Real Life oder der Vollidiot!
Samstagmorgen, die Sonne lacht und ich fühle mich wie gebraucht.
Den Nachbrand von der freitäglichen Dartrunde noch auf der Zunge, die sich anfühlt, als übe dort ein Hamster Rückenschwimmen, mache ich mich, per pedes, auf den Weg zum Geldautomaten. Fernziel Aumunder Marktplatz – dort wartet ein Kremsergespann, dass vom Fußball-Kollegen Stefan schon vor Äonen dorthin bestellt wurde.
Mit aufgepumpter Marie schlage ich am Treffpunkt auf und schaue in erwartungsfreudige Gesichter. Alle Mann/Frau an Board, den Kremser mit Bier und anderen Kleinigkeiten versehen, geht die Kutschfahrt los. Aus dem Radiorekorder plärren Oldies, die meinem Vater gefallen hätten und der Kutscher steuert das Gefährt, mit stoischem Blick, in Richtung Brunnendorf.
Nach dem ersten Konterbier kann auch ich wieder denken und so nehme ich die Fahrt gelassen hin. Unsere Fußballer-Clique, sowie der weibliche Anhang, lassen sich auch nicht lange bitten und die ersten Kümmerlinge kreisen – es wird lauter.
Die Details zu den kleineren Spielereien, welche sich unterwegs ereigneten, wie Hufeisenwerfen, Baumstamm-wuppen und Gummistiefel-Weitwurf (meine Parade-Disziplin) lasse ich mal besser weg. Dass all diese Veranstaltungen, stets kräftig, von flüssiger Nahrung begleitet wurden, muss ich wohl auch nicht extra erwähnen. In Brunnendorf angekommen, einem schönen Fleckchen Erde im Grünen, enterten wir sogleich die dort ansässige Gaststätte mit angeschlossener Minigolf-Anlage. Man reiche mir mein Eisen!
Nach ausgiebigem Mahl und chaotischer Golfrunde (ca. 25 angeheiterte Personen) setzen wir unsere Kutschfahrt fort – Ziel Vegesacker Hafen – dort wartete das Fest „Maritim“ auf uns. Auf dem Wege dorthin, wurde viel gelacht und Shorty, der neben mir saß, wusste allerlei Geschichten gestenreich zu erzählen. Ich setzte gerade eine schöne Flasche Beck´s an, als Shorty seinen Ellenbogen, mit nicht wenig Vehemenz, an den Flaschenboden meiner Karaffe rammte, ganz so, als wolle er die Flasche komplett in meinen Halse versenken. Gott sei Dank waren meine Zähne im Wege…
Gut – eine kleine Absplitterung am mittleren Schneidezahn oben, sowie eine Platzwunde auf der Lippe – halb so schlimm – sieht doch lustig aus! Darauf einen Stonsdorfer, prost.
Auf den letzten Metern unterließen wir nun nichts mehr, um die Aufmerksamkeit der Vegesacker Anwohner und der Touristen zu erheischen. Mit dem Gassenhauer „Der Hammer“ unterhielten wir das Bahnhofsviertel und den Hafen.
Reichlich betankt kullerten wir aus der Kutsche und wankten nun der Kneipe unseres Vertrauens entgegen, dem „Fährhaus“. Vom Wirte Gerd freudig begrüßt, rauschten alsbald weitere Bierrunden heran und irgendwer hatte noch einen Karton Kümmerling gerettet…
Nach einer weiteren Stunde, es muss gegen 18:00 gewesen sein beschlossen wir, nochmals die Location zu wechseln. Ab zu Uwe und Liane. In deren Garten wartete der Pool und den Grill könnten wir auch vollstbreit bedienen. Gesagt, getan – alle Mann rein in die Taxen und ab!
Kaum angekommen im Garten Eden, die Mucke dröhnte, fanden sich die ersten Nacktbader im kühlen Nass wieder. Welch ein Spaß! Das Bier sorgte dafür, dass ich meine lädierte Klappe kaum spürte – ich fühlte mich wohl. Zufrieden ließ ich meinen Blick über den Gartentisch wandern, als ich plötzlich darüber sinnierte, wo denn wohl meine Geldbörse abgeblieben sei. SCHEIßE!
