Nüchtern betrachtet musst du dann auch alle Chemiefabriken dicht machen. Schließlich ist die größte Indsutriekatastrophe unserer zeit Bhopal gewesen. Hier reden wir von Opferzahlen bis 25 000, die sofort gestorben sind und bis zu 500 000 "Verletzten", die ebenfalls unter den Spätfolgen leiden.
Wenn man die Merkmale neuer qualitativer Risiken zugrunde legt (verheerendes Schadensausmaß, räumlich weit ausgedehntes Schadensausmaß, zeitlich weit ausgedehntes Schadensausmaß, Irreversibilität der Folgewirkungen, Multi- und Interkausalität, Komplexität, fehlende sinnliche Wahrnehmbarkeit sowie fehlende statistische Erfahrungsbasis bei erwartet sehr niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit), dann zählt wohl nur die Atomtechnologie und die Gentechnologie zu den Techniken mit qualitativ neuen Risiken. Chemiefabriken stellen eher Techniken mit einem Mix aus alten und neuen Risiken zur Verfügung.
Bhopal ist ein Beispiel für mangelndes Verantwortungsbewusstsein bei den beteiligten Akteuren: Zu einen hat man aus finanziellen Gründen die Fabrik in ein Niedriglohnland mit sehr geringen Sicherheitsvorschriften gelegt, zum anderen waren die Sicherungssysteme technisch mangelhaft oder nicht im Betrieb; selbst wenn die installierten Sicherungssysteme funktioniert hätten, wäre der Unfall nicht verhindert worden, da sie für einen derartigen Störfall nicht ausgelegt waren. Mittlerweile sind mehrere Manager des Unternehmens wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Die Folgen für die Menschen waren und sind verheerend: Neben den vielen Toten gehören vor allem Lähmungen, Erblindungen, Hirnschäden, Unfruchtbarkeit, Fehlbildungen an Neugeborenen, Wachstumsstörungen bei Heranwachsenden, Lungenödeme sowie Nieren-, Leber-, Herz- und Magenleiden zu den Folgewirkungen des Unglücks. Die Haftung war natürlich mangelhaft und die Entschädigung der Opfer ist bis heute sehr bescheiden.
Menschliches Versagen vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Interessen ist auch bei dem Betreiben von Atomkraftwerken ein nicht zu unterschätzendes Tatbestand. Die Atomkraftwerke in Fukushima wurden von den Betreibern, wie sich jetzt herausgestellt hat, über Jahre nicht ordnungsgemäß gewartet und ich frage mich, wenn in einem der technisch fortschrittlichsten Ländern selbst die elementarsten sicherheitstechnischen Voraussetzungen nicht gewährleistet werden können, wie man dann noch vor dem Hintergrund des hohen Schadenausmaßes ernsthaft für Atomkraft sein kann. Hinzu kommen die enormen volkswirtschaftlichen Kosten dieser Technologie, die mangelnde Haftung etc.