Speziell zu diesem, aber auch zu Deinem längeren Beitrag und an Mezzo etc..:
Ich frage mich ernsthaft, was Ihr eigentlich erwartet? Man vermutet an Euren Beiträgen ja schon fast, dass Ihr davon ausgeht, einige Wochen Vorbereitung und ein paar neue Spieler reichen, um eine mehr oder weniger völlig zerstörte Mannschaft aus der Vorsaison wieder zu einem potentiellen CL-Teilnehmer zu machen. Man kann doch nicht mit einem Fingerschnipp alle Probleme der Vorsaison einfach so abstellen..
Ich stimme Euch zu, dass wir gegen Leverkusen in jeglicher Hinsicht offensive Kreativität haben vermissen lassen und dass dies in der vergangenen Saison eine unserer Hauptschwächen war. Aber ich sehe zumindest, dass das andere große Problem der Vorsaison, nämlich die viel zu vielen leichten Gegentore, die gefühlt jeder Gegner ohne jegliche Gegenwehr erzielen konnte, bisher gut in den Griff bekommen wurde. Wir gehen wieder in die Zweikämpfe, wir gehen verlorenen Bällen hinterher und wir scheinen wieder ein Team zu sein. Ich habe den Auftritt der Lauterer gegen Augsburg übrigens auch gesehen und kann somit unseren Sieg im ersten Spiel schon einigermaßen richtig einschätzen (also nicht zu hoch hängen). Aber da haben wir z.B. über Wesley, Ekici und Schmitz schon einige sehenswerte und effektive Offensivaktionen gesehen. Das hat nun gestern nicht geklappt und das ist schade, weil gegen diese Leverkusener definitv mehr drin gewesen wäre, aber ich habe nach den Auftritten in den ersten zwei Spielen (Heidenheim hab ich nicht gesehen) schon einen besseren Eindruck als in der gesamten letzten Saison. Letztendlich macht das Mut, mir zumindest. Mann kann nun wieder alles schwarz sehen und alte Fehler von TS ranziehen und sagen: "Das sah schon wieder genauso aus wie früher", darf dabei aber nicht vergessen, dass das Personal im Mittelfeld weitestgehend das gleiche ist. Ich bin gespannt, was mit Ignovski kommen wird, was mit Ekici sein wird, wenn er sich eingespielt hat, und wie sich Bargfrede und Fritz im DM verstehen werden, wenn dies die bevorzugte Variante sein sollte. Das sind alles noch Fragezeichen bzw. Schrauben, an denen man drehen kann. Aber wo diese Mannschaft "blutleer" sein soll oder wo sie nicht an physische Grenzen gehen soll, das konnte ich trotz aller verbesserungswürdigen Punkten in den ersten Spielen nicht erkennen, sorry.
Reden wir hier von einem neuen Trainer, der dem Team ein neues Spielsystem verpassen möchte, oder von einem Trainer, der seit 12 Jahren den selben Club trainiert?
Reden wir von der selben Qualität an Spielern, wie sie, verletzungsbedingt, über weite Strecken der vergangenen Saison zur Verfügung stand, oder über einen Kader, der nicht nur aufgrund von Zugängen bei ausbleibenden, signifikanten Abgängen verstärkten Kader, dessen Verletzungsprobleme sich deutlich dem Ende annähern?
Ich möchte mit aller Deutlichkeit herausstellen, dass ein Welpenschutz für Thomas Schaaf absolut deplatziert, ja nahezu grotesk wäre. Die von Dir angesprochenen vielen leichten Gegentore der letzten Jahre waren ein Produkt der Arbeit von Thomas Schaaf, wie auch die offensiv geprägte Spielweise der vergangenen Jahre mehr oder weniger ein Produkt seiner Arbeit war.
Aus einer zumindest für die Öffentlichkeit klar erkennbaren Handschrift des offensiven und attraktiven Fußballs, bei dem ein 4:3 lieber gesehen wird, als ein 1:0, wurde eine schwammige, nicht zu durchschauende Handschrift, die sich die Frage gefallen lassen muss, ob sie überhaupt eine solche ist.
