Endspiel
Ich komme gerade von der Trauerfeier aus der AWD Arena, vormals Niedersachsen-Stadion, und wollte euch einen kurzen Einblick geben, in die Gedanken, die mir so währenddessen durch den Kopf gingen und hier meine gewiss sehr subjektiven Beobachtungen mit euch teilen.
Zunächst war ich skeptisch, was diese Veranstaltung, ihren Ort, betraf - alles deutete daraufhin, dass man nun der finalen Inszenierung eines Todes zum Zwecke seiner medialen Ausschlachtung beiwohnen würde, wenn man zu Robert Enkes Trauerfeier ins Stadion gehen würde. Großbildschirme, "Public Viewing" (im WM06 Neudeutsch also vor dem Stadion), was an jene unsäglichen Fanmeilen und ihre Eventdramaturgie sich selbst feiernder "Fans" gemahnte, also vieles von dem verkörpert, was ich an diesem Sport nicht mehr mag.
Jedoch ist das Gegenteil der Fall gewesen. Eben das Fernsehen erscheint mir als der falsche Ort und das falsche Medium der Trauer. Falsch, weil es selbst Teil jener Unkultur des emotionalen Bildes, der Verlogenheit einer simulierten Nähe des Close Ups geworden ist mit seiner kalten Regie der Emotionen und geheuchelten Intimität, die eigentlich nur das Leid abfilmen will und es dabei gnadenlos ausstellt.
Heute im Stadion herrschte eine eigentümliche Stimmung. 96 Fans, Fußballfans jeden Alters, jeder Hautfarbe und jeder Schicht fanden sich zusammen, um einen gemeinsamen Ort zu haben, um sich von Robert Enke angemessen zu verabschieden. Die Sonne brach durch die Wolken, als Trauben von Fans heute morgen bereits um 9 Uhr ins Stadion strömten, 7 Tage nachdem sie Robert das letzte Mal hier haben spielen sehen. Sein Endspiel.
Man kommt über die Nordkurve rein, und der Blick fällt durch das leere Tor zwangsläufig auf jenes Grün in dessen Mitte nun, ein wenig verloren inmitten von Blumenbouquets, der Sarg steht. Ein fast schon surreales Bild, dennoch von unleugbarer Kraft auf den Einzelnen. Real und nicht rausschneidbar, wie in einem Film. Eine mächtige, fühlbare Präsenz geht von ihm aus, trotz seiner Verlorenheit inmitten des AWD Stadions. Man kann den Blick nicht von der Realität dieses unnützen Todes abwenden. Die Realität des Todes wird hier allen schonungslos vor Augen geführt, der Fan ist auch hier, dank modernen Stadionarchitektur des AWF gesponserten Stadions, ganz dicht dran. Doch die direkte Konfrontation ist gewollt und zeitigt ihren emotionalen Effekt, dem sich keiner entziehen kann. Mehr noch, die Öffentlichkeit jenes Todes, die in ihm liegende Anklage, ist die einzig angebrachte Form.
Seine Ängste, nachdem er die Krankheit solange vor der Öffentlichkeit hat verstecken müssen, angetrieben von einer enormen psychischen wie physischen Energie, sind nun öffentlich. Nachdem er meinte, sie jahrelang hinter diversen Charaden und Fassaden verborgen halten zu müssen, wie wir nun dank Teresa Enkes wissen. Sie hat die Krankheit, im Nachhinein viel zu spät, aus dem Verborgenen geholt indem sie die Öffentlichkeit mit ihr konsequent konfrontiert hat. Sie hat all das nachgeholt, mit einem großen, mutigen Befreiungsschlag, was sich seit Jahren angestaut hatte und nun, endlich raus durfte. Ein "Wahnsinn", so Frau Enke, sei dieses Versteckspiel gewesen. Robert zeigte sich getrieben von der Angst, die wohl auch die teilweise der Wahrheit entspricht, sein Sport könne ihn mit einem seelischen Makel nicht akzeptieren, würde ihn "aussortieren", nicht "nominieren". Es war eine existenzielle Krise, die zeigt, wie wenig bereit der Sport ist, Schwäche zu akzeptieren und wie sehr er mit seinem falschen Ideal der Härte dazu beiträgt, eine Erwartungshaltung, viel mehr noch einen menschenunwürdigen Druck aufzubauen, der nicht von allen verarbeitet oder hingenommen werden kann. Robert Enke ist ein weiteres, wenn auch sehr tragisches Opfer dieser Entwicklung.
