Krieg in Europa

Es gibt heute einen interessanten Artikel bei SPON, der aber hinter einer Paywall liegt. Er passt gut zu unserer gestrigen Diskussion (Thema Vergleiche mit dem GröFaZ), deswegen möchte ich eine Antwort aus dem Interview zitieren (Mods: Bitte löschen, wenn einzelne Zitate aus Bezahlartikeln nicht erlaubt sind):

Figes: Der interessanteste ist tatsächlich der vierte: Nikolaus I. Aus meiner Sicht ist das der Zar, der die meiste Ähnlichkeit mit Putin hat.

SPIEGEL: Inwiefern?

Figes: Nikolaus I. war der Nachfolger von Alexander. Er regierte von 1825 bis 1855. Also nach dem Sieg über Napoleon. Und nach dem Wiener Kongress, auf dem für Jahrzehnte die europäische Ordnung festgelegt wurde. Es war eine Zeit revolutionärer Unruhe in Europa – aber eben auch in Russland. Nikolaus hatte panische Angst vor diesen Bewegungen. Was macht er? Zum einen entwickelt er eine ideologische Abwehr, einen Dreiklang aus Autokratie, Orthodoxie, Nationalismus. Das ist sehr ähnlich zu dem, woran Putin glaubt. Politische Reaktion, antiwestlicher Nationalismus, das Hochhalten traditioneller christlicher Werte, oder das, was Nikolaus und Putin dafür halten. Beide waren gegen die säkulären Einflüsse des Westens, für die Abkapselung Russlands. Starke Zensur, harte Strafen für alle, die das Regime bedrohen – etwa die Dekabristen, die gegen den Zaren rebellierten. Und die wahrscheinlich größte Parallele: Nikolaus zog gegen fast ganz Europa in den Krieg, um russische Prinzipien zu verteidigen. Das war der Krimkrieg von 1853 bis 1856.

Vergleich zwischen Nikolaus I. und Wladimir Putin: »Der Zar war alles« - DER SPIEGEL
 
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Dem würde ich relativ hart widersprechen. Die Chinesen und Nordkoreaner rund um ihren Personenkult haben es ähnlich perfektioniert, aber die Russen?
Auch aufgrund ihrer Vergangenheit als Teil der kommunistischen UdSSR verstehen die Russen nach wie vor einen beinahe perfekten Personenkult zu betreiben. In Zeiten der Oligrachen ist, anders als z.B. zu Stalins Zeiten, Putins Konterfei nicht zusammen mit den Portraits von Marx, Engels und Lenin auf rotgetünchten, zum Teil überdimensionalen Fahnen, Plakaten, Aufklebern, Anstecknadeln etc. zu sehen. Heutzutage wird nur Putin abgebildet - und vermarktet. Wie es z.B. im Mai 2015 in der Wochenzeitung "Die Zeit" zu lesen ist:
Nur wenige Schritte von der Paradestrecke stehen Büdchen, in denen junge Frauen allerlei Andenken verkaufen. Neben Panzermodellen gibt es Orden und Fähnchen, Kühlschrankmagneten mit Stalin-Bild und anderen. "Am besten laufen die T-Shirts mit Putin", berichtet Verkäuferin Maria[...]
https://www.zeit.de/politik/ausland...feier-zweiter-weltkrieg-putin/komplettansicht

Und nur wenige Tage später schrieb "Die Zeit"
Seit der Krim-Annexion, die die meisten Russen frenetisch bejubelten, kamen neue Devotionalien. Seit 2014 gibt eine große Auswahl an T-Shirts mit dem Antlitz des russischen Präsidenten; Bestseller in den Souvenirständen Moskaus und Sankt Petersburgs. Die Putin-Mode ist nicht nur unter Touristen beliebt. Viele russische Spitzensportler lassen sich gerne in sozialen Netzwerken und bei öffentlichen Auftritten in Putin-T-Shirts fotografieren, neulich etwa der russische Eishockey-Superstar Ilja Kowaltschuk, der kürzlich zu einer Abendshow in einem solchen Gewand erschien.
Dieses Zitat stammt aus dem Artikel mit dem mit dem vielsagenden Titel "Russland: Gajus Julius Putin", wo auch zu lesen ist:
Die große Mehrheit der Russen liebt den Präsidenten. [...]So sehr, dass sie ihm eine Statue anfertigen lassen. Am morgigen Samstag wird in einem Vorort von Putins Heimatstadt Sankt Petersburg eine Bronzebüste enthüllt, die ihn als einen römischen Feldherren darstellt. In den Tagen um das 70. Jubiläum des Sieges über Nazi-Deutschland nimmt der Personenkult in Russland bedenkliche Züge an. [...] Aus Anlass des Weltkrieg-Gedenkens wurden im Mai auch fünf neue Stalin-Denkmäler in verschiedenen russischen Städten eingeweiht. Man kann dies als direkte Folge der russischen Politik sehen, die die Taten des sowjetischen Diktators in jüngerer Zeit verstärkt herunterspielt. So wie während des Besuches von Angela Merkel in Moskau, als Putin den Hitler-Stalin-Pakt verharmloste. Kritiker sagen, der russische Präsident versuche auf solche Weise, sein eigenes autoritäres Vorgehen zu legitimieren. Und vielleicht auch die Idee des Personenkults als solchem.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/wladimir-putin-bueste-statue-verehrung

