Loveparade 2010

In der aktuellen Ausgabe des Szenemagazins Raveline äußert sich der bekannte DJ WestBam in einem Interview zu den Ereignissen. Das Gespräch fand statt am Montag nach der Katastrophe. Hier ein Auszug daraus:


Hallo Max, wie geht es dir heute?
Ich bin immer noch betroffen.

Wann hast du von der Katastrophe erfahren?
Es war ganz komisch. Ich habe meinen Urlaub extra für die Loveparade unterbrochen und bin nach Düsseldorf geflogen. Das Flugzeug hatte drei Stunden Verspätung und so landete ich erst gegen 19 Uhr. Als ich mein Handy anschaltete, rechnete ich mit ein bis zwei SMS, aber es waren 30 SMS. Die erste lautete: "Es tut mir leid, dass dein letzter Gig so verlaufen ist." Da dachte ich schon, da muss irgendetwas Schlimmes passiert sein. In der zweiten SMS stand: "Mein Beileid ist bei den Angehörigen." Da war ich geschockt. Ich hatte nur meine Plattentasche dabei, bin also gleich raus aus dem Flughafen. Ich war so spät, dass ich vor der Landung dachte, ich fahre sofort zur Parade, aber aufgrund der SMS bin ich dann doch ins Hotel gefahren, um mir einen Überblick zu verschaffen. Im Fernsehen sah ich dann die schrecklichen Bilder.

Und dann stand für dich fest, nicht auf der AK (= Abschlußkundgebung, Anmerkung von Thilo) aufzulegen?
Im Hotel rief mich direkt Luca von der Loveparade an und sagte mir, es ginge weiter. Die Polizei hätte sie gebeten, mit dem Programm fortzufahren, um das Unheil nicht noch größer werden zu lassen. Im Gegenteil, es wäre wichtig, dass ich auch spiele. Ich überlegte. Ich wollte nicht verantwortlich dafür sein, dass noch mehr Menschen totgetrampelt werden. Aber dann dachte ich mir, wenn es nur um die Sicherheit ging, hätte man auch eine CD einlegen können. Aus meiner Sicht konnte es keinen positiven Aspekt mehr geben. Die Party durfte nicht weitergehen, deswegen entschloss ich mich, nicht dort aufzulegen.

Es war kein normaler Gig für dich, sondern dein letztes Loveparade-Set.
Ja, ich hatte mich wahnsinnig konzentriert auf den Gig, meinen letzten Gig auf der Loveparade. Es wäre ein Highlight meiner Karriere gewesen. Aber die Vorstellung, irgendeine Art von guter Laune zu verbreiten wäre diametral zu den Geschehnissen gewesen.

Inwieweit hast du die Berichterstattung weiter verfolgt?
Als die Pressekonferenz begann, saß ich im Flieger, aber Zuhause habe ich mir viele Berichte angeschaut. In den Bildern der PK wirkte Rainer Schaller auf mich wie ein gebrochener Mensch. Ich halte ihn nicht für einen Bösewicht, eher für einen Spieler. Es bestand ein großer Druck - alle wollten ja, dass die Loveparade in Duisburg stattfindet. In Essen hatte ich das Gefühl der Enge noch nicht, aber in Dortmund dachte ich schon, die Städte im Ruhrgebiet stoßen an ihre Grenzen. Es fühlte sich für mich an, als wenn jemand alleine in einer kleinen Wohnung wohnt und zehn Menschen kommen zu Besuch - es kann nur eng werden. Der allgemeine öffentliche Druck auf die Veranstalter und die Behörden, zumal das 20jährige Jubiläum ausgefallen ist, hat dafür gesorgt, dass die Organisatoren anscheinend einige Risiken außer Acht gelassen haben, um den Wunsch einer neuen Loveparade wahr werden zu lassen. Letztendlich war der Wunsch zu groß.

