Du beschreibst in weiten Teilen Deines Beitrag sehr gut und richtig, wie sich die Mannschaft seit der Saison 2008/2009 verändert hat. Dabei sieht man, dass, zumindest in der ersten 11, gar nicht so viele Veränderungen zu verzeichnen sind. Der Abgang Diegos konnte, nach meinem Dafürhalten, durch Özil einigermaßen gut kompensiert werden. Das Karriereende Baumanns hinterließ vor allem menschlich und kameradschaftlich eine Lücke, sportlich eher weniger. (In dem Zusammenhang habe ich schon einmal vor geraumer Zeit gemutmaßt, dass Torsten Frings als Kapitän diese integrativen Fähigkeiten eines Frank Baumanns abgingen und seine "Motzereien" die explosive Stimmung im Herbst 2010 eher noch genährt haben). Im Tor, in der Abwehr ist die Mannschaft nahezu unverändert geblieben, bzw. nur durch Verletzungen vorübergehend verändert worden, nicht aber durch Abgänge langfristig geschwächt. Der Sturm wurde durch Wagner und vorübergehend Moreno ergänzt. Dass Almeida über die Jahre ein zuverlässiger Stürmer war, der uns zuverlässig Tore geliefert hätte, kann ich nicht erkennen. Am seinem Abgang kann ich nur kritisieren, dass er, mitten im Abstiegskampf der letzten Saison, nicht gleichwertig ersetzt wurde. Aber, wie gesagt, über den Substanzverlust in der abgelaufenen Saison sind wir uns scheinbar einig. In den Jahren davor aber sehe ich den kaum.
Schön, dass wir uns in diesem Bereich einig sind - zumal es der wohl entscheidende Punkt ist, wenn es darum geht, von einer negativen Tendenz in der Kaderplanung zu sprechen.
Wir sind uns einig, dass der Abgang von Diego durch Özil kompensiert wurde, und ich denke, dass wir auch Einigkeit darüber erzielen werden, wenn ich sage, dass Marin in der vergangenen Saison den Özil der Saison 2008/09 kompensieren konnte. Dieser Umstand ermöglichte es, trotz der Abgänge von Baumann und Diego in der Saison 2009/10, dafür aber ausbleibendem Verletzungspechs, wieder erfolgreicheren Fußball zu spielen.
Während es in besagter Saison gelang, zumindest den kreativen und qualitativen Verlust, der durch den Abgang Diegos erlitten wurde, ebenso aufzufangen, wie es zumindest teilweise in der Personalie Baumann gelang, erlitt man bei dem Versuch, den Abgang Özils zu kompensieren, völligen Schiffbruch. Insofern stimme ich absolut mit Dir überein, wenn Du sagst, dass...
man sich fragen (muss), ob es nicht auch an Özil gelegen hat.
Auch, wenn vielen diese Frage nicht gefällt und einige in ihr ein Kramen in der Vergangenheit sehen, so kann, muss und sollte man diese Frage ehrlich mit Ja beantworten, zumal durch den Abgang von Özil der sportliche Wert Marins für die Mannschaft eklatant gemindert wurde.
An selber Stelle, wo er mit Özil (und Hunt) noch dafür verantwortlich war, dass der qualitative Verlust Diegos aufgefangen werden konnte, war Marin plötzlich in einer Situation, die ihm nicht zuletzt aufgrund des zumindest bis heute nicht wirklich glücklichen Wesley-Transfers über den Kopf wuchs.
In diesem Bereich wurden grobe Fehleinschätzungen getätigt, was die Entwicklung von Spielern wie Marin und Hunt, aber auch die Qualitäten von Spielern wie Wesley betrifft. Man verlor mit Diego und Özil zwei Spieler, die den Kopf der offensiven Bemühungen darstellten, bekam mit Marin und Wesley jedoch "nur" zwei talentierte "Zulieferer", die auch gemeinsam nicht dazu in der Lage waren, den Kopf im Mittelfeld zu bilden, während Hunt (einmal mehr) in seiner Entwicklung stagnierte.
Kurzum: Der Spieler, der andere besser macht, wurde in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mehr oder weniger ersatzlos abgegeben - und die wahre Qualität derer, die von diesen Ausnahmespielern profitierten, kam knallhart zum Vorschein, was durch das gerade zu Saisonbeginn ständige Variieren des Spielsystems noch deutlicher zum Tragen kam, als es nötig war.
