Saison ein Ende findet. Innerlich hatte ich dabei an Schaaf selbst gedacht, sozusagen dass er selbst merkt, was er als Gegenleistung zur uneingeschränkten Treue seines Vereines seit 4 oder 5 Jahren für einen beschissenen Job macht. Aber diese (unsichtbare) Schranke vor seinem Kopf, die den Blick auf` s grosse Ganze öffnen könnte, wird wohl nicht mehr hochfahren, es ist viel mehr furchtbar festgefahren.
Dennoch macht Schaaf es clever. TS reizt vieles bis zum Erbrechen aus, aber er wird es niemals bis zum bitteren Ende durchziehen, so wie Skibbe bei Eintracht letzte Saison. Irgendwann findet er dann wieder die Kehrtwende, merkt, dass mal ein paar Spiele der einfache Fussball sinnig ist und prompt kommen die Ergebnisse. Ergebnisse, die am Ende für einen "respektablen" 8. Platz mit 68 Gegentoren sorgen, den man dann wie üblich mit dem "Standortnachteil" Werder`s

, einer Mannschaft im Aufbau oder was weiss ich sonst noch rechtfertigen und verklären kann.
Der Vertrag eines Fussballlehrers, der nicht einsieht, dass er mit seinem Stil und seinem System zwei Drittel der Truppe vielleicht sogar generell, mindestens aber so wie es ihnen vermittelt wird, völlig überfordert, gehört sofort gekündigt, nicht verlängert. Mit dieser Vertragsverlängerung demonstriert Werder Stärke, meinetwegen. Ich halte` s dennoch für fatal. Ganz abgesehen davon, dass es eine schallende Ohrfeige für die meisten lizensierten Fussballtrainer des Planeten ist, die sich mit den spieltaktischen Erfordernissen eines erfolgreichen Spiels auseinandersetzen und einen entsprechenden Leistungsnachweis erbringen müssen.
Mir persönlich wäre ein 10. Platz recht, wenn eine Entwicklung erkennbar ist, so wie am 4. und 5. Spieltag, nur eben dauerhaft und nicht nur dann, wenn sogar Schaaf gerade mal zwei, drei gute Ergebnisse bringen muss. Mir ist übrigens sehr wohl bewusst, dass obige Ansichten nicht "repräsentativ" sind, weil es generell nicht "repräsentativ" ist, sich detailliert mit Fussball auseinanderzusetzen oder zu hinterfragen.