Das letzte Spiel ließ mich zunächst etwas ratlos zurück. Irgendwie wirkte alles so unausgegoren und dennoch bemüht, so ziellos und gehemmt, so als übe da Wer etwas ohne genau zu wissen worin eigentlich der genaue Sinn des Geübten liegt. Befremdlicher Weise entstand vor meinem inneren Auge allmählich folgende kleine Szene:
Wir befinden uns im 3. Stock des Geschäftsstellenturms vom Weserstadion. Eine Gruppe von knapp dreißig Leuten hat sich durch die Tür mit dem Hinweiszettel
„Selbsterfahrungsseminar – Lebensfreude und Selbstvertrauen durch Fußball – Nachbereitung zum Anfängerkurs 2010. Leitung durch den Trainer“
gezwängt und die Plätze eingenommen. Man kennt sich zum größten Teil noch vom letzten Kurs. Einige neue Gesichter sind hinzugekommen, die sich noch etwas ratlos umschauen. Noch bevor man sich gegenseitig bekannt macht tritt der Seminarleiter auf.
„Moin, meine Herren, wir treffen uns hier noch einmal, um zu sehen, was wir dieses Jahr verbessern können. Die Dinge liefen im letzten Jahr nicht so wie wir es erhofft hatten. Wir hatten gehofft durch dieses „Fußball“ etwas mehr Freude und Zuversicht in unser Leben zu bringen. Aber das hat nicht richtig geklappt. Oft waren wir ratlos und manchmal irritiert, ja sogar verwirrt, aber Spaß hatten wir wenig und Selbstvertrauen konnten wir überhaupt nicht sammeln. Wir haben aber gesehen, dass die gelbe und ein paar rote Gruppen alles dies im Überfluss hatten und dass wir, wenn wir die Situationen annehmen und uns erst richtig beweisen vielleicht auch einmal diese Dinge erleben werden. Deshalb wollen wir versuchen heraus zu bekommen, was die Anderen anders gemacht haben als wir.“
Teilnehmer meldet sich: „Ich weiß nicht, vielleicht liegt’s an den Farben? Bei den anderen meine ich. Gelb und Rot und so. Das ist schon mal eher fröhlich, oder? Grün kam mir schon immer ziemlich trist vor. Vielleicht kann man da was machen?“
„Eine gute Idee. Das haben wir mit der Kursleitung auch schon besprochen und uns dann gesagt, wenn schon denn schon, warum machen wir es nicht orange, dann haben wir beides in einem!“ Holt ein merkwürdig gestreiftes Hemdchen aus der Sporttasche und hält es hoch. Unruhe breitet sich aus. Vereinzelt Gelächter. Einer meldet sich: „Gut okay, das ist oben orange und unten grün. Irgendwie inkonsequent. Aber warum zeigen diese Pfeile da nach unten, wenn wir hier lernen wollen Zuversicht und solche Sachen zu lernen?“
Der Leiter zieht die Brauen hoch und blickt den Fragenden unschlüssig an. „Tja, weiß ich auch nicht. Vielleicht ist das nicht so wichtig. Wir haben hier noch eins in ganz Grün und eins in Weiß mit orangenen Zacken. Sind die besser?“ Lautes Gelächter im Saal beantwortet auch diese Frage. Einige schlagen sich mit der flachen Hand vor die Stirn und schütteln entsetzt den Kopf. Der Leiter notiert sich diese Teilnehmer. „Okay, zurück zum Thema. Ich habe mich mal schlau gemacht wie dieses „Fußball“ eigentlich funktioniert und was man machen sollte, um Spaß dabei zu haben und so weiter. Ich habe viele gefragt, die was davon verstehen und alle haben dasselbe gesagt. Wenn ich das richtig verstanden habe kann man es in etwa so zusammenfassen: Zu aller erst muss man die „Ordnung“ halten und die „Abstände“; und dabei viel laufen. So macht man den Gegner müde. Und wenn dann so 70 Minuten vorbei sind und alles geklappt hat, dann rennen ein paar von uns immer nach vorne und versuchen diesen Ball (lässt den Ball zur Veranschaulichung im Saal herumgehen) in das Tor der Anderen zu schießen.“