Und die "Welt" stieß schon 2014 ins gleiche Horn des Personenkults. Und fasst obiges in einem, heute noch mehr gültigen Satz zusammen:
Je isolierter Russland ist, desto surrealer wird Putin verehrt.
https://www.welt.de/politik/ausland...eburtstag-erblueht-bizarrer-Personenkult.html
 
Auch aufgrund ihrer Vergangenheit als Teil der kommunistischen UdSSR verstehen die Russen nach wie vor einen beinahe perfekten Personenkult zu betreiben.

Ich hatte ja selber weiter oben geschrieben, dass es echte glühende Putinverehrer gibt und man es sich nicht zu einfach machen sollte mit dem Autokraten den im Grunde alle hassen. Das ist nicht so. Dennoch ist es für mich noch ein großer Unterschied zwischen dem was in Russland läuft und dem was zb in China passiert. Und ich habe beides live erlebt, wenn auch jetzt schon 6~7 Jahre her, aber auch der ZON Artikel ist ja 7 Jahre alt.
 
Ich hatte ja selber weiter oben geschrieben, dass es echte glühende Putinverehrer gibt und man es sich nicht zu einfach machen sollte mit dem Autokraten den im Grunde alle hassen. Das ist nicht so. Dennoch ist es für mich noch ein großer Unterschied zwischen dem was in Russland läuft und dem was zb in China passiert.
Von der Vorgehensweise ja. Chinas Personenkult basiert sehr stark auf den kommunistischen Idealen wie rote Fahnen etc. Russlands Personenkult mit den Merchandising ähnelt dagegen eher mehr denen in Monarchien, wo schier unzählbarer Tinnef mit Portraits von König/in auf konsumfreudige Kunden wartet.

aber auch der ZON Artikel ist ja 7 Jahre alt.
Ich weiß, aber meinem Eindruck nach hat sich nicht viel daran verändert - siehe auch dem zitierten Satz aus der Welt.
 
Chinas Personenkult basiert sehr stark auf den kommunistischen Idealen wie rote Fahnen etc.

In China ist, bzw. war das nach meinem Empfinden so, der Staat einfach allgegenwärtig. Und überall Mao. Auf Statuen, offiziellen Gebäuden, dem Geld, überall. Dann Bilder vom heldenhaften Soldaten bzw. Soldatin und die Arbeiter, von überall her brüllt dich der Staat an. Wie du schon sagst, die Ideale, oder was die dafür halten. Das war in Peking (Personenkult ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, wenn ich so darüber nachdenke. Denn der dreht sich immer noch um Mao. Heute aber vermutlich auch Xi). In Moskau hatte ich nicht so extrem das Gefühl. Da hatte es fast eher was von Disney. Der verkleidete Lenin der dir vorm Roten Platz seine Touristen-Ramschartikel anbietet und ja, auch Putin-Shirts darunter. Aber eben auch nur unter anderem. Daneben liegen Imitate der typischen russischen Uschanka, Waffensouvenirs (Imitate) und also alles was vermutlich der westliche Tourist aus Rocky-Filmen über Russland denkt. Peking habe ich als bedrohlich empfunden. Moskau war eine Mischung aus Kitsch und Prunk. Wenn man auf die anderen beiden Metropolen geht, die Machtzentren sind aber nicht DIE Machtzentren, St. Petersburg und Shanghai, sieht das vermutlich alles schon etwas entspannter aus, aber da war ich leider noch nie.
 
Hier noch einmal der bereits oben von @FatTony zitierte Orlando Figes, leider auch hinter der paywall. Sehr lesenswert!
https://www.welt.de/kultur/plus2423...werden-sagt-der-Historiker-Orlando-Figes.html
Ach so, die Annahme, dass der Krieg lange dauern wird (Überschrift) basiert darauf, dass die Ukraine für Russland/ Putin wichtiger ist als für den Westen und das Letztgenannter auf Dauer die Ukraine nicht unterstützen wird, erst recht nicht, falls Trump wiedergewählt wird und ergo Russland den Krieg wahrscheinlich in irgendeiner Form gewinnen wird. Diese Meinung teile ich.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hier noch einmal der bereits oben von @FatTony zitierte Orlando Figes, leider auch hinter der paywall. Sehr lesenswert!
https://www.welt.de/kultur/plus2423...werden-sagt-der-Historiker-Orlando-Figes.html
Ach so, die Annahme, dass der Krieg lange dauern wird (Überschrift) basiert darauf, dass die Ukraine für Russland/ Putin wichtiger ist als für den Westen und das Letztgenannter auf Dauer die Ukraine nicht unterstützen wird, erst recht nicht, falls Trump wiedergewählt wird und ergo Russland den Krieg wahrscheinlich in irgendeiner Form gewinnen wird. Diese Meinung teile ich.
Nachdem ich den Artikel gelesen habe (habe mir heute Die Welt freigeschaltet), glaube ich auch, das es so laufen kann.
 
