Es war und bleibt sicher ganz interessant zu erfahren, was prominente Zeitgenossen aus Sport, Politik und Unterhaltung davon halten, dass ein Spieler der deutschen N11 der Einladung des Präsidenten eines Landes folgt und sich im Rahmen dieses Besuchs gemeinsam ablichten lässt. Auch interessant finde ich, hier zu lesen, was der normale Fußballfan davon hält.
Rein politisch betrachtet bin ich sicher kein Anhänger des türkischen Präsidenten und sehe die dortige Entwicklung in den letzten Jahren durchaus in vielerlei Hinsicht sehr kritisch.
Was sein Können als Fußballer betrifft, hat Mesut Özil inzwischen hinlänglich bewiesen, dass er - jedenfalls in guten Phasen - das Zeug dazu hat, auch bei einem top-Verein als Stammspieler zu bestehen. Er könnte auch in der N11 durchaus weiterhin ein Spieler sein, der den Unterschied ausmacht (wenn man denn beim DFB endlich die notwenigen personellen Konsequenzen aus der verkorksten WM ziehen würde). Was mir bei Mesut Özil fehlt(e), ist eine größere Konstanz in den Leistungen und die Fähigkeit, auch dann Impulse zu geben, wenn es im Spiel nicht so gut läuft. Es dürfte aktuell wohl keine erhebliche Schwächung der N11 bedeuten, wenn er nicht mehr dabei ist. Man hat damit aber im kreativen Mittelfeld zumindest eine Option verloren.
Auch wenn ich also - als politisch interessierter Fußball-Anhänger - weder ein Bewunderer des türkischen Staatspräsidenten noch ein großer Fan des Fußballers Mesut Özil bin, empfinde ich viele Kommentare der Prominenz aus Sport, Politik und Unterhaltung einfach als anmaßend.
Recep Tayyip Erdoğan ist demokratisch gewählter Präsident der Türkischen Republik - einer Republik, dessen Staatsbürgerschaft Mesut Özil einmal besessen hat. Er wurde vom Präsidenten eingeladen und ist dieser Einladung gefolgt.
Nun ist offenkundig, dass Erdoğan von weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit kritisch gesehen und ihm die Rolle eines Despoten oder Diktators zugeschrieben wird. Allerdings ist festzustellen, dass er ein gewählter Präsident ist, dem z.B. auch die Bundeskanzlerin zur Wahl gratuliert hat. Im Übrigen ist die Türkische Republik Partner Deutschlands in der NATO, erhält seit Jahren erhebliche Leistungen der Europäischen Union in ihrer Eigenschaft als Beitrittskandidat und bezieht Rüstungsgüter u.a. auch aus Deutschland. Weiterhin ist die Türkei ein wichtiger Partner der EU, was die Aufnahme von Flüchtlingen aus Krisengebieten betrifft.
Ich kann also die Aufregung nicht verstehen, die dieser Besuch eines Sportlers ausgelöst hat. Aus meiner Sicht war dieser Besuch lediglich eine Randnotiz Wert (wenn überhaupt). Nur durch die völlig überzogene Darstellung und Kommentierung in den Medien, ist das überhaupt zu einem Thema für die „WM-Vorberichterstattung“ geworden.
In Deutschland tut man sich ja regelmäßig schwer damit, wenn die Staatsbürger anderer Länder nicht so abstimmen, wie man es aus deutscher Sicht für „einzig vernünftig“ hält (Wie können die Amerikaner solch einen ahnungslosen Sexisten zum Präsidenten wählen? Wie können die Briten für den Brexit stimmen? etc.). Man versteht natürlich auch nicht, wie die türkischen Wahlberechtigten Erdoğan wählen und mit einer solchen Machtfülle ausstatten konnten. Und man versteht auch nicht, warum eine so große Mehrheit in Russland Putin weiterhin für den geeignetsten Präsidenten hält.
Bei all diesem Unverständnis sollte man aber doch akzeptieren können, dass hier nichts weiter passiert ist, als dass ein prominenter Fußballer der Einladung eines demokratisch gewählten Präsidenten gefolgt ist. Ob man das jetzt für clever hält oder nicht. Ich wüsste jedenfalls nicht, was es daran zu kritisieren gäbe - schon gar nicht in dieser völlig überzogenen Art und Weise. Sportler, die mit Politikern posieren, hat es zu allen Zeiten gegeben und wird es auch künftig geben. Das kann man gut finden oder nicht. Den Sportlern vorzuschreiben, wen sie besuchen dürfen und wen nicht, ist in meinen Augen anmaßend.
Ganz schwach erscheint mir im Übrigen - auch in dieser Angelegenheit - die Rolle des Bundestrainers. Als die Sache - durch das stetige Nachbohren und Aufblasen der Medien - schließlich soweit befeuert worden war, dass es nicht wenige Dumpfbacken im Stadion sogar für angezeigt hielten, einen Spieler auszupfeifen, hätte da entweder eine richtige Klarstellung („Es steht uns nicht zu, zu kritisieren, wenn unsere mündigen Spieler der Einladung eines demokratisch gewählten Präsidenten eines befreundeten Staates folgen möchten!“) oder aber ein Verzicht auf die beiden Spieler folgen müssen (ich hätte die erste Variante bevorzugt).
Nach der (verkorksten) WM hat dann ja offensichtlich auch keine sachliche Aufarbeitung gerade auch dieses Themas stattgefunden. Statt seinen Job zur Verfügung zu stellen, geht der Bundestrainer erst einmal „Wunden lecken“ und gibt so das Heft des weiteren Handelns aus der Hand. Wenn ich sehe, wie beleidigt Jogi Löw schon auf die (ja noch viel zu smarten) Hinweise Philipp Lahms reagiert, sehe ich mich in meiner Auffassung bestätigt, dass hier 0,0 Kritikfähigkeit vorhanden ist und dass dringend ein Personalwechsel nötig ist.
Jetzt vermissen die Medien in den Statements von Mesut Özil also die selbstkritische Aussage, dass der Besuch und das Foto - zumindest in der Rückschau betrachtet - ein Fehler war. Ich vermisse eine solche Aussage nicht. Ich finde es - im Gegenteil - recht erfrischend, dass er einfach dazu steht, dass er diese Einladung angenommen hat. Ich jedenfalls wüsste nicht, für was er sich da zu „entschuldigen“ hätte.