Nein. Der vorsichtig von Dir angedeutete Widerspruch ist keiner, denn ich habe nur das eine falsche Extrem (Werder-Kuschel-Medienlandschaft in Bremen) dem anderen, gegensätzlichen und ebenso falschen Extrem (Köln-Kaputtschreibe-Hysterie) gegenüber gestellt.
Richtig wäre eine grundsätzlich wohlwollende, fundierte jedoch nicht liebedienerische Auseinandersetzung mit unserem SVW. Wenn im Verein viele Dinge richtig schlimm laufen und man den Eindruck bekommt, das zunehmend Betriebsblindheit einzieht und keine kritische Eigenkontrolle mehr vorhanden ist, muss dieser Part eben von einer kritischen Presse übernommen werden.
Diese "Balance" finden die Medien nicht und es fehlt wohl auch eine ganze Menge Fachwissen. Oder hat man vielleicht Angst, die Leserschaft damit zu überfordern ?
Man hätte durchaus mit der gleichen Sachlichkeit nach haken können, ja sogar nach haken müssen.
Statt dessen lässt man sich mit vagen, allgemein gehaltenen Aussagen abspeisen.
Das eigentliche Problem ist aber doch nicht, dass Thomas Schaaf inkompetent wäre, das behaupten ja wohl nur die allerwenigsten Kritiker.
Das Problem ist, dass dieser für mich ohne Zweifel sehr fleissige, intelligente, akribisch arbeitende und fachkundige Trainer seit Jahren versucht DINGE umzusetzen, die ebenso lange nicht funktinionieren, dabei immer wieder im Wesentlichen die gleichen Symptome des Scheiterns auch für Laien offensichtlich werden und selbst der dieses Jahr angeblich gründliche Umbruch, was die grundsätzliche Spielanlage angeht, in Wahrheit kein echter spielerischer Umbruch, sondern wieder nur eine neue Variation der gleichen, seit Jahren scheiternden Trainer-Vorstellungen ist.
Das macht mich besonders traurig/wütend/ konfus, weil eine Vielzahl woanders erfolgreicher Neuerungen in Spielanlage und Taktik, u.a. ein systemisches Positionsspiel, konsequent nicht umgesetzt werden.
Man bekämpft mit der neuen Spielanlage und dem neuen System die vorher jahrelang im Werder-Offensivspiel herrschende Raumarmut, die es Gegnern gestattete, einfach die Mitte dicht zu machen und dann schnell mit einem Pass auf die Außen und von dort zurück mit einem Pass in die Halbposition oder die offene Werder-Zentrale zu kontern.
Gleichzeitig bekämpft man mit der neuen Spielanlage, bei der unsere Abwehr grundsätzlich tiefer steht, auch die alten Probleme, die gerade in einer Überkompaktheit der zentralen Mittelfeldzone bestanden (um dort beim "Rautensystem" mit Überzahl durchbrechen zu können).
Das ist grundsätzlich ja erfolgreich, weil man jetzt bei Werder-Spielen jedes Mal (Ausnahme das untypische Bayern-Spiel) denkt, dass das Spielfeld immer viel größer sei, weil Werder immer viel Platz hat. Das Dumme daran ist, dass diese "neuen Erfolge" auch zu neuen "Fehlern" führen, die bei genauer Betrachtung die "alten Fehler in neuer Verkleidung" sind und sich auch ähnlich auswirken, wie die alten Fehler:
Die neu "gewonnenen" Räume hat nämlich auch der Gegner. Nur kann der Gegner jetzt nicht wie früher ein überkompaktes Mittelfeld schnell um- und dann ausspielen, dafür muss er jetzt bei Ballgewinn im Wesentlichen nur hinten richtig raus spielen, um das offensive Anlaufen von meist 3 Werder-Offensivkräften verpuffen zu lassen.
Danach hat der Gegner dann aufgrund des "groß" gemachten Spielfelds, des (altmodisch) riesengroßen Abstands zwischen dem nicht organisiert verteidigenden Mittelfeld und der jetzt tief stehenden Abwehr gewaltige Räume in der Zentrale und kann so leicht und gefährlich vor das Werder-Tor kommen. Als Werder-MF-Spieler ist es extrem schwer, sich bei diesen großen zu verteidigenden Räumen individuell schnell genug richtig zu bewegen und die Viererkette wird durch die großen Räume vor ihr in eine ähnlich ungemütliche Lage gebracht, wie es die alte Verteidigung mit dem überkompakt hohen Stehen schon häufig erdulden musste.
Kurz gesagt: Ein neues intelligentes System des Trainers löst einige alte Probleme, schafft damit aber neue Probleme und beinhaltet letztlich die gleiche Überforderung der Spieler, wie es sie schon früher jahrelang gab.
Klappt es nicht, sind immer die Spieler schuld, weil sie "nicht in die Zweikämpfe kommen", oder "zu viele individuelle Fehler begehen" oder "nicht die richtige Balance finden".
Anstelle zu merken, dass die neue Spielanlage schon nach 7 Spieltagen grandios gescheitert ist und es selbst Trainerneulingen von unterlegenen Abstiegskandidaten (Weinzierl mit dem FCA) zunehmend leicht fällt, unsere Spielanlage für eigene Siege zu nutzen, wird mit dem erneut gescheiterten Schaaf'schen Individualismus weiter gemacht, obwohl die Entwicklung des modernen Fussballs immer mehr aufzeigt, dass dies zunehmend "altmodisch" wird und immer weniger Erfolg verspricht.
Und auch, obwohl die Voraussetzungen dafür im Gegensatz zur "fetten Zeit" 2004-2009 schon länger nicht mehr gegeben sind und sie erkennbar (13,7 Mio € Verlust !) auch in den nächsten Jahren nicht mehr erreichbar sind. Denn wenn man Siege einfahren will dadurch, dass man individuell starken Fussballern viele Freiheiten lässt, damit sie ihre individuelle Überlegenheit umsetzen, dann muss man auch in der Lage sein, solche individuell stärkeren Fussballer auszubilden, zu holen und zu halten. Doch das ist seit dem Weggang von Özil gescheitert und eine Neuauflage von Micoud-Diego-Özil ist nicht in Sicht. Denn dafür braucht man so stark überlegene Leute, die man nie und nimmer holen kann. Wo man ja schon 21-jährige belgische Talente nicht verpflichten, sondern nur für 1 Jahr ausleihen kann.
Mit anderen Worten: das grundsätzliche Konzept des Trainers ist ein "Weiter so mit meiner grundsätzlichen Richtung" , obwohl die Voraussetzungen in den nächsten Jahren dafür erkennbar nicht mehr gegeben sind.
Was nutzt es da, dass der Trainer fachkundig, akribisch, fleissig, dem Verein mit ganzem Herzen verbunden ist, wenn all diese Qualifikationen nicht dazu führen, das das Richtige getan wird ?
Jetzt die wirklich interessanten Fragen, die KA nicht gestellt wurden: Sind die Trainer der anderen Bundesligisten, die sich nicht so einen Bockmist einfallen lassen, sondern mit viel schlechteren Einzelspielern alle modernen Erkenntnisse verarbeiten und ihre Teams so spielen lassen, dass diese damit Erfolg haben können nun weniger intelligent, weniger akribisch, weniger fussball-besessen als Thomas Schaaf ?