Ich vertrat stets die Auffassung, dass Werder nicht ewig auf diesem hohen Niveau spielen konnte und irgendwann wieder auf dem harten Boden der Realität ankommen wird.
Die Auffassung war stets nicht unberechtigt.
Borussia Dortmund war Herbst 2005 quasi pleite, trotzdem war genug Geld da, um im Sommer 2006 Nelson Valdez von Werder für 5,7 Mio loszueisen. Diese Summe hat Werder direkt in Diego reinvestiert. Ausserdem war Leverkusen ein paar Jahre relativ neben der Spur, weil der Konzern aufgrund unzureichender sportlicher Erfolge (sprich Titel) die Investitionen, teils drastisch zurückgefahren hatte. Auch hier war zu erwarten, dass dies kein Dauerzustand sein würde. Hinzu kamen die ebenfalls konzerngesteuerten Geldzuwächse vom VW Golfsburg, anders als bei Bayer allerdings aus der Motivation heraus, mit mehr Kohle als ohnehin schon im BL- Vergleich, den nächsten Schritt zu schaffen. Dazu Schalke mit Gazprom und ähnlichen Hintermännern. Dazu Hopp.
Ich gebe Dir recht, wenn wir uns dies alles anschauen, dann war eigentlich schon damals klar, dass Werder sich wohl kaum dauerhaft unter den ersten Vier wird halten können, sobald andere Vereine ihre Hausaufgaben nur einigermaßen vernünftig erledigen.
Aber das ist nur die eine Seite. Die andere rechtfertigt nicht den dramatischen Absturz, der sich dann abspielte, erstmals Mitte der Rückrunde 2008 andeutete und 08/ 09 abzeichnete. Wir hatten damals aber immer noch genug Mittel. Als TS in einem längeren Interview so um 2011 herum erzählte, "taktisch hätte sich nichts geändert" und wenn Du dich an die Begründungen erinnerst, ausgerechnet in einer Zeit, als seine "Spielweise" gegen den konsequenten Systemfussball immer öfter an ihre Grenzen stieß, da konnte man sich ausmalen, wohin der Weg mit ihm führen kann, wenn kein Umdenken erfolgt.
Schon zwischen 2006 und 2011 waren doch elementarste Defizite besonders zu beobachten:
a)- stetige Abnahme der Spielkultur und Struktur (bei lange noch guten oder sehr guten Kadern), dem mannschaftlichen Spiel, Zunahme von Individualismus im Team
Parallel dazu
b)-fehlende Spielerentwicklung, speziell in den individualtechnischen Schwächen, passend dazu wenig Integration des eigenen Nachwuchses (beides eigentlich dramatisch in einem "Ausbildungsverein")
Parallel dazu das Ganze bei
c)-gleichbleibenden taktische Defiziten sowie in der strategischen (klugen) Spielführung
Das lässt sich nur in Nuancen an der Transferpolitik festmachen, wenn überhaupt nur in a), dafür klar dem Aufgabenbereich eines Trainerstabes zuordnen.
Die Probleme Werders würde ich daher weniger in den letzten zwei Jahren an Schaaf festmachen, als an den 4 oder 5 Saisons davor. Da wurde die (Negativ-) Basis geschaffen. Im Nachhinein war der zweite Platz 2008 und der dritte 2010, als die Mannschaft früh in der EL ausgeschieden war und dadurch zum Endspurt ansetzte, nicht gut für die Tiefenanalyse. Wir hätten die CL- Ränge nicht halten können, aber das Festhalten an einem unfassbar stoischen Trainer oder dessen fehlende Selbstkritik beschleunigte nicht nur diesen Prozess enorm, es fuhr den Verein viel weiter runter, hinter Vereine mit schwächeren Rahmenbedingungen.
Ich dagegen denke, dass es die fetten Werder-Jahre ohne Leute wie Otto oder Thomas nie gegeben hätte.
Die Zeiten kannst Du nicht miteinander vergleichen. Rehhagel übernahm in der zweiten Liga und rettete am Ende das riskante Unterfangen, praktisch mit einem BL-Budget das eine Jahr mit dem Aufstieg zu überstehen. Direkt danach stieg Werder unter Otto erstmals, abgesehen von zwei oder drei Jahren Höhenflug Mitte der 60er, von der grauen BL- Maus zum Spitzenteam auf, über viele Jahre. Das finanzielle Ungleichgewicht in der BL war nicht so extrem, gleichzeitig aber auch die Einnahmequellen für Werder erheblich begrenzter, im Gegensatz zu späteren CL-Jahren unter TS. Und bei Werder gab`s wenig Sachverstand um Otto, deswegen hatte er schon seinen Spieler Kamp ins Trainerteam geholt. Der Rehhagel Abgang traf den Verein deshalb besonders sportlich unvorbereitet. Rehhagel hatte keinen Sportdirektor, keine Frankreich- oder Südamerika- Kontakte (Allofs, Born), das kreative Querdenken entsprang fast ausschließlich seinen Ideen. Das war bei Schaaf anders.
Die ersten TS- Jahre ließen ebenfalls Zweifel zu. Es war kein Zufall, dass die erfolgreichen TS- Jahre, wo der Verein investieren konnte wie nie zuvor und auf dieser Basis zumindest individuelle Qualität im Kader anhäufte wie nie zuvor, direkt einhergingen mit dem damaligen finanziellen Erfolgsmodell der Ausgliederung KGaA und e. V.