Warum ist so etwas in Berlin nicht passiert?
Die Loveparade war immer von legendären Glück gesegnet. Motte hat auch Recht, wenn er sagt, dass die Organisation in Duisburg leichtsinnig gewesen ist. Aber wir hatten immer Glück in Berlin. So etwas hätte auch in all den Jahren in Berlin passieren können. Berlin ist natürlich größer, aber so etwas ist nicht auszuschließen. Es hätte nur eine Person im Bereich der Siegessäule fallen und zerquetscht werden müssen, dann wäre auch in Berlin Panik ausgebrochen, schließlich war es dort auch immer sehr eng. Man hat sich vielleicht ein bisschen zu sehr auf das Glück der Loveparade verlassen, aber an diesem Tag hat die Loveparade das Glück verlassen.

Wer hat sich in Berlin um die Sicherheit der Besucher gekümmert? Wie oft gab es ein Update der Sicherheitsvorkehrungen?
Dazu kann ich wirklich nichts sagen. Ich habe mich nie um solche Sachen gekümmert, weil ich wusste, da sind Leute, denen ist das Thema sehr wichtig. William Röttger und Sicherheitschef Angelo Pape, der für Ralf Regitz und die Planetcom arbeitete, waren immer sehr ängstlich. Einigen Leuten sogar zu ängstlich. William hat immer gesagt, wenn einmal etwas Schlimmes passiert, war es das mit der Loveparade, deshalb darf nichts passieren. Jetzt, nach der Katastrophe, habe ich mich als Künstler gefragt, warum man sich nie um solche Sicherheitsbelange gekümmert hat. Diese Nadelöhr-Situation war ja bekannt. Ich habe Bilder von den Massen vor dem Tunnel gesehen und musste spontan an Wasser denken. Wenn man versucht, Wasser zu stauen, steigt es an den Seiten hoch, und so ist es mit den Menschen passiert. Dass dann eine Panik entsteht, wenn jemand zu Boden fällt und anfängt zu schreien oder jemand von den Seiten auf die Menschen unter ihm stürzt, ist klar. Wenn in Berlin jemand von den Laternen heruntergefallen wäre, hätte es auch eine Panik geben können. In Bezug auf die Kesselsituation mit 300.000 Leuten frage ich mich schon, wie man das verhindern wollte, wenn man eine Million Gäste erwartete. Es war doch klar, dass dann Hunderttausende nachrücken und von hinten drücken. Da kann ich dann eine Aussage wie "Das Sicherheitskonzept war schlüssig" als Laie nicht nachvollziehen.

Du hast gesagt, Rainer Schaller ist für dich kein ruchloser Bösewicht. Was ist er für dich?
Schaller ist ein Entrepreneur, ein Spieler, der auch immer bereit war, große Risiken einzugehen und immer damit Erfolg hatte. Ich wollte ihn mal erreichen als er sich im Urlaub befand, und da war er im pakistanischen Grenzgebiet unterwegs. Er hat sich immer etwas getraut. Als er die Rechte an der Loveparade erworben hat, gab es niemanden, der sich dann sonst getraut hätte, obwohl es zu der Zeit noch diverse Firmen gab, die das nötige Kleingeld gehabt hätten. Er hat die erste Parade in Berlin durchgeführt und dann, als es in Berlin Probleme mit den Behörden hab, traute er sich, einen großen Schnitt zu machen und die Parade ins Ruhrgebiet zu übersiedeln. Auch ein sehr mutiger Schritt. Ich respektiere ihn dafür, dass er sich was traut. Es ist nur tragisch, wenn andere Menschen dafür mit dem Leben bezahlen.

