Oh, wenn Du das nach dem anscheinend aufmerksamen Lesen meiner Beiträge so schreibst, wird es sehr schwer das zu erklären.
Am leichtesten würde es gehen, wenn man zunächst ein Videostudium von anderen Vereinen, die ein solches defensives Positionsspiel im Verbund pflegen, anschauen würde. Man sieht dann Stück für Stück gewisse einstudierte Laufwege, die dazu führen, das mehrere Mittelfeldspieler in einer oder zwei Ketten bestimmte festgelegte Positionen besetzen und miteinander verschieben. Wird so etwas lange genug geübt, werden aus solchen Anweisungen Automatismen, die kollektiv beachtet werden.
Dann erst ist wirklich ein modernes Defensivspiel von acht oder neun Feldspielern möglich, in dem konsequent Räume eng gemacht werden.
Man kann sich das, zur Verdeutlichung etwas übertrieben gesprochen in etwa so vorstellen, das man gedanklich das Offensivspiel in etwa so tiefgreifend vom Defensivspiel trennt, wie das etwa beim Hallenhandball der Fall ist. Entsprechend sind "Defensive" dann auch sieben bis neun Mann plus Torhüter und nicht nur die "arme" Viererkette.
Das Defensivspiel von Werder zeigt all die letzten Jahre nichts von dem, was eine defensiv "kompakt stehende" modernes defensives Positionsspiel ausübende Mannschaft auf dem Platz zeigt.
Wobei der Begriff "kompakt stehen" mittlerweile eine vielfach sprachlich vergewaltigte Floskel geworden ist, die für vieles verwendet wird, was mit der eigentlichen Bedeutung des Begriffs wenig zu tun hat.
Bei Werder ist es gerade so, das dem Gegner in erschreckender Häufigkeit große Räume angeboten werden, was es ja auch weniger guten Mannschaften so unglaublich leicht macht, bei schnellem Umschaltspiel erfolgreich zu kontern oder auch erfolgreich "normal" anzugreifen. Das Ganze trotz aller dramatischen Personalveränderungen und trotz aller vorgeblicher oder tatsächlicher Systemwechsel.
Das Mittelfeld bei Werder verschiebt defensiv sehr selten koordiniert in Ketten, so gut wie nie in zwei konzentrisch zueinander wirkenden Ketten. Die wenigen Ausnahmen wirken zufällig.
In dieser noch jungen Saison, in der wieder (das meine ich positiv !) eine klare Handschrift des Trainers im Offensivspiel zu erkennen ist, macht das Ganze auf mich den Eindruck, als würde absichtlich auf ein solches Defensivspiel verzichtet, um das eigene Offensivspiel kreativer und weniger ausrechenbar zu machen. In dem eben keiner der Mittelfeldspieler bei eigenem Ballbesitz schon an die Absicherung eines möglichen Ballverlustes denkt, ja oft nicht einmal die Abwehrspieler.
Die sich trotz durchgreifender Änderungen bei System und Personal zeigenden Ähnlichkeiten zum gemessen am großen individuellen Können der Spieler und den greifbaren, jedoch versiebten Titeln sehr erfolglosen Periode 2005-2010 zeigen auf, das sich jetzt eben wieder die gleichen Folgen einstellen, wie wir sie damals jahrelang erdulden mussten:
Mit nahezu unendlich tollen Spielern, einem offensiv nahezu unendlich tollen Fussball, häiufig mitreissendem Spiel und einem unglaublichen Aufwand schoss man viele Tore. Aber man bekam selbst von Mannschaften mit sehr viel schlechteren Spielern und sehr viel niedrigerem insgesamten Niveau im schlimmsten Fall noch mehr Tore und das Allerschlimmste, diese unterlegenen Gegner bekamen das Tore schiessen so leicht gemacht, das man daran verzweifeln musste.
Ich freue mich über unsere tolle neue Mannschaft, die Wiederbelebung des schönen Werder-Spiels und des Spektakels, aber ich weiß nicht, ob meine Nerven die nachteiligen Folgen dieser Spielfilosofie noch lange aushalten.
Schaaf lässt eigentlich nach der Prämisse von Aad de Mos spielen:
"So wie ich spielen lasse ist es gut für uns, für die Zuschauer und auch für den Gegner".
Ich mag die Verweigerungshaltung nicht, auf ein intelligentes defensives Positionsspiel zu verzichten. Ich mag die immer gleichen dummen Ausreden um die angeblich noch nicht stimmende "Balance" nicht mehr hören. Ich mag diese Sturheit nicht, langjährige Erfahrungen einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Denn tatsächlich macht Schaaf in defensiver Hinsicht nicht viel mehr bzw. nicht viel anders, als er schon seit 2000-2001 defensiv spielen ließ. In der Zwischenzeit hat sich aber der Fussball in taktischer Hinsicht und auch athletisch bedeutend weiter entwickelt. Bei Werder kommen diese Neuerungen nur in offensiver Hinsicht zur Geltung.
Es ist daher zu befürchten, das aufgrund dieser Verweigerungshaltung, ein modernes Defensivspiel zu übernehmen, immer mehr Aufwand für immer weniger Ertrag geleistet werden muss und das gerade eine junge Mannschaft, auch wenn sie überraschender Weise so schnell zu so tollem Fussball in der Lage ist (Danke an KA !) das nicht dauerhaft verkraften wird.
Und selbst wenn die Sache eine für Werder sehr glückliche Entwicklung nimmt, das man von den bei dieser tollen Mannschaft möglichen Erfolgen, wieder einmal wie zwischen 2005-2010 viel verschenkt und dann hinterher (falsch) behauptet, das mehr nicht drin gewesen wäre.
Und daher eben: Zukunftsaussichten und Gesamtsituation der Mannschaft bedenklich !
Pardon, hab ich nicht kürzer hinbekommen !