Ich finde, daß die ganze Geschichte mit Wiese eine heikle Angelegenheit ist. Diejenigen, die Wieses Aussagen als begrüßenswert empfinden, haben natürlich nicht Unrecht, wenn sie auf Löws Kommunikationsdefizit hinweisen. Doch zu argumentieren, daß Wiese nie eine Chance gehabt habe, hilft auch nicht weiter. Denn wenn es nun Löws Ansicht ist (und augenscheinlich auch schon im Vorfeld war), daß Neuer der bessere Keeper ist, sollte man das akzeptieren. Denn nicht jeder, der einen Fußballer anders einschätzt als ich (oder wir), ist deshalb sofort ein Vollpfosten.
(Ja, ja, ich weiß. Nicht diese Entscheidung allein macht Löw angreifbar.)
Dennoch halte ich Wieses Vorpreschen für wenig diplomatisch und seiner Situation nicht förderlich. Ich bleibe dabei: eine solche Kritik an einer Trainerentscheidung wäre im Club niemals folgenlos. Sie ist auch schlicht nicht akzeptabel. Daß Wiese dabei viele richtige Sachen sagt, will ich gar nicht in Abrede stellen. Die Reaktion von t-online (wer hat noch mal einen Exklusiv-Vertrag mit den Bayern?) ist natürlich bei weitem überzogen, jedoch nicht bar jeder Grundlage. Denn es kann nicht angehen, daß 10 Tage vor dem Beginn eines Weltturniers ein Spieler seine persönlichen Befindlichkeiten zum Thema macht und damit den Führungsstil des Trainers kritisiert. (Und all diejenigen, die das Interview befürworten: seid Ihr noch fair gegenüber der Person Löw? Seid Ihr noch bereit, objektiv Maßstäbe an Löw anzulegen?)
Nun zur Reaktion Bierhoffs, zu der (vermeintlichen) Rückendeckung von Wieses Interview.
Was bleibt den DFB-Verantwortlichen denn anderes übrig? Löw und Consorten stehen doch schon genug in der Kritik (wegen Frings, wegen seltsamer Wechselspiele gegen Ungarn, wegen der Torwartposition, wegen der Kommunikationsdefizite, innerhalb des DFB sägt anscheinend der Sammer an Löws Stuhl ... und das sind nur die Dinge, die mir als Außenstehenden zugänglich sind). Sie können sich keinen (weiteren) Skandal erlauben. Wiese weist - mal wieder - auf ein seltsames Verhältnis zwischen Löw und den Spielern hin. Er spricht - mal wieder - an, daß Löw zwischenmenschlich alles andere als gut mit der Mannschaft umgehen kann. Ein solches Vorgehen zeigt - mal wieder -, daß Entscheidungen von Löw nicht von allen Spielern respketiert werden. Die Autorität wird - mal wieder - untergraben, weil ein Spieler sich (ob zu Unrecht oder Recht steht dabei gar nicht zur Debatte) nicht leistungsgerecht behandelt fühlt. Die Objektivität von Löw steht - mal wieder - in Zweifel, weil das Leistungsprinzip nicht angewandt worden sei. Und die Machtlosigkeit von Löw wird offenbar, weil ein Spieler - mal wieder - Kritik über die Medien in die Öffentlichkeit bringt.
Reagiert Löw darauf autoritär, würde doch dieser ganzen Kritik Nahrung gegeben werden. Die einzige souveräne Reaktion legt die Trainerrige nun an den Tag. Denn wenn sie intensiv auf Wieses Interview einginge, würde sie eine weitere Baustelle aufmachen, was sie sich schlicht nicht mehr erlauben kann.
Nichtsdestotrotz: es wird Zeit, daß endlich wieder gespielt wird. Denn dann haben die Medien endlich wieder richtige Meldungen, die sie bringen können.