Du hast vor der Loveparade gesagt, dass es in Duisburg deine letzte Loveparade sein wird. Ist die Ära WestBam-Loveparade jetzt gestorben oder die gesamte Loveparade?
Ich wollte mich verabschieden und dachte, ich höre auf, aber die Loveparade gibt es noch in 100 Jahren. Dass so etwas passiert, dachte und wollte ich natürlich nicht. Mein ehrlicher Eindruck ist: Die Loveparade ist in diesem Augenblick gestorben, als diese armen Menschen zu Tode gekommen sind. In Roskilde sind auch Menschen gestorben. Wenn die Loveparade ein normales Event gewesen wäre, hätte man darüber reden können, im nächsten Jahr die Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen, auf ein größeres Gelände auszuweichen oder ähnliches. Aber die Loveparade ist zu keiner Zeit ein normales Event gewesen. Die Loveparade gibt es nach diesem Wochenende nicht mehr. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass nach der Tragödie noch Partys stattgefunden haben. Ich verstehe das nicht, denn das bricht die gesamte Loveparade auf das Niveau von Tieren herunter. Nein, nicht Tiere, Menschen, denen es nur um gedankenloses Feiern ohne Sinn und ohne Verstand geht. Das kann ich nicht unterstützen.
 
Hast du die ZDF Berichte gestern nicht verstanden???Da wurde klar drüber berichtet das die zugänge zu der Veranstaltung niemals so viele Menschen bewätigen kann,wenn die Stadt die Zahlen mal genau kontrolliert hätte,hätten sie es sehen müßen.Aber sie wollten es wahrscheinlich garnicht ,und auf Teufel komm raus die LP stattfinden lassen ...

OK, jetzt werde ich mal persönlich:

Du bist scheinbar nicht in der Lage zu verstehen, was ich sage. Daher werde ich auf dich hier nicht mehr antworten.
Mein letzter Kommentar dazu: Ermittlungen abwarten, nicht vorverurteilen.
 
Kommentar von DJ und Raveline-Kolumnist Tom Novy zur Loveparade-Katastrophe:

Ich habe die Loveparade dieses Jahr so erlebt: Am Freitagabend auf dem Weg zum Raveline-BBQ fuhren wir das erste Mal am neuen Loveparade-Gelände vorbei. Schon da war das in in unseren Augen viel zu kleine Areal Thema unserer Gespräche. Den Tunnel, der als Ein- und Ausgang dienen sollte, konnte man von der Autobahn nicht sehen, sonst wäre uns bestimmt klar gewesen, was für eine Schnapsidee das Ganze überhaupt ist. Auch, dass man die Parade eingezäunt hat, gefiel mir nicht. Da ist ja schon mal der Grundgedanke von Friede und Freiheit dieser Party futsch.

Als wir am Samstag anreisten, war ich als erster eingeteilt, um auf dem Raveline-Wagen zu spielen. Mein Weg dorthin führt mich nicht durch den Tunnel, sondern ich kam durch den Eingang über die Pioneer Love Stage. Als die Parade los ging, empfand ich es als leer und unmotiviert. Stimmen auf dem Wagen meinten, dass dies wohl gar nicht ginge und dass hier das Areal auch schon nicht passen würde. Unser Wagen zog vorbei an der VIP-Tribüne und ich sah Pocher und seine Sandy und Klitschko moderieren und auch noch diverse andere pressegeile B-Promis auf der "VIP"-Tribüne. So ist das eben, wenn sich ein Sponsor ins richtige Licht rücken will, dachte ich mir. Was für ein Ausverkauf! Hauptsache, McFit! Wir versuchten trotz all der gemischten Gefühle gute Miene zum schon vermeintlich bösen Spiel zu machen. Als wir dann hinter dem alten Bahnhofsgebäude wendeten, sahen wir in Richtung Tunnel wie viele Leute da hinauf strömten. Die Menschen konnten nicht zügig hinauf, weil die Wagen ja auch dort kreuzten. Das war erst gegen 15 Uhr. Mein nächster Stopp war dann die Pioneer Love Stage, die ziemlich weit vom eigentlichen Paradegeschehen entfernt war. Wir hüpften vom Wagen und fingen noch Partybilder ein für RavelineTV und als wir in der Nähe des Tunnels Richtung Stage liefen, war das Gedränge schon zu viel dort. Aber alles noch nicht erschreckend oder gar gefährlich. Um 16:50 Uhr fing ich an, auf der Love Stage zu spielen. Die Stimmung war unglaublich! Ich schätze, es waren an die 40.000 Menschen vor mir, die mit mir feierten. Von der Tragödie, die sich gleichzeitig ereignete, hat niemand etwas mitbekommen bis dahin. Als ich fertig war gegen 18 Uhr und von der Bühne ging, erreichte mich die SMS eines Freundes: "Tom, Tragödie auf der Loveparade. Schon fünf Tote bei Massenpanik! Mach, dass du da weg kommst!" Ich lief zur Stageleitung und habe gefragt, ob das stimmt. Keiner konnte mir bis dahin was sagen. Ich brach in Tränen aus und schämte mich, dass ich gerade aufgelegt habe, während 500 Meter weiter Menschen gestorben sind. Ich wusste bis dahin nichts von den schlimmen Dingen. Nach ca. 10 Minuten wurde es dann bestätigt. Ich lief abermals zur Stageleitung und sagte, sie sollen doch die Musik aus machen. Die sagten, es sollte weiter gehen, damit nicht noch mehr passiert. Gott sei Dank war mein Freund Holger auf der Bühne. Als er das Ganze mitbekam sagte er zu mir, dass sein Auto hier 10 Minuten entfernt parke und er mich mitnehmen könne. Gesagt, getan, um 19 Uhr waren wir geschockt und traurig im Hotel. Alles weitere erlebte ich nur über die Medien.

