Das stimmt.
"Wir verwechseln viel Ballbesitz und technische Überlegenheit mit Spielkontrolle." Das ist für mich glaube ich das Allerwichtigste. Werder ist mehr oder regelmäßig überfordert, wenn es um mehr geht als wer den besseren Fußball spielt. Spielkontrolle, das, was man in strategischen Spielen einen "Spielplan" nennt, das gibts bei Werder scheinbar oder anscheinend nicht. Damit hängen zusammen die sträfliche Vernachlässigung solcher Begriffe wie Defensivarbeit, Absicherung, Raumaufteilung.
Jetzt ist die Situation allerdings eine andere, im Moment geht es weniger um den Gang an die Spitze, sondern darum, nicht zu weit wegzudriften.
Das Verhältnis Werders dazu gefällt mir im Grunde auch nicht. Sicher wird nach jeder Niederlage der Ernst der Situation beschworen. Aber auf der anderen Seite sieht man sich nach jedem zweiten Spiel sofort wieder auf dem Weg der Besserung. Oder die Reaktionen von Schaaf gestern nach dem Spiel.
Beides wirkt für mich wie ein Alkoholiker, der sich a) nicht eingestehen und nicht darauf angesprochen werden will, dass er ein Problem hat und der b) nach jedem "trockenen" Tag meint, er sei jetzt über den Berg.
Fakt ist, zumindest aus meiner Sicht, dass Werder jetzt zu den ganzen Problemen, die auch schon im vorigen Thread angesprichen worden waren, in einer Situation stecktm für die man die völlig falsche Mannschaft hat. Die vorhandene ist aufgepumpt mit spielerischem Talent, Offensivfreude, Technik. Aber es fehlt ihr an dem, was im Moment besonders nötig wäre: Erfahrung, Abgezocktheit, Bissigkeit, von mir aus auch sowas wie Galligkeit, auch den eigenen Kollegen gegenüber. "Witzogerweise" scheint mir fast Wiese, den ich immer kritisiert habe, am Geeignetsten als Führungsspieler in dieser Situation. Sein Verhalten und sogar seine Spielweise sind durchaus gefragt für Mannschaften, bei denen es nicht läuft.
Ansonsten sind fast alle überfordert. Mit Abstrichen am Wenigsten vielleicht noch Baumann, der zuletzt meist zu den Besseren gehört und eben auch die Ruhe und die Erfahhrung hat (auch im Abstiegskampf mit Nürnberg).
Aber die anderen? Naldo ist das personifizierte Chaos, Mertesacker knickt ein, auf den Außenpositionen wechseln sich Not und Elend mit Pest und Cholera ab: Fritz ist unsagbar untergetaucht, Pasanen blass wie selten, Boenisch (verständlicherweise) überfordert, Tosic macht als Verteidiger einen Fehler nach dem anderen, symptomatisch, dass er noch teilweise als Lichtblick gilt, weil sein Spiel nach vorne so etwas wie Hand und Fuß hat.
Frings hat offenbar viel zu viel mit sich selbst zu tun, damit fällt die wichtigste Stütze, der entscheidende Stabilisator für die junge Mannschaft weg. Özil war gut und unbeschwert, solange Werder als Spitzenmannschaft galt, jetzt taucht er unter. Diego kann weniger denn je die Mannschaft führen, das Spiel machen, man kann froh sein, wenn er zwischen seinen Pirouhetten und dem Rausholen von Freistößen mal einen solchen oder einen Elfmeter reinmacht. Pizarro gibt sich alle Mühe, dürfte aber auch unzufrieden sein und verliert bei dem Bemühen und dem Eifer, überall zu sein, auch irgendwann seine Form. Almeida hat sowas wie Normalform, das heißt aber auch eine unglaubliche Streuung zwischen sehr guten und katastrophalen Aktionen.
Ein Spieler, der keine Wunderdinge macht, aber für genau diese Situation geeignet wäre, Vranjes, spielt keine Rolle. Gerade das zeigt mir, dass man auf der Ebene der sportlichen Leitung den Ernst der Situation noch nicht erkannt hat.
Starrsinnig will man mit der immer gleichen Spielweise, von der man glaubt, dass sie irgendwann mal erfolgreich war, weitermachen. Wobei man verkennt, dass man (mindestens zwischen 2003 und 2006, mit Abstrichen auch noch in den beiden Hinrunden 2006 und 2007) wirklich guten Fußball, auch mit einer Balance zwischen Offensive und Defensive gespielt hat, seither aber eigentlich nur noch "irgendwie offensiv" ist. Qualitativ liegen Welten zwischen dem Fußball, den Werder spielerisch in der Hinrunde 2003/04 und taktisch, strategisch, von der Ausgeglichenheit her in der Rückrunde der gleichen Saison gespielt hat, und selbst den besseren Spielen dieser Saison.
Das alles ist kein Weltuntergang - es gibt eben bessere und weniger gute Zeiten und es geht mir nicht um Personalisierung. Aber was mich krank macht, ist, dass seit längerer Zeit nichts passiert, dass nach den Spielen immer derselbe Quatsch erzählt wird, dass immer alles an den Spielern aufgehängt wird und dass keine strukturellen Fragen gestellt werden. Man hat sich offenbar zu lange darauf ausgeriht, dass (national) die Ergebnisse stimmten, dass Werder ständig für seine Spielweise gelobt wurde (wobei es zunehmend so war, dass staunend zur Kenntnis genommen wurde, wieviele Tore in den Spielen Werders fielen), dass man als unfehlbar galt. Jetzt hat man meiner Meinung nach die Schraube in die Richtung Verjüngung, Vernachlässigung der Defensive und von Erfahrung u.ä.überdreht.
Im Moment bin ich der Meinung, dass man diese Saison benutzen sollte, das Schlimmste zu verhindern (wobei es hilfreich wäre, den UEFA Cup über die CL nicht zu erreichen), vielleicht irgendwie, sei es über Platz 5 oder 6, über den UI Cup oder den Pokal einen internationalen Wettbewerb zu erreichen und sich ansonsten dem In-Sich-Gehen und der Weichenstellung zu widmen. Denn ich denke, dass es Zeit ist, die Ära der Double-Saison abzuschließen und sich der Frage zu widmen, wie ein Neuanfang aussehen kann.
MFG dkbs