Heißt das, dass die Spielweise von Schaaf ausgedient hat? Ich verstehe grad nicht, was du damit meinst.
Zu einem grossen Teil ist das mein Eindruck, ja (wobei ich doch sehr hoffe, dass TS diesen widerlegt).
Ob die Spielweise von Schaaf ausgedient hat oder nicht, lässt sich dennoch nicht so leicht beantworten, da das immer noch mit dem zur Verfügung stehenden Kader zusammenhängt, insbesondere der richtigen Mischung.
Meiner unerheblichen Ansicht nach ist doch eines in den letzten Jahren ganz deutlich zu erkennen: Um der Weiterentwicklung des Fussballs zu dienen, wird die Splittung der Fähigkeiten im Kollektiv immer wichtiger. Es geht um optimale Aufgabenteilung unter den Akteuren im Gefüge, also um den Ausgleich besonderer Fähigkeiten des einen mit den besonderen Fähigkeiten des anderen zugunsten der jeweiligen Stärken und zuungunsten der Schwächen.
Das ist doch letztlich nichts weiter als eine normale Entwicklung im Leistungssport. Fussball ist zu 98% beschrieben, es geht folglich immer mehr darum, wie die physischen und fussballerischen Fähigkeiten aller Akteure im Sinne eines Mannschaftsspiels am optimalsten genutzt werden können und dementsprechend eben um jene Aufgabenteilung (die Werder bspw. in der IV jahrelang sehr ideal hatte). Mehr hin zum Team und weg von der individuellen Verantwortung Einzelner. Deshalb ist die Zeit von Spielern wie Diego oder auch - teilweise - von Spielern wie Boro vorbei (sofern diese nicht umdenken). Deshalb hat die Viererkette den Stopper und den Vorstopper abgelöst, ist der typische, alleinige Spielmacher a`la Overath oder Bein heuer nicht mehr zeitgemäß und es geht hin zum dezentralen Ballverteiler (Özil, Misimovic), der über Aussen kommt oder eben dem, der rückversetzt aus der Tiefe gestaltet (Schweinsteiger, Sahin). Deshalb wandeln Systeme mit einem, zwei oder drei Stürmern mit jeweiliger Unterstützung durch Halbstürmer je nach Eigenschaften der dafür vorhandenen Spieler.
Diese Aufgabenteilung funktioniert am besten mit klarer Systembindung und mit individuell starken Spielern, die das verinnerlichen und daher stetig im Gefüge, teils sogar unabhängig von den Mitspielern, in der Lage sind, ihre Spielstärke zu halten. Weil sie ihre Aufgaben genauestens kennen und demzufolge neue Spieler leichter lenken können sowie auf Schieflagen und Unberechenbares Lösungen parat haben. Daher sehen mittlerweile so viele Trainer Individualität, die auf Mitverantwortung der Nebenleute verzichtet oder diese gar ignoriert, als grossen Makel in einem theoretisch idealen System.
Schaaf glaub ich, sieht das etwas anders. Er will möglichst viele Spieler unter den ersten Elf haben, die seine Maxime des "besonderen Angebots" erfüllen, also fussballerisch gut und unberechenbar sind und den Gegner hauptsächlich auf diese Weise vor Probleme stellen. Weniger aus einer guten Organisation und Ordnung heraus. Deshalb lässt er Spielern viele Freiheiten, damit sie diese Qualitäten entfalten können. Also alles in allem immer noch deutlich PRO Individualität. Das kann natürlich auch sehr gut funktionieren, wenn die Spieler innerhalb des Teams zusammen passen, wenn der Großteil intelligent genug ist, mit diesen Freiheiten was anzufangen. Weil dann die Spieler viel voneinander begreifen und ein harmonisches Kollektiv bilden. Gelingt das, spielen Taktik und System zwar immer noch eine wichtige, aber insgesamt eher untergeordnete Rolle. Ich glaube, das ist das Ideal, welchem Schaaf nachhängt.
Gelingt es aber nicht, spielen Taktik und System eine bedeutendere Rolle als jemals zuvor. Nur wird ein Romantiker wie TS früher oder später immer den sich "selbst entwickelnden Teamfussball" bevorzugen.
Der Fussball unter Schaaf wird daher stets mehr von einer optimistischen Art geprägt sein, als von einer taktisch klugen Vorgehensweise mit erkennbarer Spielstrategie. Das ist, wenn die Dinge einmal flutschen, immer mal wieder schön anzusehen, wirkt aber auf der anderen Seite oft furchtbar naiv. Die heutigen Defizite waren zu jeder Zeit mal mehr, mal weniger zu sehen, schon zwischen 2000 und 2003 haben wir auf dieser Basis Heimspiele gegen Hertha, den HSV, 1860 oder Hannover trotz haushoher, optischer Überlegenheit verloren.
Denn in solchen Fällen erweist es sich eben als grob fahrlässig, wenn eine Mannschaft ohne ausreichendes taktisches Rüstzeug und ohne erkennbar verbindlichen Handlungsrahmen auf den Rasen geschickt wird. Und es erfordert besonders in Zeiten, in denen es nicht läuft, also die Spieler die nötige Intuition und Selbstvertrauen vermissen lassen, unnötig Mut und Standfestigkeit, weil dann die Schwächen an Schaafs Herangehensweise gnadenlos aufgezeigt werden und dominieren.
Um auf Deine zentrale Frage zurückzukommen: Ich denke nicht, dass es quasi ein unüberwindbares Faktum ist, dass entweder nur das eine a`la Schaaf, oder nur das andere, also strikter Systemfussball funktionieren kann. Entscheidend zur Beantwortung dieser Frage wird schon in dieser Spielzeit sein, inwiefern TS es schafft, den nötigen Mittelweg zu finden. In der Vergangenheit hat er dies phasenweise immer mal wieder hinbekommen, allerdings meistens viel zu spät, dann auf kurze Dauer, wenn es gar nicht mehr anders ging, später ohne Nachhaltigkeit.
Ich persönlich kann mir einfach nicht vorstellen, dass wir mit dieser Schaaf-typischen, fehlenden Balance zwischen individueller Förderung einerseits und dem Lernerfolg in Bezug auf spieltaktische Erfordernisse des modernen Fußballs andererseits noch dauerhaft erfolgreich sein können. Nicht bei der Entwicklung der letzten Jahre, wo sich strukturiertes Mannschaftsspiel als eindeutig erfolgversprechender gegenüber dem schaafschen Individualprinzip herauskristallisiert hat.