Ich möchte mein Beileid den Familien der Opfer aussprechen. Meine Trauer ist längst Wut gegenüber den Verantwortlichen gewichen. Ich finde es traurig und kann den Ekel nicht in Worte fassen der mich beschleicht, wenn ich daran denke, dass so eine schöne Sache und eine Party wie die Loveparade, eine Demonstration für Friede, Freude, Eierkuchen von Menschen für Profit und Machtgier so beschmutzt wird und dafür unschuldige Menschen sterben müssen. Ich fordere, dass die Verantwortlichen ihre gerechte Strafe bekommen! Gestern kam mir allerdings ein Gedanke, der mich vielleicht hoffen lässt. Was, wenn wir die Loveparade nicht sterben lassen. Lassen wir nicht Mister McFit Rainer Schaller zum Totengräber unserer Loveparade werden. Vielleicht schafft es unsere Szene mit der Hilfe der Regierung und zum Andenken und Ehren der Toten und Verletzten die Parade zurück nach Berlin zu holen und nächstes Jahr diese Tragödie zwar nicht unvergessen zu machen, aber ein Zeichen zu setzen, dass Geldhunger und Machtgier nicht die Ideale sind, für die die Loveparade steht, sondern Friede, Freiheit und Liebe!

Euer Tom Novy

P.S.: Ganz ohne Lästern geht es ja dann bei mir auch nicht. Zu guter Letzt möchte ich noch sagen, dass ich finde, der Delta Park und die Punx Veranstalter sind das Allerletzte, da sie die Eins Live Rocker-Party stattfinden ließen. Hierfür gibt es keine Entschuldigung, und ich schäme mich für alle Künstler die dort angetreten sind um zu spielen. Das kommt dem Verhalten von Tieren gleich und man sollte euch in Zukunft boykottieren, denn ihr seid kalte, herzlose Arschlöcher und eine Schande für die Technobewegung. Schweigeminute geht anders!

(Anmerkung von Thilo: dieser Text stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers, DJ Tom Novy, dar und muß nicht mit meiner Meinung übereinstimmen!)
 
Im Spiegel hat sich der Crowdmanager, der vor Ort war, geäußert. Das Interview wirft meiner Meinung nach ein paar interessante neue Aspekte auf, was Ursache und leider unterbliebenen Maßnahmen zur Verhinderung der Tragödie angeht.
Auch diese Äußerungen muss man natürlich als das einordnen, was sie sind: die Einschätzungen eines (persönich betroffenen) Experten. Auch diese berohen natürlich nur darauf, was er zu wissen glaubt, die Wahrheit kann natürlich eine andere sein, aber lesenswert ist es allemal.
 
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