Zum Thema Bildung habe ich auch noch "etwas" beizutragen.
(Gilt für Niedersachsen!)
1. Unser Bildungssystem ist selektiv. Chancengleichheit und Durchlässigkeit stehen auf dem Papier, in der Praxis finden sie kaum statt.
2. Frühe Selektion in drei schulzweigspezifischen Leistungsniveaus ist kontraproduktiv.
3. Um in dieser Gesellschaft wirklich erfolgreich zu sein, benötigt man das (Fach-)Abitur.
zu 1.:
Die Auflösung der O-Stufe im Jahre 2004 hat dazu geführt, dass Kinder spätestens in der 3. Klasse in verschiedene Schulformen vorsortiert werden. (Man bedenke, dass die SchülerInnen dann i. d. R. 8 oder 9 Jahre alt sind.)
Meistens erfolgt dann in der Grundschule eine Orientierung an die Leistungsstärkeren. Mittlere und schwächere Leistungsniveaus werden kaum noch bedient. Dieses führt zu extremen Frust, Angst vor Schulversagen und Gefühlen von Minderwertigkeit. Bereits Kinder in einem Alter von 10 Jahren haben oft eine gewisse Schulunlust verinnerlicht.
Die Auflösung der O-Stufe hat auch den Tot der Hauptschule eingeläutet. Dadurch, dass der freie Elternwille nach der Schulreform erhalten blieb, wurde die HS kaum noch angewählt. Die Programme zur Profilierung dieses Schulzweigs waren zwar teilw. gut und ehrenhaft, haben den Ruf der Hauptschule nicht signifikant verbessert. Heute gibt es relativ große Städte, in denen kaum noch eine HS-Klasse gebildet werden darf.
So sehen wir, dass es in den Hauptschulen zu merkwürdigen Zusammensetzungen in den Klassen kommt, oder HS-SchülerInnen in "Kombiklassen" in den Realschulen aufgehen. Gehen wir einmal von einer Stadt mit ca. 20000 Einwohnern aus, es gibt dann pro Jahrgang ca. 200 - 250 Kinder. Höchstens 20 Kinder werden an der HS angemeldet. Diese Kinder sind nicht unbedingt Leistungsschwach, sondern haben ganz andere Förderschwerpunkte. (Sprache, emotional-sozialer Entwicklungsbedarf, ADHS, ....). Natürlich werden aber auch Kinder aus bildungsfernen Familien angemeldet. Die Heterogenität dieser Klassen ist beeindruckend. Individuelle Förderung kann kaum stattfinden, da das Spektrum der Schwerpunkte einfach viel zu umfassend ist. Unterstützungsmaßnahmen für Kinder und Lehrkräfte finden kaum statt. Selbst Kinder mit einem hohen kognitiven Leistungsniveau in der HS können kaum gefordert werden, somit ist ein "Aufstieg" in eine Realschule fast nie realisierbar.
zu 2.:
In der 5. Klasse wird der Fächerkanon stark erweitert. (Fremdsprache, Physik, Bio, Geschichte, Erdkunde, ...). Erste Ansätze einer fachlich orientierten Arbeit werden angebahnt.
Eine erzwungende frühe, wenn auch meistens zutreffende Selektion, schränkt mMn einfach die Entwicklungsmöglichkeit vieler Kinder (vor allem Jungen) ein und ist sehr defizitorientiert.
Gemeinsames Lernen (Gesamtschule) würde den Druck aus der Grundschule nehmen und den Kindern einfach mehr Raum und Zeit lassen, sich zu entwickeln.
Um den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen zu begenen, könnte durch ein Niveaukurssystem (Forder- und Förderkurse) ab Klasse 5/6 auf die Neigungen der Kinder eingegangen werden.
Es geht mir nicht darum, die klaren Gymnasiasten zu bremsen. Kinder, die dem Leistungsanspruch entsprechen, sollten eben ein klassisches Gymnasium besuchen können und das Turboabi machen.
Diese Ansprüche erfüllen aber nicht alle Kinder. Für diese sollte man mMn die Schule wieder entschleunigen und mehr Ressourcen in den Bereich Erziehung und Bildung pumpen. Das würde die Chancengleichheit aller erheblich verbessern.
zu 3.:
In vielen Bereichen setzen die ausbildenden Betriebe relativ hohe und qualifizierte Abschlüsse voraus (Fachmann Systemgastronomie: min. RS-Abschluss). Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass das Abitur nicht mehr ausschließlich als Zugangsberechtigung zur Uni gesehen wird. Viele Abis drängen auf den Ausbildungsmarkt, RS- und HS-Abschlüsse haben es da schwer.