Natürlich kommt es auch auf die Nebenspieler an, und wenn die nicht gut genug sind, ob aus Qualitätsgründen oder Formschwächen, bringt eben auch der beste Spielmacher nichts.
06/07 war der Kader vielleicht stärker, die Jahre danach aber sicherlich nicht mehr, da die Transferpolitik zu dieser Zeit ziemlich fragwürdig war. 07/08 hatten wir z.B. einen Sturm aus Rosi, Hugo und Sanogo, dass war von der individuellen Qualität her der schwächste Sturm, den wir die letzten 6 Jahre hatten, Bundesligadurchschnitt höchstens. Zudem hatten wir in dieser Saison enorme Personalsorgen, trotzdem haben wir uns mit Diego als entscheidenden Mann und Spielmacher souverän für die CL qualifiziert. .
Falsch. Trotz der Personalsorgen hatten wir seinerzeit einen in Topform befindlichen Jensen, der dem Spiel Struktur und klare Linie gab, vor allem der den Ausgleich zum Diego-Fussball herstellte. Er hat oft den entscheidenden Pass zum 1:0 gegeben, speziell mit wahlweise Steilvorlagen und langen Bällen sorgte er dafür, dass bspw. Rosenberg in der eigentlich genau für ihn prädistinierten Spielweise ab und an aufblühte und wichtige Tore schoß. Diego war am meisten der, der das veredelte, die Spieleröffnung zu verwerten wusste, den Doppelpass inszenierte oder selbst vollendete. Aber er war weniger derjenige, der das initiierte und schon gar nicht allein entscheidend. Und im besten CL-Spiel gegen Real (ohne Diego!) hat Jensen gemeinsam mit Hunt hervorragend dirigiert und da wurde uns kurzzeitig mal wieder vor Augen geführt, wie schneller und geradliniger Fussball heute geht. Das Spiel, welches die UEFA-Teilnahme sicherte.
Die Formkrisen von etlichen Spielern in der letzten Saison auf unsere Spielweise zu schieben, halte ich wirklich für lächerlich. Unsere Spielweise hat sich in der letzten Saison ja nicht verändert zu den Vorjahren, in denen eben diese Spieler noch ihre Leistung brachten. Frings ist z.B. durch die andauernden Verletzungen in die Formkrise gekommen. Fritz ist nach der EM in ein Loch gefallen, war nicht 100% fit, und ist so einfach nicht mehr rausgekommen aus dem Loch, usw. Dass ein Tziolis oder Niemeyer so häufig spielen mussten, sagte auch viel über die Qualität unserer Mannschaft in der letzten Saison aus.
Also die Tatsache, dass Werder trotz Platz 10 die zweitmeisten Chancen kreierte, wiederrum mit die meisten Tore schoß, gegen sämtliche Topteams mindestens einmal überzeugte, in zwei Endspiele gelangte, von Ballbesitz und Torschußquoten in fast allen BL-Partien ganz zu schweigen, ist für mich keine Zeichen mangelnder Qualität, sondern hoher Ineffektivität, fehlender Cleverness und systematischen Fehlern.
Wann haben übrigens Tziolis und Niemeyer gemeinsam gespielt?
Hinzu kam noch, wie wir Beide wissen, dass einige Spieler einfach nicht systemkompatibel waren. Nur denke ich das nicht von Diego, so wie du, ich denke, dass unsere Halbpositionen völlig falsch besetzt waren. Ebenso der Sturm, abgesehen von Pizarro.
Als ob das eine das andere ausschließen würde...
Was ist denn die Raute? Es ist eines der flexibelsten Systeme überhaupt, aber auch eines, das hohe Anforderungen an die Spieler stellt, taktisch, strategisch, physisch - defensiv wie offensiv.
Auf der defensiven Linie - den Halbpositionen - brauchst Du für den Idealfall Leute, die insbesondere Eigenschaften wie gute Balleroberung, physische Präsenz, Antizipation, Stellungssicherheit im Raum, Zweikampfhärte in sich vereinen und es dazu verstehen, je nach Spielsituation auch schnörkellos und weniger risikobehaftet zu agieren. Frings war einer, der diese Anforderungen erfüllte, Özil auf der Gegenseite konnte dies kaum erbringen, weil er einfach ein anderer Spielertyp ist.
In der zentralen, kreativen Achse benötigst Du Leute, die möglichst das Spiel beschleunigen, direkt spielen können und den Blick für Räume haben. Denn hauptsächlich unter Tempo bleibt das System so flexibel, wie es muss, andernfalls wird`s mehr oder weniger zur eigenen Falle. Baumann konnte das, Micoud konnte das, Özil kann es, Hunt auch, Jensen teilweise. Diego`s grösste Stärke dagegen sind das Ballhalten, das Eins-gegen-Eins und der überraschende Abschluss, nicht aber das direkten Weiterleiten des Balles, und damit verbunden schnelles vertikales oder steiles Spiel ohne viele Ballkontakte. Die Folge dessen waren unter anderem zu weit aufrückende Mannschaftsteile, die versuchten, das verzögernde und verlangsamende Spiel von Diego vorne mit Quantität auszugleichen. Ein oftmals vorgetragener Irrsinn, der schon deshalb meist wenig Effekt brachte, weil das Überraschungsmoment im Mannschaftsspiel verloren ging, der Gegner parallel dazu zu viel Zeit bekam, sich zu stellen und ausserdem in die Lage versetzt wurde, entstehende Räume nun für sich zu nutzen. Wie es dann bei Ballverlust aussah, kennen wir ja zur Genüge........