In China ist, bzw. war das nach meinem Empfinden so, der Staat einfach allgegenwärtig. Und überall Mao. Auf Statuen, offiziellen Gebäuden, dem Geld, überall. Dann Bilder vom heldenhaften Soldaten bzw. Soldatin und die Arbeiter, von überall her brüllt dich der Staat an. Wie du schon sagst, die Ideale, oder was die dafür halten. Das war in Peking (Personenkult ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, wenn ich so darüber nachdenke. Denn der dreht sich immer noch um Mao. Heute aber vermutlich auch Xi).
Letztlich ist das, was sich in der VR China um Mao drehte, dann doch Personenkult. Die (vermeintlichen) Leistung des Herrschers bis zur Verherrlichung übertrieben darzustellen und gleichzeitig dessen Versäumnisse und Gewalttaten zu kaschieren, relativieren oder gar Anderen - v.a. Minderheiten - anzulasten, gehört wie Propaganda, Geschichtsverzerrung, zensierter / manipulierter Information, symbolischer Bildsprache zum Modus Operandi von autokratischen Systemen - ebenso wie bei Parteien und anderen politischen Gruppierungen in demokratischen Staaten, die sich an den politischen Rändern bzw. darüber hinaus bewegen. Losgelöst davon ob sie kommunistisch, nationalistisch oder faschistisch geprägt waren bzw. sind.

Dass der Personenkult um Mao größer ist als der um Xi ist historisch begründet, d.h. aufgrund seines Wirkens (z.B. im sog. Langen Marsch) vor der Proklamation der VR China. D.h. aber nicht, dass um Xi kein Personenkult existiert. Das erschließt sich u.a. dadurch offensichtlich, dass er als Generalsekretär der KP Chinas traditionell als Überragender Führer - was kein offizieller Amtstitel ist - verehrt wird dass jüngst das Zentralkomitee ihn historisch mit Mao und Deng auf eine Stufe stellte.


Da hatte es fast eher was von Disney. Der verkleidete Lenin der dir vorm Roten Platz seine Touristen-Ramschartikel anbietet und ja, auch Putin-Shirts darunter. Aber eben auch nur unter anderem. Daneben liegen Imitate der typischen russischen Uschanka, Waffensouvenirs (Imitate) und also alles was vermutlich der westliche Tourist aus Rocky-Filmen über Russland denkt.
:tnx:
 
Mal schauen was der Öl-Preisdeckel bringt.
Als der Rubel im März dieses Jahres schwächelte, wollte man Gas in Europa nicht in Rubel zahlen.
Dann wurde der Leitzins in Russland erhöht. Mittlerweile hatte sich jedoch der Rubel schon wieder erholt, und der russische Leitzins ist bereits wieder auf Vorkriegsniveau.
Der Öl-Preisdeckel ist in US Dollar festgeschrieben. Das einfachste für Russland wäre jetzt den Leitzins über die Zentralbank wieder zu erhöhen, um das Ölgeschäft mit Europa wieder attraktiver zu machen.

Wir sollten mal mit der Illusion aufhören mit Preisdeckeln langfristig etwas erreichen zu können. Wenn wir kein russisches Öl wollen, dann dürfen wir es nicht kaufen.
Aber wir versuchen ja auch schon seit Jahren mit Mietpreis-(Bremsen & Deckeln) mehr Wohnraum zu schaffen :kaffee:
 
Eine der Ukrainerinnen, die in meiner Nachbarschaft wohnen, fährt morgen wieder zurück. Endgültig. Sie kommt aus Charkiw. Dort ist die Bombardierung derzeit groß. Schade, aber wenn sie zurück möchte...
Sie fährt erst mit dem Bus nach Polen, dann mit dem Zug weiter in die Ukraine. Sie ist über 30 Stunden unterwegs.
Die andere möchte hier bleiben. Besucht auch eine Schule. Möchte dann auch hier arbeiten.
 
Entscheidung pro Leopard 2-Lieferungen an die Ukraine endlich gefallen. Deutsche Panzer rollen wieder Richtung Osten. Mein Opa hätte Tränen in den Augen. Gott hab ihn selig. :D
 
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