Ich denke eher, dass 14 Jahre Schaaf kaum möglich gewesen wären, wenn es davor nicht 14 Jahre Rehhagel gegeben hätte. Der Traum der Altvorderen, die teilweise seit den Siebzigern in wichtigen Ämtern waren und sind, eine zweite Rehhagel- Ära fördern zu wollen, war einer der wichtigen Gründe, meines Erachtens. Dieser Versuch - also auf die Dauer - ist heftig schief gegangen. Dies musste auch KDF am Ende einsehen.
Hätte TS unter seiner Leitung für Werder keine Perspektive mehr gesehen, bin ich mir sicher, dass er selber seinen Platz geräumt hätte. Davon abgesehen - drei Jahre "Bewährungszeit" hat er sich allemal verdient.
Er hat seinen Platz aber nicht geräumt, sondern sich festgeklammert und vor allem, abgesehen von leichten System- und Hierarchieveränderungen im Team, im Kern immer so weitergemacht. Weil er es nicht nur durfte, auch mangels Kritik im Verein gar nicht darüber ernsthaft nachzudenken gezwungen war. Genau dieser Eindruck wurde uns stets vermittelt oder hattest Du das Gefühl, dass Schaaf jemals
ausreichend selbstkritisch mit sich und seinen Leistungen umging? Und diesen Vorwurf müssen sich die sportlich Verantwortlichen bei Werder gefallen lassen.
Zudem waren es eben nicht nur drei Jahre Bewährungszeit. Ich weiss noch, wie heftig die TS- Diskussionen in dessen Strang im Winter 08/09 abgingen, und zwar aus gutem Grund. Was da damals passierte, wirkte wie ein von langer Hand absehbares Ergebnis. Wir hatten zwischen 2006 und 2010 den zweitbesten BL- Kader und den wahrscheinlich besten der Vereinsgeschichte. Mindestens individuell gesehen. Trotzdem wurde uns das stete Gefühl vermittelt, dass wir aus der Rückrunde 05/ 06 gesehen auf 06/ 07, aus der verspielten Meisterschaft 07 wiederum auf Frühjahr 08 nichts gelernt und die Saison 08/09 einfach nur eine logische Folge war. Und deshalb beschäftigte die TS- Diskussion seinerzeit schon die breite Öffentlichkeit über Doppelpass, Kicker, 11Freunde usw. usf. Nur bei Werder intern niemanden.
Ja wir wurden am Ende Pokalsieger und standen im UEFA- Finale. Aber zwei Sachen werden in Bezug auf diese Spielzeit immer gern vergessen. Werder konzentrierte sich nach den neuerlichen Blamagen und Offenbarungseiden gegen schwächere Mannschaften in der CL erst auf die Pokalwettbewerbe, als die Mannschaft in der Liga bereits nach dem 20. Spieltag auf Rang 10 abgeschlagen war. Und dann ist es nun mal so, dass eine individuell in diesen Wettbewerben der Konkurrenz stark überlegen besetzte Mannschaft solche Wettbewerbe durchaus dominieren kann. Am Ende rettete der Diego- Verkauf und der Einzug in die EL über den Pokal die teuren, auf CL- Basis bezahlten Verträge.
Hätte TS "perspektivisch" gedacht, wie Du glaubst, hätte er dann nicht entweder die Zeichen der Zeit erkannt, wäre zurückgetreten oder aber, hätte strikt und klar an den Defiziten gearbeitet?
Meiner Meinung nach brauchte Eichin ein Opfer, durch dessen "öffentliche Hinrichtung" er zeigen konnte, wer der neue Herrscher im Werder-Staate ist.
Ziemlich unstrittig ist doch, dass Eichin, der von Schaaf mit ausgesucht bzw. bestätigt wurde, auf dieser Basis wohl nie ein Standing erreicht hätte, wie Du es aber als Sportvorstand haben musst. Es war keine "öffentliche Hinrichtung" (auch wenn es in den Medien natürlich wie eine solche vorkam), sondern ein sehr langes, sachliches Gespräch zwischen Eichin und Schaaf, orientiert an gewissen Visionen bei Analyse im Jetzt und Heute. Ausserdem hatte TS erstmals viele im Verein nicht mehr hinter sich, was an ihm nicht spurlos vorbei ging. Ersteres hat Eichin nochmal auf der Jahreshauptversammlung betont und unabhängig davon haben das auch andere, im Verein tätige Personen untermauert.
Der Schaaf- Abgang (nicht Entlassung) war für den Verein wichtig, möglicherweise überlebensnotwendig, dies hatten im großen Ganzen inklusive TS am Ende alle begriffen. Thomas Schaaf hat in Diskussionen um Robin Dutt überhaupt nichts zu suchen, weil es keinen sinnigen Zusammenhang gibt. Es geht nicht um die Frage, ob TS es besser (oder schlechter) hingekriegt hätte, sondern darum, dass es nun wenigstens eine neue Chance gibt, die unstrittig geschaffen werden musste. Wie der Verein und der neue Trainer diese nutzen, wird sich zeigen.