Über die Transfers von Özil und Neuer möchte ich ehrlich gesagt an dieser Stelle nicht weiter sprechen, das sie uns in der Sache auch nicht wirklich weiterbringen. Wir werden hier nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, aber ich behaupte einfach mal, dass das weder sein muss, noch den einen oder anderen belastet...
Zu Schalke: Da werden wir auch unterschiedlicher Meinung bleiben. Bei Schulden von ca. 230 Mio Euromss man sich fragen, wem das von Dir geschilderte "Tafelsilber" gehört?! Trotzdem könnte man Dir recht geben, wenn man nur die Struktur der Mannschaft betrachtet. Im Gegensatz dazu aber haben wir in Bremen über viele Jahre lang Ruhe im Club, haben mit einer relativ günstigen Mannschaft viele Erfolge gefeiert, haben eine eigene Vereinsphilosophie, die seit Jahren reüssiert. Das sind Punkte, um die uns viele Clubs, auch Schalke 04 beneiden.
Natürlich, die wirtschaftliche Situation auf Schalke ist alles andere als schön, in letzter Konsequenz allerdings hauptsächlich auf den seinerseits extrem teuren Neubau der ausschließlich aus privaten Geldern finanzierten ArenaAufSchalke zurückzuführen.
Objektiv betrachtet sieht die Situation analog zu der in Dortmund so aus, dass spätestens mit dem Abbezahlen der letzten Raten für das Stadion mit einem raschen und rapiden Abbau der Schulden zu rechnen ist, da zweifellos ebenso mit stabilen Zuschauerzahlen bei Spielen des FC Schalke 04 zu rechnen ist, wie mit stabilen Buchungen der Arena für Konzerte und Events, gleichzeitig jedoch die Belastungen für den Club Geschichte wären.
Von daher ist es zwar richtig, dass der aktuelle Eigner von Stadion und Tafelsilber die Finanziers sind, letztlich jedoch ist das unerheblich, da die wirtschaftliche Entwicklung des FC Schalke 04 für die kommenden Jahre von renommierten Wirtschaftsprüfern als absolut positiv prognostiziert wird.
Dennoch will ich nicht in Abrede stellen, dass die allermeisten Clubs der Liga Werder jahrelang um die Ruhe innerhalb des Clubs, die Souveränität von sportlicher Leitung und Geschäftsführung, Kaderplanung und Transferaktivitäten, sowie Außendarstellung beneidet haben, wie sie es auch um die Art und Weise taten, mit der Werder auf dem Platz agierte.
Wie Du einräumen musst, gehört die Vorreiterrolle Werders in vielen dieser Punkte der Vergangenheit an und hat mit den aktuellen Zuständen nur noch wenig gemein.
Um die Art und Wiese, wie auf dem Platz agiert wird, wurde Werder bestenfalls noch in der vergangenen Saison, und das auch eher sporadisch (bei den 6:0-Siegen in Freiburg und Frankfurt, etc.) beneidet. Das Wort, das auf die gerade abgelaufene Saison zutrifft, ist nicht "Bewunderung" oder "Neid" der Konkurrenz, sondern eher "Mitleid".
Mitleid wird es wohl auch sein, das einige Werder gegenüber empfinden, wenn sie daran denken, dass Werder sich Marko Arnautovic ins Nest legte. Bewundert oder gar beneidet für seine Kaderplanung und Transferaktivitäten wird Werder von der Konkurrenz schon lange nicht mehr.
Das aktuelle Vorbild in diesen drei Punkten dürfte wohl Borussia Dortmund heißen - und ich denke, dass es keine Schande ist, das neidlos anzuerkennen.
Dass leider auch die Ruhe innerhalb des Clubs und die Souveränität von sportlicher Leitung und Geschäftsführung der Vergangenheit angehören, dürfte angesichts der Suspendierungen von Jensen und Testroet, den Verbannungen von Vranjes und Husejinovic, dem Ärztestreit mit Klasnic, den Arnautovic-Eskapaden und einigen anderen Dingen ebenfalls außer Frage stehen, so dass man bei aller Liebe zu dem Schluss kommen muss, dass Werder als Vorbild für andere Clubs zur Zeit leider alles andere als tauglich ist.