Also ab und zurück zum Taxenstand am Vegesacker Bahnhof. Taxidriver war auch prompt da. In meinem angeschossenen Zustand machte ich ihm klar, was Phase war – Kohle wech – Papiere wech – quasi… alles wech - Supergau! Gemeinsam durchforsteten wir den Innenraum, mit dem Ergebnis: nüscht!
Es war inzwischen ca. 23:00 Uhr. Ich war lattengerade, hatte eine ramponierte Fresse und meine Börse mit 120 Euronen, sowie die wesentlichen Daseinsberechtigungsscheine waren futsch, im Einzelnen: Perso – Führerschein – EC-Karte – Werdermitgliedsausweis, sowie drei Videothekenausweise (…wie bescheuert muss man sein?), einige nicht unwesentliche berufliche Kontakte inklusive. Das nenne ich mal einen erfolgreichen Samstag! Reichlich frustriert schleppte ich mich nach Hause und ging stracks zu Bett.
Am Sonntagmorgen, der sich anfühlte wie der Morgen zuvor, nur schlechter, führte ich ein paar Telefonate. Ich ließ die EC-Karte sperren und informierte die Videotheken. Zerknirscht und von Selbstvorwürfen geplagt, traf ich mich zum Mittagessen mit meiner Mutter. Ich erzählte ihr von meiner Blödheit und sie tröstete mich – Mütter sind so!
Ich hatte mich gerade von ihr verabschiedet, als meine Handfunke bellte. Liane war dran, die Frau von Uwe: „ Hi Woody, haste schon dein Portemanaie wieder gefunden?“ „Nö, entgegnete ich gefrustet.“ „Ich aber!“ flötete sie mir entgegen. Ein Felsbrocken rutschte beinah hörbar an mir herab – Heissa! Vom Glück beseelt machte ich mich sofort auf den Weg zu den Beiden. Liane erklärte mir dann, dass sie die Börse feinsäuberlich auf einem Schränkchen im Gäste-WC fand. Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern das Gäste-WC aufgesucht zu haben?! Scheiß Alkohol. Ich bedankte mich überschwenglich und war absolut happy, als mein Handy erneut klingelte. „Ja klar komme ich noch runter zum Hafen – Fest Maritim läuft ja auch noch – bin gleich da!“ Also ab auf´s Fahrrad und hin zum Hafen. Dort angekommen traf ich sofort Klaus und Sabine. Sie standen in lustiger Runde zusammen, mit Gerd und Mücke, nebst Gattin, direkt vorm Fährhaus am Bierstand. Klaus orderte gleich mal eine Runde Gavi de Gavi, einen leckeren Weißen – Prost! Natürlich gab ich erstmal meine Story zum Besten und wir hatten was zu lachen. Nach einer Weile tauchte dann Hans-Peter auf. Hans-Peter ist ein Ösi, einer der Nettesten, die man sich wünschen kann. Wir lernten ihn während der EM im Fährhaus kennen. Er und sein Freund Werner klinkten sich gleich mal bei uns ein – natürlich mit einer Runde vom Weißen. Was soll ich sagen? Die Stimmung stieg, die Zeit verging. Klaus und Sabine verabschiedeten sich gegen Abend, ich blieb noch ein Weilchen, weil es gerade so lustig war…
Es war derart lustig, dass ich irgendwann zwei Dinge registrierte: a, es war sauspät und b, ich war angeschossen! Und in der Tat: draußen war es dunkel. Nun gut, ich gab Caro vom Tresen, ein besonders entzückendes Wesen, einen Wink – Löhnung und ab dafür.
