Bei allem berechtigten Lob für Löw`s Ein- und Aufstellungen, taktischen Leistungen muss ich ihm eine Teilschuld an der Niederlage gestern geben.
Zunächst fand ich die grundsätzliche, taktische Ausrichtung noch angemessen, weil natürlich klar war, dass weder die überfallartigen Konter, noch das schnörkellose, vertikale Direktspiel, so wie in den Spielen vorher, umsetzbar gewesen wäre. Gegen so eine top organisierte, im Umkehrspiel starke und intelligent im Raum wie im Pressing spielende, spanische Elf. Aber vom System her passte es eben nicht.
Was sich einfach nicht wegdiskutieren lässt, ist, dass unser Trainerstab inklusive dem Kompetenzzentrum Siegenthaler & Co. auf solch eine Spielweise fast keine Gegenmittel und Ideen parat haben. Unter dem Strich sind wir an Italien und nun zweimal gegen Spanien auf eine ähnliche Weise gescheitert. Es funktioniert dann, wenn ein paar deutliche Schwachpunkte beim Gegner im Vorfeld ausgemacht und im Spiel ausgenutzt werden, aber es funktioniert nicht, wenn es darum geht, mit eigenen konstruktiven Mitteln einen, vor allem defensiv wenig Schwächen zeigenden Gegner bezwingen zu können. Bei aller Anerkennung für ein starkes Spanien.
Gestern wäre es mMn eine Variante gewesen, etwas weiter vorn entscheidender zu attackieren, besser zu verschieben, um die Spanier vom letzten Drittel des eigenen Feldes weg zu halten, wo sie stets ihr Spiel auf engem Raum entfalten, wo sie dann jedem Gegner im Kurzpasspiel überlegen sind. Um 1.) deren Spielaufbau aus der Tiefe zu verhindern und 2.) das Einbeziehen aller ihrer Akteure für ihr Spiel in die Breite zu vermeiden. Dass das geht, haben die Schweiz oder Paraguay vorgemacht, die Schweizer mit flacher Hierarchie im Mittelfeld (Quadrat), die Paragayos mit einem vor die Viererkette gezogenen Sechser und einer flachen Drei davor. Beide mit einer hängenden Spitze. Das hatte in beiden Fällen den Effekt, dass die AV`s meist hinten gebunden wurden, dazu die Spieleröffnung der Spanier im Zentrumvor der Abwehr, im Kurzpass seltener gelang, weil sie grössere Abstände im Mf hatten. Espana konnte dadurch sowohl seltener das Spiel in die Breite entfalten, als auch schnell das MF überbrücken oder die Mannschaftsteile geschlossen und mit geringen Abständen in Gegner`s Hälfte schieben. Das war dann besser zu verteidigen, weil die Spanier a) weniger die Distanzschützen sind und daher ihre Chancen herauskombinieren müssen und b) als Folge von a) ihr Spiel in die Breite brauchen, so aber kaum nutzen konnten. Die Schweiz und Paraguay schafften das trotz weniger individueller Klasse in ihren Reihen als Deutschland.
Genau da wäre aus meiner Sicht ein wichtiger Ansatz für Siegenthaler und sein Team gewesen, hier hätte Löw taktisch variieren können/ eigentlich müssen. Zum Beispiel mit Khedira als Sechser und einer Drei davor - Schweinsteiger, Özil, Kroos, deren Hauptaufgabe es gewesen wäre, so zu verschieben, dass die AV´s nicht aufrücken und Pedro/ Iniesta so unterstützen konnten, wie es letztlich gelang. Poldi als hängende Halbspitze und ein reinstoßender oder Steilpässe initiierender Özil hätten Busquets und Xabi Alonso anders fordern, vor allem deren Spielaufbau mehr behindern können. Für das alles wäre aber mehr eigene Konstrutivität Bedingung gewesen, eben eine Mischung aus ca. 60% Gegnerorientierung und 40% Einbringen der eigenen (individuellen) Stärken. So wie das lief, war`s fast reine Gegnerorientierung und das Warten auf Fehler.
Die (taktische) Hilflosigkeit in dieser Hinsicht zeigt sich auch darin, dass die Ideen fehlen, mit einem Rückstand umzugehen. Statt das eigene Spiel in die Breite im Verbund mit dem Unterbinden des spanischen Spiels in die Breite zu forcieren, indem bspw. Marin zusätzlich (und schnell) über außen gekommen wäre, spielten wir am Ende mit zwei Mittelstürmern, einer davon ein reiner Abstauber und machten es so den Spaniern leicht, die Zeit runter zu spulen. Ein Gomez macht allenfalls Sinn, wenn über außen mit klaren Flügelspielern agiert wird oder aber der Gegner mit spielerischen Mitteln tief in seine Hälfte gedrückt wird. So aber machte es überhaupt keinen Sinn. Ähnlich war es schon gegen Serbien, Kroatien bei der EM oder in diversen Finnland-Spielen.
Mit Jansen für Boateng über aussen mehr Druck ausüben zu wollen, war zu dem Zeitpunkt allerdings richtig. Obwohl ich den Eindruck hatte, dass gerade Boateng von Minute zu Minute sicherer und stabiler wurde, freilich vor allem in seinen Defensivaufgaben. Während er in HZ 1 sicherlich einen Schwachpunkt darstellte, was allerdings auch mit der mangelhaften Arbeit Podolski`s nach hinten zu tun hatte. Apropos Podolski - der scheint einen völligen Stein im Brett beim Bundestrainer zu haben, nach seinen mäßigen Auftritten gegen Serbien und vor allem gegen Ghana wäre eine frühe Auswechslung schon mal angebracht gewesen. Wie gestern auch.
Spanien hat uns zudem mit einer uralten taktischen Finte bezwungen - als das Tor nicht fallen wollte und immer weniger ging, Deutschland mal kommen zu lassen, um Konzentration und Ordnung etwas zu lockern. Dies klappte, als wir plötzlich etwas mehr ins Spiel kamen, wonach die Spanier die Räume und fehlende Zuordnung zu einer Chance und Sekunden später zum Tor nutzen. Genauso schaffte es Holland vorgestern, als sie die Uru`s dann mal rauslockten und per Doppelschlag in diese Phase hinein das Spiel entschieden.
Alles in allem ist es das eine, aber entscheidende Manko, was uns nun dreimal scheitern ließ. Hier fehlt mir ein gewisser Lerneffekt und da ist mir auch das Durchschnittsalter als Ausrede mittlerweile zu billig.
Nichtsdestotrotz haben Löw und sein Team sehr viel mehr richtig als falsch bei dieser WM gemacht, das Konzept, was schon Klinsmann mit Löw seit 2004 auf den Weg brachten, erscheint mir das richtige. Nur das Feilen an Nuancen in der Umsetzung wäre nötig, um den nächsten Schritt zu schaffen. Und der wird dann mMn zu einem Titel führen.
Klar ist natürlich, dass jetzt wieder die "es-waren-vorher-alles-schlechte-Gegner" und "wir-hatten-einfach-nur-Glück" oder "ich wusste`s-doch-schon-immer"-Propagierer aus ihren Löchern kommen, um der N11 sowie Löw alles mögliche an Klasse abzusprechen.