Auffällig war, das die Zuschauer im Stadion besonders auf jene Passagen der Trauerreden reagierten, die auf die Unmenschlichkeit des Profisports hinwiesen, der auch nur eine Facette unserer insgesamt härter gewordenen Gesellschaft widerspiegelt. Man erkannt sich also wieder. Hier wurde ein wunder Punkt getroffen, der vielen, die sich selbst tief in dieses System verstrickt zeigen, schon viel früher hätte auffallen können.
Es verwunderte ein wenig, wie engagiert und luzide die Worte Zwanzigers gewählt waren, immerhin der DFB Präsident, dessen Funktion ihm auch die nötige Kompetenz verleihen würde, Dinge zu verändern und andere Schwerpunkte im Hochleistungssport Fußball zu setzen. Stichwort "Eurohelden". Bezeichnend ebenso das Schweigen Jogi Löws oder Oliver Bierhoffs, die ja mittlerweile auch durch die meiner Meinung nach zu leichtfertig geäußerten Worte der Entlastung von einer möglichen Mitschuld seitens Robert Enkes Vaters aus der Verantwortung gelassen wurden. Dies, obwohl der Vater im selben Spiegel-Interview schonungslos zu Protokoll gibt, wie Roberts Versagensängste aus einer Kultur des heroischen Kämpfens und Siegenwollens, der darwinistischen Konkurrenz entstammten, ja ihre eigentliche, viel geleugnete Schattenseite bilden, um deren zu hohen Preis wir unsere Helden überhaupt erst bekommen. Die Angst, nicht nominiert zu werden, nicht der Erwartungshaltung eines psychisch robusten Spielers entsprechen zu können und dafür nicht für die N11 nominiert zu werden, wenn er eine stationäre Therapie in Erwägung gezogen hätte, muss immens gewesen sein. So immens, dass er den Tod dem Eingeständnis seiner vermeintlichen "Schwäche"vorzog, weil er befürchten musste, sich seinen Traum WM 2010 zu zerstören. Er machte also sich selbst noch mehr Druck und gab sich die Schuld für eine fatale Dynamik, die Jogi Löw im Nachhinein hätte entzerren können durch das aussprechen von Vertrauen und dem Vermeiden eines toten Rennens im Kampf um die Torwart Position, so mein Eindruck.
Die nun vielzitierte Würde des Menschen ist meiner Meinung nach schon länger unter die Räder einer Vermarktungsmaschinerie geraten, in den Fängen einer Kultur der Häme, der Schadenfreude am Scheitern vermeintlich Schwacher gefangen, erstickt bereits in dem Korsett einer zynischen Fußballsprache, die Vokabeln wie "kaputt", "Vollgraupe", "Vollpfosten", "Streichliste", "ausmustern" usw. immer schneller und sinnloser von sich gibt, ohne an den Menschen dahinter zu denken. All jene "Experten" nutzen den Gradmesser Leistung gedankenlos und meinen, weil sie dafür bezahlt haben, diese auch sofort und immer sehen zu müssen. Oder ist das Material "kaputt", ein "Chancentod" etwa? Geduld, Dauer aber vor allem Anteilnahme kennen sie nicht.
Der Verlust des Mitleids, den noch jene römische "Brot&Spiele" Kultur kannte, indem sie auch dem Unterlegenen, sofern er sich aufopferungsvoll verteidigt hat, das recht der Begnadigung zuerkannte, ihn also den Fängen des Siegers und seines gewissen Todes entriss, kennen unsere Arenen nicht. Im Gegenteil, das Opfer wird in den Medien und in diversen Foren weiter verbal erniedrigt, mal subtil mal weniger.