Schwungvoll verließ ich unter dem Gejohle der letzten Mohikaner das Gasthaus und schwang mich auf mein Rad. Ich nahm Fahrt auf, zischte durch den Hafenwald, querte die kleine stylische Brücke und düste in Richtung Haven-Höövt, dem Einkaufscenter am Vegesacker Hafen. Ist so ´ne Art „Geheimroute“ – wenig Autos mit Blaulicht und so…
Also mit schmackes am Sailors-Inn vorbei und dann die kleine Zick-Zack-Variante an der Überführung… wollte ich nehmen. Also: „Zick“ hab ich noch geschafft, aber beim „Zack“, da habe ich mich dann derbe auf die Fresse gelegt. Schei… dachte ich noch, im nächsten Augenblick spürte ich den Asphalt an meinem Kopfe, rechts oben, da wo die Geheimratsecke wächst. Auch die Rippen auf der rechten Seite, kurz unterhalb der Brustwarze (warum haben Männer so einen Blödsinn?) tat höllisch weh. Ich rappelte mich hoch und spürte wie Blut über meine Stirn lief. Na toll - kein Taschentuch dabei, Mist. Ich hob mein Fahrrad auf und schleppte mich von der Straße runter, rauf auf eine kleine Verkehrsinsel. Das Blut strömte weiter, ich kauerte mich wieder hin. Es war eine Verkehrsinsel mit Grasbewuchs, nicht so´ne schnöde Betonplatte.
Also riss gleich mal ein ordentliches Büschel Gras raus, drückte es mir gegen die Wunde und dachte: „Was für die Naturvölker im Busch gut ist, kann für mich nicht schlecht sein!“
(Anmerkung: Gott sei Dank griff ich dabei nicht in einen Haufen Hundescheiße!)
Wie ich da so kauerte und mich zu sammeln versuchte, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich konnte nicht sonderlich gut sehen. Klar, das lag unzweifelhaft daran, dass ich beim Sturz meine Brille verloren hatte. So eine Ups, ich muss meine Wortwahl ändern

. Halbblind, mit einem Grasbüschel auf der Kopfwunde, robbte ich auf allen Vieren über den Asphalt und suchte den Boden ab. Da ich mich aber nicht mehr genau an die Sturzstelle zu erinnern vermochte, erwies sich diese Übung als besonders schwierig. Da fiel mir plötzlich ein, dass ich meine Sonnenbrille dabei hatte… (Anmerkung: Hört auf zu lachen Ihr Säcke!)
Und tatsächlich fand ich, in meiner Jackentasche, meine Sonnebrille. Gut… es machte die Nacht nicht gerade heller, jedoch gewann mein Blick an Schärfe. Allerdings währte meine Freude nicht allzu lang. Nach einer ca. 15-minütigen Suche brach ich das Unterfangen ab. Es machte keinen Sinn. Ich schnappte mir ein frisches Bündel Gras, sowie mein seltsam blockiertes Fahrrad und trottete Heim. Am nächsten Morgen würde ich sicherlich mehr Glück haben, dachte ich.
Am nächsten Morgen dann, fand ich nichts. Keine Brille, weder verbogen, noch Fragmente einer platt gefahrenen Sehhilfe. Die Befragung der anliegenden Geschäfte blieb ohne Erfolg, das Centermanagement des Haven-Höövt zuckte mit den Schultern. Also machte ich mich mit meiner Vor-Vor-Vor-Brille, Elton John lässt grüßen, auf den Weg, fest entschlossen meinem Gesicht eine neue Kontur zu geben. In einem Anfall geistiger Umnachtung betrat ich die Vegesacker Filiale von Deutschlands größtem Brillen-Dealer. Der suboptimal gekleidete Nachwuchskaufmann kam alsbald auf mich zu und ließ seinen Spruch los: „Kann ich etwas für Sie tun?“ Mäßig begeistert schilderte ich ihm die Malaise, sowie den Wunsch meinem Gesicht ein zeitgemäßes Aussehen zu verleihen, das mich darüber hinaus auch, die Welt in all ihren bizarren Erscheinungen sehen ließ. Daraufhin bedeutete Junior mir, mit einer weit ausholenden Geste: „ Suchen Sie sich etwas aus!“ Was ich dann auch tat. Ich drehte mich um, verließ den Laden und suchte einen richtigen Optiker auf.
Zwei Tage später und um einiges an monetären Ballast leichter, sah ich klarer:
Es war ein Scheiß-Wochen…
Ende
Euer Vege