Kicker: Nr. 48 2009
„DANKE, WERDER“
Seine Qualitäten sind
bekannt. In Donezk
durfte er sie jedoch
nicht zeigen. Jetzt ist
MARCELO MORENO (21)
froh, in Bremen einen
Neuanfang zu starten.
Für Torsten Frings ist er weitgehend
„ein unbeschriebenes
Blatt.“ Mal sehen, sagt das
Bremer Urgestein, „was der Bolivianer
kann“. Die Latino-Fraktion
in Werder-Diensten hat sich indes
schon ein konkreteres Bild von dem
prominenten Neuen gemacht, der
für frischen Wind im Sturm sorgen
soll. Naldo kennt ihn aus Spielen bei
Cruzeiro und ist angetan von seinen
Fähigkeiten. Auch Claudio Pizarro
hat seinen Werdegang genau verfolgt:
„Ein torgefährlicher Spieler.“
Aktuell konnte niemand im
Lager der Norddeutschen den
Kandidaten beobachten: Marcelo
Martins Moreno, der Neuzugang
für den Angriff, der von Schachtjor
Donezk, Bremens Bezwinger im
UEFA-Cup-Finale, kommt, saß in
Istanbul nur auf der Bank – wie so
häufi g. Werder schreckte diese Tatsache
nicht ab. Wie vor einem Jahr,
als die Ukrainer das Rennen um
den Angreifer machten, bemühten
sich die Norddeutschen und waren
diesmal erfolgreich.
Noch am Abend vor dem DFBPokal-
Finale machte Werders
Macher Klaus Allofs den Deal perfekt.
Zwei Millionen Euro Leihgebühr
für ein Jahr, eine Kaufoption,
bei der nochmals 8,8 Millionen
Euro fällig würden. Stolze Summen,
doch dem Marktwert entsprechend,
wenn man weiß, dass Donezk bei
einem vorzeitigen Verkauf 39 Millionen
Euro festgeschrieben hatte.
Allofs wollte ein Signal setzen.
„Marcelo hat zugesagt, ohne dass er
wusste, ob wir international dabei
sind“, betont der Manager.
Es zeigt, dass der bolivianische
Nationalspieler unbedingt wegwollte
aus Donezk. Selbst die Kohle,
die er dort verdient hat, konnte ihn
nicht bewegen, im Bergbaurevier
der Ukraine zu bleiben. Dort ist er
nie richtig angekommen. „Schritt
für Schritt habe ich mein Selbstvertrauen
verloren“, schildert der Profi ,
der am 18. Juni 22 Jahre jung wird,
sein verlorenes Jahr. Immer habe er
sich „wie ein Fremder gefühlt“.
Mal habe er von Beginn an
gespielt, danach stand er oftmals
nicht mehr im Kader. „Ich habe
die Logik unseres Trainers nicht
verstanden“, so der enttäuschte
Südamerikaner, der bereits im
Winter eine Rückkehr nach Brasilien
anstrebte: „Ich hatte keine
Spielpraxis und habe meine Stärken
eingebüßt.“ Entsprechend desaströs
die Bilanz: zwei Tore in 14 Liga-
Spielen, ein Treffer im Pokal. Der
vor einem Jahr für neun Millionen
Euro verpfl ichtete Star schrumpfte
zu einem Sternchen. Ein großes
Missverständnis zwischen Moreno
und Mircea Lucescu. „Er konnte
sich nicht an den Stil von Schachtjor
gewöhnen“, meint der Erfolgstrainer
aus Rumänien, der dennoch
dem von ihm abservierten Schützling
eine Zukunft zutraut: „In der
Bundesliga kann er wieder zu seiner
alten Stärke fi nden und seine Torgefährlichkeit
wiedergewinnen.“
Lucescu setzte lieber auf seine
„echten Brasilianer“ im Kader. In
Morenos Adern fl ießt hingegen
nur teilweise brasilianisches Blut.
Vater Mauro Martins, ein früherer
Profi , stammt aus dem größten
Land Südamerikas, Mutter Ruth
aus Bolivien. „Mein Vater träumte
davon, ich könnte für die Selecao
aufl aufen“, erzählt der Neu-Bremer,
der in der Jugend die grün-gelbblaue
Nationalkluft trug. Marcelo
im Zwiespalt, wie Mesut Özil, sein
zukünftiger Kollege. „Ich liebe beide
Nationen, doch ich sah kaum eine
Möglichkeit in der brasilianischen
Nationalelf, daher habe ich mich
für Bolivien entschieden.“
Eine gute Wahl. Im September
2007 debütierte er. Immerhin sechs
Tore gelangen ihm in seinen ersten
13 Auftritten, so das bedeutende
Führungstor beim historischen
6:1 gegen Argentinien. Moreno
als Tormaschine. Als Beleg dienen
acht Tore in zehn Einsätzen in der
„Copa Libertadores“, die ihn neben
Salvador Cabanas (CF America
Mexico) zum Schützenkönig in
diesem bedeutenden Wettbewerb
in Übersee kürten.
Real Madrid und Manchester
United wurden aufmerksam auf
den beidfüßig starken Spieler,
den kicker-Korrespondent Carlos
Freitas von der Spielanlage her mit
Manchesters Argentinier Carlos
Tevez vergleicht: „Absoluter Siegeswille,
Schnelligkeit, Spielintelligenz,
Stärke beim Kopfballspiel,
enorme Torgefahr.“ Donezk bekam
damals den Zuschlag, nun Bremen
sein Jawort. „Ich bin dankbar, dass
Werder mir eine zweite Chance
gibt“, sagt Moreno, der den Fehler
Donezk korrigieren möchte. Ein
Dankeschön an Werder, das von
ihm überzeugt ist, sonst hätten
die Bremer, wie Allofs sagt, „diesen
Transfer mit Verspätung“ nicht eingefädelt.