Aktuelle Beispiele kennen wir, wenn wir ehrlich sind alle, bei Werder fallen mir spontan Borowski, Rosenberg, Hunt, aber auch die Spieler auf der "Ersatzbank" ein. Oder eben Gomez, Pranjic, Braafheid, Berg, Burchert, die Situation bei Hertha oder beim VfB. Usw. Auch die Flucht Kuranyis bei der N11 stellt sich nun für mich in einem anderen Licht dar. Der Fluchtreflex ist ein archaischer Selbstschutz, der letzte, der uns geblieben ist, wenn eine Situation unaushaltbar geworden ist. Aber ihr könnt gewiss in meiner Liste noch einige ergänzen.
Die Erkenntnis Zwanzigers heute also, man habe die Würde des Menschen im Eifer des Events vergessen, kommt meiner Meinung nach etwas spät. Die Würde ist auch in der Sprache des Sports bereits lange auf der Strecke geblieben. In einer Sprache, die wir achtlos benutzen oder lesen, zeigte sich für den, der es wahrnehmen wollte zuerst das Ausmaß der allgegenwärtigen Deformation, die wir leider am traurigen Exempel Enkes, seiner Seelendeformation, nun erst richtig wahrzunehmen scheinen. Vor allem Doppelpass-Experten, BILD und die ewigen Kommentarfunktionen diverser Sportseiten sind manchmal so schlimm, dass ich sie seit langem bewusst vermeide, weil mir übel wird, was ich dort lesen oder hören muss, mit welchen Beleidigungen, Blödheiten, bzw. im Fall der BILD konstruierten Stories dort Stimmungsmache betrieben wird, ist abgrundtief. Gewiss, auch wir nehmen das nicht für bare Münze, dennoch ist es bei einigen akzeptiert, jenes mittelalterlich anmutende an den Pranger stellen zu prkatizieren. Auch klassische öffentlich-rechtliche Sendungen sind tunlichst darauf bedacht, mal einen wirklich inhaltsvollen Abend zum Thema "Vermarktungshype", 50+1 kippen, oder mentale Probleme, Homosexualität im Sport (die List hier, die mir spontan einfällt wäre ellenlang) zu vermeiden. Da hat sich mittlerweile vieles angestaut, was das Sportstudio nicht bewältigen will oder kann, weil es selber in der Maschinerie mit drin hängt und Athleten abfeiert, oder versucht zu emotionalisieren, indem die Moderatoren es mal wieder kräftig "menscheln" lassen. Sie wollen dem Boulevard gerecht werden, von dem sie gelernt haben, das Private müsse auch noch in die Öffentlichkeit gezerrt werden, um dem Sportler eine menschliche Tiefe zu geben. Sie versuchen also auch Fassaden einzureissen, die sie selber mit geschaffen haben. Magaths Methoden werden ohne mit der Wimper zu zucken als erfolgreich geadelt. Alles Memmen und Luschen bei Schalke - bis er kam. Lahm erfährt keine Rückendeckung und mit Ibisevic vermeidet man tunlichst, über die fragile politische Lage in Bosnien-Herzegowina zu reden. Um nur einige Beispiele hier in den Raum zu werfen - ohne Anrecht auf Vollständigkeit.
Auch jene schale Rhetorik, die martialisch siegfriedhafte Stärke und Unverwundbarkeit beschwört, die die letzten Prozente aus den Spielern presst sollte mittlerweile ausgedient haben. Aber vor allem die sagenhaften Millionentransfers, die mit der gestiegenen Summe auch die Erwartungshaltung der "Fans" in die Dimensionen des unermesslich-galaktischen, also in jenen nietzscheanischen Wahnsinn des Übermenschen zu rücken beginnt und die den Druck zu Versagen exponentiell pervers werden lassen in dem Maße, wie jene Summen die gebotene Geduld mit Spielern und ihrem sportlichen Gelingen auf die Spanne eines Flügelschlages verkürzen. Hop oder top nach bereits wenigen Spielen. Dann wird an den heimischen Wohnzimmern und Stammtischen, in den Foren über den Werte eines Menschen zu Gericht gesessen, Mario Gomez ist hier nur der aktuelle Fall, der in seiner Konstellation ein perfekte Bebilderung zu jener Entwicklungen abgibt, und deren Opfer er geworden ist.