Erneut Unruhe im Auditorium. Einer, bei dem der Ball gerade auf dem Tisch liegt kratzt sich bedächtig den Schädel und meldet sich zögernd zu Wort:
„Ähm, Herr Seminarleiter…“ „Nenn mich Trainer!“ - … „Okay, also Trainer. Ist gut. Also das scheint mir alles irgendwie merkwürdig. Dieses ganze „Ordnung halten“ und so. Ich verstehe ehrlich gesagt überhaupt nicht, was daran Spaß machen soll.“ Zustimmendes Gemurmel im Saal. Der Sprecher fühlt sich bestätigt und fährt ermutigt fort „Und was heißt Abstände? Abstände zu was? Ich meine von wem zu wem oder was? Ich kapiere das nicht. Und wie soll man das machen, wenn man die ganze Zeit auf dem Feld rumrennt? Da entsteht doch zwangsläufig Chaos! So was kann doch nicht ernsthaft dazu dienen Selbstvertrauen aufzubauen. Oder seh‘ ich das falsch?“
Der Trainer blickt einen Moment lang irritiert und fragend ins Leere und gibt dann einen erstickten Laut wie „Grmpf“ von sich. Er streicht sich die Falten glatt, notiert sich etwas in sein Heftchen und wendet sich an den Frager. „Ja, da muss ich zugeben das weiß ich nicht so genau. Das mit dem Spaß und so soll dann ganz von allein kommen. Also wenn man den Ball da in das Tor schießt jedenfalls“, denkt ein Weilchen nach bis ihm offenbar eine Idee kommt. Er nimmt ein wenig mehr Haltung an und verkündet mit Stolz erfüllter Stimme „Ich glaube ich habe da eine Idee. Ich würde deshalb vorschlagen wir machen das mal so, dass wir beim nächsten Mal versuchen alle so etwa 6-7 Meter entfernt von einander auf dem Platz zu stehen und diesen Abstand auch immer bei zu behalten, egal wohin wir gerade laufen, denn das müssen wir ja auch, Laufen! So und wenn das klappt, dann sieht das doch schon mal auch ordentlich aus… - HA! Ich hab’s! Wegen dieser Sache mit dem Ball und dem Tor und dem Spaß. – Wir werden versuchen der anderen Gruppe den Ball weg zu nehmen. HA! Und deshalb machen wir unsere Übung immer genau da, wo die andere Gruppe gerade spielt. HAHAA! Und dann, wenn wir denen den Ball geklaut haben schieben wir ihn in unseren Reihen immer hin und her. Dann ist das doch alles viel interessanter und auch kurzweiliger.“ Schaut sich leicht euphorisiert im Auditorium um. „DAS WIRD EIN RIESENSPASS, meine Herren!!“ Klopft sich begeistert auf den Oberschenkel. Ein Freudentränchen kullert die faltige, sonst so grämliche Wange hinab. „Hat noch jemand Fragen? Irgendwas nicht verstanden?“
Nachdem sich der Tumult im Saal einigermaßen gelegt hat meldet sich der Frager von eben noch einmal. Er wirkt unverändert leicht verwirrt. „Trainer, SUPER. Ehrlich. Das klingt erstmal voll fett und so. Also Spaß kommt da bestimmt auf. Trotzdem. Ich kapiere das aber immer noch nicht ganz, glaube ich.“ „WAS kapierst du nicht?“ Der Frager zuckt leicht zusammen. „Nun ja. Abstände halten und Ordnung und dabei viel Laufen und den Ball hin und her schieben ist ja alles toll, ehrlich, aber was ich nicht verstehe ist: wie kriegt man so den Ball ins Tor? Das soll ja schließlich erst den richtigen Spaß bringen. Und Selbstvertrauen und….“
Eine Explosion erschüttert den stillen Seminarraum.
„WOHER SOLL ICH DAS WISSEN, VERDAMMTE Ups, ich muss meine Wortwahl ändern
?! MIR REICHT’S HIER GLEICH MIT EUCH! DA DENKT MAN SICH STRATEGIEN AUS, WIE MAN SICH IN DEN SITUATIONEN ANBIETEN UND BEWEISEN KANN, WIE MAN DIE DINGE ANNIMMT, WIE MAN SICH ZEIGEN KANN UND DEN DINGEN STELLEN UND DANN KOMMT IHR MIR HIER MIT SOLCHER KINDERKACKE?! IHR HABT WOHL EINEN NASSEN HELM AUF!? JETZT RAUS AUF DEN PLATZ ZUM ÜBEN!!!“
Und das taten sie dann auch.