Bei solchen verstellten Räumen war dann Diego selbst wieder die Trumpfkarte, weil nur er allein aufgrund seiner fussballerischen Klasse diese Mauer knacken konnte. Es war ja auch nicht so, dass Diego keine Pässe spielte, aber er spielte diese quasi nie direkt und damit viel seltener, als es möglich war. Aber wenn er diese Pässe spielte, waren es Klasse-Pässe, da er ja durch sein Ballhalten die Eigenschaft hatte, viele Gegenspieler zu beschäftigen und dann Platz war, wenn der Gegener trotz engmaschigem Verteidigungsnetz mal nicht aufpasste. So wie beim 1:0 im Pokalfinale (aber das sind Scorerpunkte, die vor allem auch Stürmer sammeln/sammelten, wie der Unaussprechliche). Leider war das nicht die Regel, die Regel war, dass sich Diego selbst mit dem Ball aus der Umklammerung löste, statt sich im gemeinsamen Agieren mit den Nebenleuten freizuspielen.
So blieb das Problem bestehen: Es wurde regelmäßig das einzige Mittel, die Nebenleute waren stellenweise verschenkt, das Spiel in der Hierarchie, im Kollektiv sowie der Kombinationsfluss waren sehr oft praktisch nicht mehr vorhanden. Nebenwirkungen dieser Umstände waren a) dass die Spieler an Selbstsicherheit und damit an Form verloren und b) die Förderung des Mannschaftgeistes mehr und mehr nachließ (was schließlich in der letzten Saison dann ausuferte), weil einer allein zumeist die Lorbeeren erntete (was User wie Du ja noch nachhaltig demonstrieren

), aber dies eben bei weitem nicht immer der Realität entsprach - während dieser Zeit und auch heute noch zu lesen in Interviews (Pizza, Merte, Frings).
Zurück zur Raute der letzten Saison: So gesehen hatten wir zwei der vier Positionen recht gut besetzt. Aber einen spielintelligenten Ballverteiler und One-Touch-Akteur auf der Halbposition, der sich nicht dort, dafür aber seinen Fähigkeiten gemäß idealerweise auf der 10 hätte einbringen können (wie er`s jetzt tut). In der Offensiv-Zentrale hatten wir dann einen individuellen Klassemann, der als Ballhalter- und Verarbeiter einzigartig war, aber genau deswegen gemäß seinen Möglichkeiten in ein anderes System oder als hängende Spitze super gepasst hätte. Ein Teufelskreis sozusagen.
Dass wir im Sturm nicht immer excellent besetzt waren, stimmt, ist aber nur sekundär ausschlaggebend, wenn das System dahinter funktioniert. Denn diese Aussage...
Hier wird eines übersehen:
Wenn Diego mit einem Sturm Ailton und Ivan gespielt hätte, wären sicher mehr titel drin gewesen.
Zu seinem Pech hatte er Hugo Chancentod und Rosi vor sich.
...ist nun wirklich völliger Unsinn.
Ailton nutzte damals Räume, die Micoud schuf, vor allem das Überraschungsmoment und das Tempo des Spiels. Nur so kamen Ailton`s Stärken zum Tragen - er war kein grossartiger Fussballer, aber unheimlich schnell und hatte eine gute Schusstechnik. Ähnliche und einzige Stärken wie Ailton hatte, hat Rosenberg auch, dem so das Spiel Diego`s, vorwiegend in die Breite und ohne Geschwindigkeit, nie entgegenkam. Rosi braucht die schnellen Bälle in den Raum, geradlinigen Fussball, damit er - ebenso wie Ailton damals - wenig in direkte Zweikämpfe muss, denn da ist er außerordentlich schwach.
Der ideale, ergänzende Gegenpart zu Ailton, wenn dessen Konterspiel mal nicht funktionierte, war Klasnic - technisch stark, gute Übersicht, behauptete den Ball und hatte den "Torriecher". Ihn vergleiche ich mit Pizarro.
Genau genommen käme ein Sturm Pizza/Rosi dem damaligen am nächsten, was aber kaum noch zustande kommt, wegen der besprochenen, mentalen Blockade des Schweden.
Hugo ist dann eher der Stürmertyp, der zu Diego passte, wenn die Ideen fehlten, der Gegner massiert stand, nichts mehr zuließ/zulassen musste und die Brechstange benötigt wird.
Zitat von Klasnic#17:
Zumal wir 06/07 sogar Meister geworden wären, wäre die Klosegeschichte nicht gewesen.
Dass diese alte Mär immer noch bedient wird.....

Wir scheiterten grösstenteils an der fehlerhaften Umsetzung der Schaaf`schen Philosophie, wenn allein die individuelle Klasse nicht reichte wie in den Spitzenspielen, wo eben dann ein auf mehr Mannschaftsspiel geeichtes Agierens notwendig gewesen wäre. Da nutzten gerade Stuttgart und S04 in den vier direkten Duellen oder Dortmund in Bremen unsere systematischen Defizite gandenlos aus, deckten die Unzulänglichkeiten auf, spielten und konterten uns aus. Dass das Engagement des Angesprochenen stetig schwand, ist richtig, war aber niemals allein entscheidend für die vergeigte Meisterschaft.
Überhaupt ist es mir ein Rätsel, wie die Meinung entstehen kann, dass ausgerechnet Diego der ideale Rautenspieler war und die anderen nicht. Das ist schon eine ganz tolle und verwegene These. Vor allem, wenn wir bedenken, wie das vor 2006 funktionierte und jetzt wieder funktioniert. System und Taktik sind mittlerweile wieder das selbe, auch das Personal hat sich nicht wesentlich verändert, wurde nur verschoben. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass Diego nicht mehr für Werder spielt. Wenn er denn nun als einzig tauglicher Rautenspieler der Raute fehlt, warum spielen wir dann so erfolgreich???
