Dutts Handschrift erkenne ich zurzeit an dem "neuen" Spielaufbau. Von drei zentralen Mittelfeldspielern lassen sich situationsbedingt zwei fallen, manchmal sogar alle drei. Dadurch gerät unser Spielaufbau, durch das Pressing des Gegners, weniger unter Bedrängnis. Für mich hat diese Form des Spielaufbaus ein paar erwähnenswerte Punkte aufzuweisen.
1. Die Anzahl der Anspielstationen werden im 1/3 des Feldes erhöht, daraus folgt, dass das Pressing des Gegners an Wirkung verliert, wenn er nicht bereit ist, im letzten Drittel von ihm aus gesehen, mehr Spieler für das Pressing zur Verfügung zu stellen. Tut er dies dann folgt (2.1), ansonsten (2.2).
2.1 Der Gegner verstärkt das Pressing, indem er unsere drei zentralen Mittelfeldspieler verfolgt, wenn sie sich fallen lassen. Daraus folgt aber auch, dass vor der Abwehr vom Gegner Räume entstehen, die genutzt werden müssen! Tut man das folgt (2.1.1), ansonsten (2.1.2).
2.1.1 Die Flügelspieler, die Sturmspitze und eventuell ein zentraler Mittelfeldspieler, der sich nicht fallen lassen hat, sind hierbei gefragt. Diese Spieler stehen nun in Position um vertikale Pässe aus der Tiefe entgegennehmen zu können. Dabei kann (a) die Sturmspitze mit seinem robusten Körper den Ball abschirmen bzw. den Ball an seine Mitspieler prallen lassen (b) die Flügelspieler den Ball annehmen und im hohen Tempo Zug zum Tor entwickeln, wobei diese sich zunächst geschickt von Außen in die Mitte bewegen um dort den größeren Raum zu nutzen. oder evtl. (c) der zentrale Mittelfeldspieler steht bereit für Doppelpässe oÄ. zur Verfügung.
2.1.2 Das sehen wir zur Zeit in den Testspielen!
2.2 Der Gegner kriegt kein Pressing aufgezogen und wir bleiben dadurch lange in Ballbesitz. Das Problem hierbei ist aber, dass wir keinen Zug nach vorne entwickeln, weil es in der Offensive zu wenig Anspielstationen bzw. zu wenig Raum gibt. Auch das sehen wir teilweise in den Testspielen.
EDIT:
3. Bei Ballverlust im Spielaufbau sind bereits viele Spieler tiefer in der eigenen Hälfte als sonst. Erheblicher Vorteil um den Gegner sofort wieder unter Druck zu setzen bzw. schnell hinter den Ball zu kommen - Stichwort Umschaltspiel -. Wie man sieht, hat dieser Spielaufbau auch Vorteile für die Stabilisierung der Defensive.
In Bezug auf das heutige Spiel - aus Stadionperspektive - möchte ich Deinen Beitrag einbeziehen.
Ich würde an ersterem Absatz einiges festmachen. Warum, wie, weswegen.
Auffällig: wir halten die Zonen und oft genug die Abstände, selten verteidigt Makiadi – wie wir es gewohnt waren - einen großen Raum vor der Viererkette alleine und muss hin und wieder auch noch ohne Absicherung rausrücken, um den Konter an der Mittellinie abzufangen. Ständig rückt Junuzovic zentral ein, auf der Seite mit Selassie entstehen sogar öfter Dreiecke gegen den Ball. Auf der anderen Seite fehlt Fritz ein wenig das Verständnis dafür.
Die Mannschaft re-/ agiert im Aufbau flexibler, ist der Raum dicht, wird der Angriff erstaunlich oft abgebrochen, das Tempo herausgenommen, der sichere Ball erst einmal gespielt und behutsam wieder aufgebaut. Und es wird nicht versucht - wie in den letzten 10 Jahren beinahe Usus (abgesehen von Spielern wie Micoud oder Özil, die das dank ihrer Spielintelligenz von sich aus anders gemacht haben), alternativlos das Ganze unter noch höherem Risiko irgendwie durchzubringen.
