Beim Radsport in Deutschland denke ich, dass Sponsoren und Fernsehanstalten die Dopingproblematik eher vorschieben. Der eigentliche Grund für das gesunkene Interesse dürfte sein, dass kein Deutscher mehr um den Toursieg fährt. Beim Tennis (Becker, Graf) oder Skispringen (Schmidt, Hannwald) war es ja ähnlich.
Das mag stimmen, insbesondere mit Blick auf die Sponsoren - es ist zwar nicht so, dass es keine deutschen Radprofis mehr gibt, die einigermaßen erfolgreich sind (kann man bei Gerdemann und Martin, insbesondere aber bei Greipel wirklich nicht sagen), aber Tourkandidaten und damit Ullrich-Kaliber sind nicht da, das stimmt sicherlich.
Dem Fernsehen möchte ich aber doch noch den ein oder anderen Vorwurf machen (in Sachen Werbewirkung ist das für die GEZfinanzierten ARD und ZDF ja ohnehin egal). Keine der übertragenden Anstalten geht die Problematik für meine Begriffe richtig an, weder ARD und ZDF, noch Eurosport. Die ARD hat immer ganz tief mit dringehangen beim Team Telekom und bei T-Mobile - und sich umso lauter und protestierender mit großem Getöse während der Tour 2008 aus der Übertragung ausgeklinkt, mit der Dopingbegründung. Man hat wohl tatsächlich nach einem bequemen Weg gesucht, dieses nicht mehr liebe Kind endlich loszuwerden, aber mit der Begründung "Dopingsumpf", das ist ja oft genug kritisiert worden, haben Sportübetragungen bei ARD und ZDF generell keine Berechtigung mehr. Eher als diese alberne 180 Grad-Wende hätte ich mir damals eine konstruktive, kritische Berichterstattung gewünscht. So sind die Herren einfach vom einen Tag auf den anderen den Sportlern nicht mehr in den Ups, ich muss meine Wortwahl ändern

gekrochen, sondern haben ihnen in denselbigen getreten und wieder gesiezt statt geduzt - das wurde der Sache nicht gerecht und hat damals auch viel über das System ÖR ausgedrückt. Dass der Versuch von SAT1, da einzusteigen, eine Riesenlachnummer war, vor allem aus fachlicher Hinsicht, geschenkt.
Dass die ÖR dieses Jahr ihre Übertragungszeiten wieder deutlich verlängert haben, spricht sowohl für die vertraglichen Bindungen, aus denen die vermutlich sowieso nicht ganz rauskommen als auch gegen deren Langzeitgedächtnis - und wiederum für einen immerhin wieder eingesetzten Realitätssinn. Wer in 8000 Stunden Winterprogramm 7429 Stunden Biathlon und Langlauf unterbringt, darf im Sommer drei Wochen lang auch Tour de France übertragen. Dennoch schaue ich meist Eurosport,
allein: Die sind nicht viel besser, sie übertragen nur länger. Karsten Migels hat jahrhundertelang das Thema Doping nicht angesprochen - die Arbeitsteilung bei denen ist äußerst interessant. Bis vor kurzem war es so, dass Ulli Jansch stundenlange Monolog über die Abgründe des Dopings gehalten hat, darauf dann Migels immer so etwas wie: "Jaja, aber jetzt zum Renngeschehen, hier sehen wir die neuen Laufräder von Mikel Astarloza..." - und mit Leinauer und Andreas Schulz geht´s im Prinzip genauso weiter.
Wes Geistes Kind Migels ist, hat er vor zwei Jahren in einem Leserbrief an die Badische Zeitung geäußert:
"Sorry, in welcher Welt leben die beiden eigentlich?
Immer wieder sagen Jörg Jaksche und Patrick Sinkewitz, sie dachten, ihre Ehrlichkeit würde belohnt und sie bekämen einen neuen Vertrag als Radprofi. Sorry, in welcher Welt leben Jaksche und Sinkewitz eigentlich? Zahlreiche Journalisten wollen der unwissenden Bevölkerung dann noch vermitteln, wie böse und schlimm der Profiradsport doch sei, weil man den geständigen Sündern keine unterschriftsreifen Verträge vorlege. Gestattet seien dabei nur zwei Fragen: Welcher Arbeitgeber würde einen Arbeiter oder Angestellten erneut einstellen, wenn dieser ihn zuvor betrogen und belogen oder gar ans Finanzamt verpfiffen hätte? Welcher Arbeitgeber würde einen Arbeiter oder Angestellten einstellen, von dem er weiß, dass dieser in einer anderen Firma betrogen und gelogen und dort durch seine “Dummheiten” 60 Arbeitsplätze seinen persönlichen Interessen geopfert hätte?"
Migels leugnet hier, dass es irgendeine teamgesteuerte Dopingmentalität gäbe und das war (auch schon 2008) bei dem Kenntnisstand schon ein starkes Stück. Radsportfachlich kann man ihm Können nicht absprechen, moralisch ist er mir für einen Journalisten viel zu weit neben einer vertretbaren Linie...