Der Umbau des Kaders, der Wechsel der Grundphilosophie und die Umsetzung eines neues Spielsystems unter Schaaf darf nach nun zwei Jahren, in denen man immer mal wieder das System wechselte, in denen man in jeder Vorbereitung an den Systemen herumbastelte und in denen man in letzter Konsequenz nur selten dazu in der Lage war, auch nur eines der beiden Systeme brauchbar umzusetzen, durchaus als gescheitert angesehen werden.
Das Mindeste sollte jedoch sein, nun sofortige positive Ergebnisse einfordern zu dürfen, die nicht unbedingt deckungsgleich mit denen auf der Anzeigentafel sein müssen, aber in der Wahrnehmung in die richtige Richtung führen sollten.
Diese positiven Ergebnisse sind jedoch bislang ausgeblieben. Im Gegenteil: Werder entwickelt sich mit hohem Kostenaufwand, aber ohne Plan und System stetig zurück und droht, dauerhaft im Mittelmaß zu versinken. Betrachtet man, wo man 2007/08 qualitativ und vor allem spielerisch stand und stellt es in Relation zu heute, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass man einen rapiden Schritt zurück ging.
Die Frage, die sich ebenso leicht stellt, wie man sie beantworten kann, lautet: War dieser Rückschritt nötig, um zwei Schritte nach vorne zu machen? Ich behaupte, dass dieser Rückschritt nicht nötig war.
Man warf ein vernünftiges Fundament weg, bastelte -anfangs wohl noch mit einer Vision- munter an allen Stellschrauben heraum und verlor irgendwann, wahrscheinlich mitten in der Verletztenmisere, völlig den Überblick. Was bleibt, ist eine Mannschaft ohne System, ohne Gesicht, ohne Aussage und ohne Überzeugung.
Auch, wenn man es nur ungerne hört: Auch das ist ein Produkt der Arbeit von Thomas Schaaf, der trotz seiner unbestritten großen Verdienste um Werder Bremen keinesfalls eine heilige Kuh darstellen sollte.
Wie planlos dieser Umbau von Statten ging, ist gut an drei sündhaft teuren und sicherlich auch talentierten, im System aber heimatlosen Spielern abzulesen. Marko Marin, Marko Arnautovic und Wesley. In diesem anfangs von Schaaf forcierten, heute aber völlig verwässerten System gibt es eigentlich für keinen dieser drei Spieler ein Zuhause.
Welche Auswirkungen die ganze Entwicklung auf die Mannschaft hat, kann man an nahezu jedem einzelnen Spieler ablesen.
Ein Per Mertesacker gehört zwar zu den wichtigsten Werder-Spielern, stagniert aber in seiner Entwicklung und wurde in jüngerer Vergangenheit leistungsmäßig von Spielern wie Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Holger Badstuber oder Jerome Boateng zumindest eingeholt, wenn nicht gar überflügelt.
Ein Clemens Fritz ackert unabhängig von der Position, die Zielstrebigkeit, die ihn einst auszeichnete, ist allerdings völlig abhanden gekommen und niemand mehr würde auch nur im Ansatz auf den Gedanken kommen, ihn als das bezeichnen, was er einst war: Einer der drei besten Rechtsverteidiger der Bundesliga.
Mit anderen Worten: Werder ist derzeit nicht dazu in der Lage, diese fünf Spieler an das Maximum ihrer Leistungsfähigkeit zu führen - was unweigerlich auch ein Versagen Schaafs darstellt.
Natürlich kann man argumentieren, dass man nicht alles am Trainer festmachen kann - und dieses Argument ist gleichermaßen gewichtig wie richtig. Unterm Strich allerdings bleibt, dass wir das, was einige hier trotz dauerhaft negativer Entwicklung in den letzten Jahren hier fordern, nämlich Zeit, nicht mehr haben, wenn wir nicht völlig im Mittelmaß versinken wollen.
Dass Werder unter Thomas Schaaf noch einmal die Kurve bekommt, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich, denn Schaaf vermittelt nicht den Eindruck, noch eine Botschaft an die Mannschaft auszusenden. Für das, wofür Schaaf einst stand, steht er jedenfalls heute nicht mehr. Die Frage ist nur: Für welche Art Fußball steht Schaaf?