Makiadi nimmt als Anspielstation und (relativ) cleverer Zweikämpfer mehr und mehr die dominante Rolle ein, die Dutt wohl von ihm fordert. Steigert sich auf diese Weise womöglich zum Kopf der Mannschaft, ohne hauptsächlich für die Ideen sorgen zu müssen. Denn das wiederrum bringt den Effekt a) der Entlastung von Hunt in vorderer Rolle, wo AH sozusagen als "Freigeist" seine zweifelsohne guten spielerischen Qualitäten einbringen kann und dabei nicht dominant spielen muss, was ihm bekanntermaßen nicht liegt, und b) der Entlastung von Junuzovic, der nicht wie bspw. letzte Saison dauerüberfordert Räume ablaufen muss, sondern sein zwar nicht schlechtes, aber keinesfalls überragendes Spielverständnis in Kombination mit der gewohnten Zweikampf- und Laufstärke effizienter einbringen kann. Für mich ein Hauptgrund, warum Juno in der Rückrunde eingebrochen ist, sowas fängst zuerst vom Kopf her an.
Hier scheint mir Dutt die Spieler in ihren Fähigkeiten die richtige Rolle zuordnen zu wollen. In einer solchen Hierarchie, wenn sie noch besser funktioniert, kann mMn das Mf mit Hunt, Juno, Makiadi und vielleicht auch Ekici eines der besseren der Liga (obere Tabellenhälfte) werden.
Und dann eben in den Basics. Gegen Ajax und nun gegen Fulham fiel mir auf, dass nicht wie der unter Schaaf fast schon kultivierte Larifari-Pass in "irgendwie"-Form (halbhoch, gehoppelt, etc.) und in die "ungefähr"-Richtung gepflegt wird (auf dass die technische Qualität der Einzelspieler einiges ausgleicht), sondern durchaus die Bälle flach auf dem Rasen, mit dem nötigen Druck und in Lauf(richtung) oder Fuss gespielt werden. Zudem stellen sich einige Spieler besser zum Ball, wovon momentan zum Beispiel Selassie profitiert und von Test zu Test besser aussieht.
Und bei Ecken und ähnlichen Standards sichern an oder knapp hinter der Mittellinie mit Junuzovic und Selassie zwei Spieler, die wegen ihrer Kopfballschwäche eher wenig im Strafraum gebraucht werden, aber wegen ihrer Grundschnelligkeit den Konter nach Ecke besser ablaufen könnten. Seit vielen Jahren hat das immer irgendwer oder irgendeiner halbherzig gemacht (oder es führten zwei Mann die Ecke aus und einer fehlte dafür woanders :zweifeln:

).
So würde ich auf`s Erste wenigstens in ein paar Punkten Deine Eindrücke erklären, dass wir vielleicht nicht mehr so gravierend in Pressingfallen geraten, es mehr Anspielstationen (die oft auch aus einer gewissen Ordnung resultieren) und Zuordnungen gibt usw.
Systemtreue, gesunde Hierarchie und Zusammenspiel, das kann doch nur die Grundlage sein, auf der ein individuell eher nicht mit überragenden Akteuren besetztes Team wie Werder seine Erfolgsaussichten ziehen wird und muss. Und darauf legen Dutt/ Buric offenbar viel Wert.
Was uns nach meinem Ermessen Stand jetzt besonders fehlt, ist Torgefahr. Ausserdem befürchte ich Probleme auf der Torhüterposition und auf der rechten Abwehrseite Prödl/ Fritz.
Trotzdem - schon jetzt glaub ich viel gesunde Systematik zu sehen in dem Tun, was Werder so zeigt und vor allem könnte es, sollten diese Ansätze in der Umsetzung nach und nach so klappen, wichtige Unterschiede zu den letzten 5-7 Jahren kennzeichnen.
Es dürfte nur interessant zu beobachten sein, wie das im Wettkampfmodus sowie taktisch gegen einen gut organisierten, pressenden Gegner tatsächlich aussieht. Bin sehr gespannt. Und zuversichtlich.