
Gute Beitrag wobei ich zwei Anmerkungen und ein paar Erweiterungen habe.
Anmerkung 1: Vielleicht ist es in deinem Beitrag undeutlich rübergekommen, aber ich würde Barcelona grundsätzlich eigentlich als DAS Beispiel für Kollektivität, System und Automatismen nehmen, an denen sich auch Bayern und Dortmund orientiert haben.
Anmerkung 2: Der Paradigmenwechsel findet eigentlich schon lange statt, zumindest hier in Deutschland. Hier hat sich in den letzten Jahren eine Trainergeneration hervorgetan, in der bestimmte mannschaftstaktische Ideen wie Kurzpassspiel, Pressing und allgemeine Situationslösungen im Kollektiv inzwischen common sense sind (dazu gehört auch Dutt).
Hierbei sehe ich übrigens auch die größte Herausforderung für Dutt in der aktuellen Phase, denn er beerbt einen Trainer, der im Grunde genommen der individuellen Klasse viel mehr Bedeutung zugestanden hat ohne diese am Ende ausreichend im Kader zu haben. Denn auch wenn Schaafs Idee vom Fußball im Endeffekt auch auf One-Touch-Spiel und agressives Pressing hinauslief, waren die Mittel zum Erreichen andere. In der erfolgreichsten Phase (2003-2006) war man der Liga in diesen Belangen tatsächlich sogar noch voraus. Man setzte dem verbreiteten flachen 4-4-2 die flexiblere und mehr Raum für Kreativität lassende Raute entgegen und hatte taktisch intelligente Spieler. Nur je mehr Geld man zur Verfügung hatte, desto mehr Spieler kamen die vor allem für individuelle Qualität standen, die "etwas anbieten" konnten. Anfangs stimmte noch die Mischung, man hatte einerseits Spieler, die in Einzelaktionen einfach besser waren als ihre Gegenspieler, und andererseits Spieler, die auch ein funktionierendes mannschaftstaktisches Gefüge im Auge hatten (Baumann oder Micoud). Nur je mehr sich der Kader wandelte (der Wechsel von Micoud auf Diego kann als sinnbildlich für diese Entwicklung stehen) und die Liga zeitgleich aufholte, desto unkonstanter wurde auch der Erfolg. Die Jahre ab 2008 waren dann der Höhepunkt dieser Entwicklung. Man hatte hinten Naldo und Mertesacker, die einfach besser waren als die meisten gegnerischen Stürmer und vorne Diego, Özil und Pizarro, die sich ihrerseits gegen jeden durchsetzen konnten. Nur gab es auch da schon immer länger werdende Krisenzeiten, weil man einfach wesentlich anfälliger für Formtiefs oder Verletzungen wurde. Während es sich bei anderen Teams taktisch immer mehr durchsetzte, dass man z.B. Überzahlsituationen schaffen muss oder allgemein durch im Kollektiv organisiertes Spiel das Lösen von Situationen auf dem Platz erzwingen wollte, musste es bei Werder immer noch oft die Einzelaktion lösen. Im Grunde genommen zeigt sich dieser Unterschied schon in den Systemen 4-2-3-1 und Raute. Ich will damit übrigens nicht sagen, dass die Spieler an sich alle Einzelspieler gewesen wären ohne an das Team zu denken. Sie wurden nur eben oft in diese Situation gebracht, weil das taktische Gerüst dies kaum vermied. Als man dann mit den Einkäufen Arnautovic und Wesley kein Glück hatte und eine Saison lang die Verletzungsseuche ausbrach, fehlten im Anschluss bis heute die Einnahmen durch den internationalen Wettbewerb. Und so verließen den Verein innerhalb von zwei Jahren Frings, Mertesacker, Wiese, Naldo, Marin und Pizarro. Versuche, die individuelle Qualität durch Einkäufe wie Ekici, Elia, Sokratis oder de Bruyne zu halten, haben nicht gereicht die taktischen Mängel aufzuwiegen. Schaaf hat zwar durchaus versucht die Marschroute anzupassen, der Erfolg darf ihm aber als maximal mäßig bescheinigt werden.
Weil der Kader in dieser Saison im Großen und Ganzen sich nur punktuell verändert hat, muss Dutt mit ihm auch die ihm zu Grunde liegende Vorstellung von Fußball übernehmen. Wir haben z.B. viele Spieler im Kader, die es immer zur Action zieht, ob bei eigenem oder gegnerischen Ballbesitz, die die Situation immer schnell lösen wollen, das Heft des Handelns in die Hand nehmen wollen. Bargfrede, Ignjovski, Gebre Selassie und Junuzovic wären solche Beispiele. Immer sofort den Zweikampf suchen, wo dadurch dann oft gefährliche Räume frei werden. Am liebsten immer gleich kurze One-Touch-Pässe spielen und dann überhastet den Ball verlieren. Da fehlt dann oft die Ruhe und die Übersicht um die Folgen und Risiken dieser Spielweise abzuschätzen und die Spieler wirken in ihren Fähigkeiten schlechter als sie es wirklich sein mögen. Es ist auffällig, wie viele Spieler dieser Art wir geholt haben und lässt mich glauben, dass man gewollt mit diesem Spielertyp zusammen arbeiten wollte. Die fehlende oder sehr schleppende Weiterentwicklung der Spieler in Sachen Weitsicht über die Jahre lässt darauf schließen, dass man auch gerade im Training diesen Stil gefördert hat in der Hoffnung, irgendwann die Fehlerquote zu verringern und den Gegner wieder mit der puren Qualität dessen was man tut zu besiegen.
Dass so etwas so schnell nicht aus den Köpfen verschwunden sein kann, sollte klar sein. Gegen den Vfl Osnabrück hat man davon vieles wieder gesehen, da zum einen viele dieser ähnlichen Spielertypen zusammengespielt haben und man wohl auch nicht sehr eingespielt war. Zumindest standen sich die Mittelfeldspieler oft auf den Fußen rum. Auch Pressingsituationen auf zu engem Raum waren zu sehen, die zu gefährlichen Kontern über die entstandenen Freiräume geführt haben. Offensiv suchten alle die Nähe zum Ball und es fehlten Läufe die dem Spiel tiefe oder breite geben konnten. Alles kein Vorwurf, aber eine Feststellung. Man sah gegen 1860, dass Dutt viel mit klaren Mechanismen arbeitet, die eben auch dieses weitsichtige Vorausdenken und das Einordnen der eigenen Handlung in den Kontext der Mannschaftlichen Leistung erfordern. Bis das wirksam funktioniert wird noch einige Zeit vergehen. Ich bin optimistisch, denn Ansätze (z.B Ignjoski mit drei schönen Spielverlagerungen) sind zu sehen und dem Kader wurden mit Caldirola und Makiadi zwei Spieler hinzugefügt, die dem Spiel aufgrund ihrer Ausbildung noch eine andere Facette geben.