Wenn man Özil jeden Tag in der BILD mit irgendeinem Manager am Flughafen verhandeln sähe oder er die Sommerferien mit einer Rundreise nach Mailand, London, Madrid und Barcelona verbracht hätte, dann könnte ich und würde ich mich auch gern diesen Worten anschließen.
Oder wenn er schon bekannt gegeben hätte, dass es ihn von Werder wegzieht, aber erst nächstes Jahr, weil es da mehr zu verdienen gibt.
Das alles aber ist ja nicht so.
Ich betone, dass ich wie jeder andere mir wünschen würde, dass Özil seinen Vertrag verlängert oder wenigstens dafür sorgt, dass Werder eine schöne Ablösesumme erhält. Ich beichte von mir aus auch, dass mir Özil so aus der Entfernung nicht sonderlich sympathisch ist (nur damit ich nicht in eine falsche Ecke gestellt werde).
Ich behaupte nicht, dass es Özil nicht ums Geld geht. Aber die Reaktionen auf sein Verhalten, die eigentlich keine Reaktionen sind, weil es gar nichts gibt, auf das reagiert werden könnte, entstehen in der Mehrheit doch nicht, weil Özil so handeln würde wie es oben geschildert ist, sondern, im übertragenen Sinne, weil er sich nicht auf Befehl mit der Werderraute tätowieren lässt und einen Vertrag unterschreibt, dessen Laufzeit und finanzielles Volumen in einer Art Abstimmung von Werder und den Werderfans, am besten bei BILD, ermittelt wird.
Denn die BILD ist es ja vor allem, die mit Özils Nicht-Verhalten Politik und Stimmung macht, deren Auswirkungen wir hier seit längeren bewundern dürfen.
Sicher kann man sich seinen Teil zu Özils Verhalten denken.
Aber das, was eben zum Großteil eine Projektion ist, zur Grundlage einer Be- bzw. Verurteilung von Özil zu machen ist teilweise ein starkes Stück.
Vielleicht ist Özil geldgierig und sein Verhalten in dieser Angelegenheit wirklich von Geilheit auf die großen Summen, die es anderswo zu verdienen gibt, geprägt.
Aber darauf gibt es in diesem Fall so recht keinen stichhaltigen Hinweis. (wenn man nicht Geldgier definiert als andauerndes Nicht-Unterschreiben eines Vertrages bei Werder, dessen Inhalt ja keiner kennt und von dem noch nicht mal klar ist, dass er wirklich nicht zustande kommt).
Was man aber weiss, ist, dass er Fußballprofi ist und daher in einer anderen Perspektive auf den Verein guckt, bei dem er spielt, und in einer anderen Position ist als wir als Werderfans. Mein Verdacht ist jedoch, dass das, was bei einem Fußballprofi völlg normal ist, zu "Geldgier" wird, sobald es um Werder geht und besonders wenn Werder dabei evtl. den Kürzeren zieht.
Die Leidenschaft, mit der dieses Thema diskutiert wird, ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung, denn es geht um einen wichtigen Spieler für Werder und um möglicherweise wegweisende Weichenstellungen.
Die Verbitterung aber, die dieses Thema teilweise begleitet, die Unterstellungen gegenüber Özil persönlich, die Urteile, die über ihn aufgrund seines ja nicht sehr aussagekräftigen Verhaltens gefällt werden, sind dennoch weit, weit überzogen.
Man könnte nicht nur meinen, es gehe hier um das Geld der User, welches von Özil irgendwie veruntreut wird, wenn er es nicht Werder zukommen lässt.
Ein unbeleckter Leser bekäme wahrscheinlich den Eindruck, dass es hier um persönliche Belange der Forumsmitglieder wie Familie oder Lebenspartnerschaft gehe.
Die Anmaßung, beurteilen zu wollen, dass Werder soundsolange die richtige Familie für Özil sei, bis er flügge ist und soviel Geld nach Hause bringt, dass er die Familie noch mit durchbringen kann.
Die Anmaßung, zu verlangen, Özil müsse Werder finanziell helfen und zwar aus Dankbarkeit.
Die persönliche Enttäuschung allein schon bei dem Gedanken, verlassen zu werden, wie bei einem eifersüchtigen Liebhaber, der darauf angewiesen ist, ständig "ich liebe dich" zu hören.
Auch ich renne nicht ständig jedem Euro hinterher. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der ein solches Verhalten belohnt wird und in der das Gros sich da auch anpasst, nicht nur im Fußball.
Nehmen wir an ich wüsste von irgendeinem User grob dessen Lebensumstände, wüsste seinen Beruf, ungefähres Einkommen, grob seine Familen- und Beziehungsverhältnisse.
Nehmen wir weiter an, er habe irgendwo in einem Spam- bzw. Chat-Thread erzählt, er stehe vor einer wichtigen Entscheidung beruflicher Art.
Wie dreist wäre es, von meiner Wohnung aus in den Computer einzutippen, er solle sich gefälligst so und so entscheiden, in dem Fall natürlich für sein bisheriges Umfeld.
Es gehe gar nicht, den Arbeitsplatz zu wechseln nach nur 4 statt 7 Jahren nur weil er statt 40.000 vielleicht 55.000 € pro Jahr verdienen würde (natürlich alles nur spekuliert).
Diese Entscheidung könne ja unmöglich nicht von Gier, Geiz und oberfächlichem Profitstreben bestimmt sein, sonst müsste er bei seiner Firma bleiben (ich habe nämlich gehört und auch den persönlichen Eindruck, so als Außenstehender, dass da ein gutes Arbeitsklima ist). Wo denn da die Dankbarkeit bleibe, schließlich habe man ihm dort den Berufseinstieg ermöglicht.
Wenn er eine neue Herausforderung suche, dann gebe es die und die Wege, aber das, was er da hinter dem Rücken der ganzen Welt plane, habe nix mit Herausforderung zu tun.
Dass er bei seinem Einkommen einen Golf fahre (hat er mal im Autothread geschrieben), könne nur als Geiz interpretiert werden und seine Überlegung, woanders zu arbeiten, nur als Geldgier. Ob er denn gar nicht an seine Familie denke, was die wohl dazu sage. Die müsse ja todunglücklich sein. Wahrscheinlich habe er sowieso schon eine Geliebte und mit der Familie abgeschlossen.
Und was er damit seinem Unternehmen und seinen Kollegen antue, die er im Stich lässt.
Und warum habe er sich bisher nicht zu seinen Eltern geäußert? Logisch, weil er sich der Pflicht entziehen wolle, für sie zu sorgen. Wahrscheinlich gar kein Kontakt mehr.
Und dass er sich zu solchen Vorwürfen nicht äußere, mache alles nur noch schlimmer und sei doch ein Beweis, wie recht man mit den Vorwürfen hätte.
Der Vergleich hinkt natürlich etwas. Aber im Großen und Ganzen bringt er auf den Punkt, was ich an diesem Thread zuweilen ganz schrecklich finde.
MFG dkbs