Nun gut, ich entschuldige mich für meine platte Einleitung und stelle fest, dass ich es offenbar durchaus möglich ist, auf relativ hohem Niveau zu diskutieren. Was hier ja leider nicht auf jeden zutrifft...
Die Balance des Teams ist denke ich ein komplexes Thema, aber ich behaupte, dass eine vernünftige Unterstützung Marins (und aller anderen gerade den Ball führenden Spieler) und eine kontrollierte Absicherung der jeweiligen Situation sich nicht gegenseitig ausschließen.
Ich kann mich auch an besagte Diskussion erinnern und wenn mich nicht alles täuscht, standen in dieser vorwiegend die Offensivkräfte in der Kritik. Was meines Erachtens auch nicht falsch war und ist, denn Laufbereitschaft und Laufwege unserer Stürmer lassen ziemlich zu wünschen übrig. Das Erkennen von Dir angesprochene ausbaufähige Erkennen gewinnbringender Situation will im Fall Marin gar nicht gänzlich von der Hand weisen, sehe die Hauptursache für die diesbezüglich schleppende Entwicklung allerdings darin, dass diese Fähigkeit bei Spielern wie Wagner, Hunt, Borowski, Wesley und selbst Arnautovic noch weit weniger ausgeprägt ist, wenngleich es natürlich richtig ist, dass auch Marin an der Balance zwischen Passpiel und Dribbling noch zu arbeiten hat.
Allerdings, und das werden einige, wahrscheinlich auch Du, nicht gerne hören, gibt es hierfür auch einen Trainer, dessen Aufgabe es ist, eine gewisse Grundstruktur vorzugeben und durchzusetzen.
In diesem Zusammenhang ist es durchaus nicht uninteressant, dass Du das Double-Jahr ansprichst, in dem Werder einen sehr flüssigen, schnellen Fußball spielte, in den darauffolgenden Jahren allerdings peux a peux sein eigenes Spieltempo verlangsamte - besonders signifikant, aber wenig verwunderlich nach dem Abgang von Johan Micoud. Während Micoud mit seiner Qualität und Ausstrahlung für One-Touch-Fußball stand, zog fortan Diego im Mittelfeld die Fäden. Dieser stand für ein vergleichsweise eher langsames Spiel, das zwar auf technisch hohem Niveau stattfand, aber Tempo aus dem Spiel herausnahm. Nach dem Abgang von Diego war es dann Özil, der in seiner Spielanlage weitaus eher Micoud als Diego ähnelte und für ein schnelles, gradliniges Spiel stand - was zur Folge hatte, dass das gesamte Team wieder an Tempo gewann.
Während Diego die Mannschaft stark machte, machten Özil und vor allem Micoud jeden einzelnen Spieler -und damit auch die Mannschaft- an ihrer Seite stärker. Borowski, Lisztes und Ernst blühten an der Seite von Micoud regelrecht auf, wie auch Aaron Hunt und Marko Marin an der Seite von Özil aufblühten, während der eher Ball- als Passorientierte Diego nicht selten eine One-Man-Show im Mittelfeld ablieferte.
Interessant sind diese bekannten Ausführungen vor allem deshalb, weil sie zeigen, dass nicht Marin das Problem ist, sondern die generelle Ausrichtung des Spiels. Dass Marin durchaus dazu in der Lage ist, bei einem funktionierenden Grundgerüst eine sehr akzeptable Balance in sein eigenes Spiel zu bringen, zeigt die angesprochene Saison 2009/10 an der Seite von Mesut Özil.
In diesem Zusammenhang räume ich auch ein, dass Marin nicht der Leader im Mittelfeld war, ist und sein wird, bekräftige aber meine Meinung, dass er ein ungemein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Zukunft ist. Ob Mehmet Ekici die nach dem Özil-Verkauf nicht geschlossene Lücke in der Kreativzentrale ausfüllen kann, vermag wohl noch niemand zu sagen, wenngleich die Hoffnungen darauf nicht unberechtigt erscheinen. Schließlich dürfte auch der Spielertyp Mehmet Ekici in seiner Spielphilosophie deutlich eher Micoud oder Özil ähneln, als bspw. Diego - wobei jede von Qualität geprägte Spielqualität ein Fortschritt gegenüber dem vergangenen Jahr war. Auch und vor allem für Marko Marin.
Ähnlich sieht es in Sachen Defensivarbeit aus. An der Seite von Özil stimmte die Balance im Mittelfeld, weil es eine klare Aufgabenteilung gab. Während Hunt, Marin und Özil für die Offensive zuständig waren, konnte sich Torsten Frings voll und ganz auf die Defensive konzentrieren - und spielte mit dieser klaren Aufgabe eine richtig starke Rückrunde, wie er eine insgesamt sehr ordentliche Saison spielte.
Zu dieser Zeit gab es keine großen Vorwürfe in Richtung Marin, dass er uns in unnötige manövrieren würde, obwohl zu dieser Zeit eklatante Schwächen in seiner Defensivarbeit zu finden waren. An diesen Schwächen hat er meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll gearbeitet und arbeitet heute sehr gewissenhaft in der Defensive - was allerdings mangels Struktur und Balance im Mittelfeld nicht wahrgenommen wird.
In diesem Sinne erachte ich es als müßig, sich an Marko Marin zu reiben, schließlich behandelt man bei einer Erkrankung auch nicht primär die Wirkung, sondern die Ursache. Für mich steht es außerhalb jeder Frage, dass wie Wirkung, das Nichtausschöpfen des vollen Potential Marins und das auch dadurch schleppende Offensivspiel des SV Werder, ursächlich in der mangelhaften Balance des Teams zu begründen ist.