Dies alles ist Teil des Problems - es bleibt nicht damit getan, einige Sport-Psychologen beim Verein anzustellen, denn sie kaschieren nur die Symptome. Die Ursachen liegen tiefer, in der verfehlten, ins monströse gehenden Leistungsfixierung, der zunehmenden Kommerzialisierung, die es erlaubt, den Wert des Menschen in den Bereich irrealer Summen zu rücken (Caps für die Transfersummen wäre nur eine Möglichkeit), die die Spieler zur Ware werden lässt (und die sich auch zur Ware machen lassen) und deren Sprache des Unmenschentums wir manchmal nur zu bereitwillig oder einfach nur nachlässig übernehmen, weil wir sie aus unserer Gesellschaft nur zu gewohnt sind.
Wie viel länger sind wir bereit, diese Deformationen noch zu ertragen? Eines Sports, der auch ein sehr guter Komplize darin geworden ist, all jene Lügen und Fassaden mit zu errichten, oder sie zumindest nötig gemacht zu haben, um hinter ihnen eine Rest von Menschlichkeit zu verbergen, der in ihm scheinbar keinen Platz haben darf?
Die Gefühle, die Ängste, die hinter jener selbstgeschaffenen Monstrosität verkümmern, werden in gleichem Maße von jenem kollektiven Jubel beim Fallen eines Tores momentan zum Schweigen gebracht, wie dieser auch eine kurze vermeintliche Entlastung oder Belohnung darstellt für all jene Entbehrungen und Ängste, die auch der erfolgreichste Sportler kennen wird. Doch das genügt nicht. Die Dialektik aus Jubel und Kritik erzeugt in ihrer Unverhältnismäßigkeit ein unauflösbares Dilemma für all jene, die sich in ihrer Mitte befinden, abhängig sind von ihrem Einfluss.
In der symbolischen Mitte stand heute auch Robert ein letztes Mal. Ich verbinde damit auch die Hoffnung auf ein Umdenken, nicht nur was die Empathie ( Mitmenschlichkeit) der Fans belangt und die Akzeptanz der "Schwäche", die ja von Zwanziger angemahnt wurde, sondern vor allem auch ein Umdenken bei jener hypertrophen Kultur des Erfolges, bei der der Mensch Enke auf der Strecke geblieben ist. Die Angst seine Existenz zu verlieren, zu versagen erschien ihm als übermächtiger Gegner, der unbesiegbar war, außer im Tod.
Die vielen Menschen heute waren ein Hoffnungsschimmer und ihr schweigendes Mahnen bezeugt, dass es auch anders hätte ausgehen können. Das man den Menschen Enke bereit war zu lieben, so wie er war, mit all seinen Ängsten. Roberts unsichtbarer Kampf ist heute sichtbar, fühlbar, geworden - aus dem verborgenen trat er in eben den Raum der Öffentlichkeit, den er am meisten gemieden, gefürchtet hat.
Zwar war die Sprache des Leistungsmaximums auch hier noch präsent, AWD verkündete stolz, er sei "ihr Finanzoptimierer" und versprach "mehr netto" - doch diese erfolgsgetränkten Heilsversprechungen hinterließen einen schalen Nachgeschmack im Angesicht der Realität des Todes. Sie entlarvten sich selbst.
Jene Unsichtbarkeit stellte für viele das Unfassbare dar und mag auch die ungebrochene Anteilnahme an Roberts Schicksal erklären. Nur zu gut ist jeder vielleicht selbst irgendwie Opfer dieses Schweigens, oder Täter wenn es darum geht eigene Schwächen zu kaschieren, oder wenn man über seine Probleme nicht redet, sie vertuscht. Es mag diese eigene Erfahrung gewesen sein, die viele ins Stadion trieb, die Zuschauer sich in Roberts Schicksal spiegeln ließ, weil sie selber nur zu Vertraut waren mit seinen Mechanismen.