Mir fällt es schwer, überhaupt noch einen Bereich unseres Vereins zu finden, der mir nicht gleich die Zornesröte ins Gesicht treibt, weil ich mich sowohl für die handelnden Personen als auch für unsere Reaktion darauf schäme. Der Kollege silbermond meinte gestern sinngemäß zu mir, dass ein Vierzehnjähriger, der in dieser Saison zum ersten Mal mit auf Schalke geht, vom Mythos und der Faszination überhaupt nichts mitbekommen kann, weil niemand diese Dinge mehr lebt. Ich habe bestimmt eine halbe Stunde still da gesessen und überlegt, was ich überhaupt noch an meinem Verein liebe.
Die Mannschaft?
Seelenlose Söldner, die nur auf die dicke Patte und die Sammlung von Titeln in ihren Lebensläufen schielen. Verein und Umfeld sind den meisten scheißegal - denen geht's nur um den sportlichen Erfolg und damit ihren eigenen wirtschaftlichen Erfolg, nicht aber um Herzblut der Menschen oder die Frage, ob es gerecht ist, wenn sie im Jahr so viel Geld bekommen wie neunzig Prozent von uns in ihrem Leben nicht. Sie laufen nicht mal, sie kämpfen nicht mal, sie wollen noch nicht einmal mehr vorgeben, dass sie sich für den Verein einsetzen.
Das Management?
Schmutzige Gazprom-Millionen, Topzuschläge, Ausziehzelte, Millionenablösen en masse, Gehälter, die einen geradezu sprachlos werden lassen. Dazu eine Außendarstellung, die im Lexikon unter "Dilettantismus" zu finden ist - uns zwar sowohl beim Vorstand als auch beim Aufsichtsrat. Anstatt sich vernünftig zu koordinieren und nach außen nur mit einer Stimme zu sprechen, fallen die macht- und postengeilen Herrschaften in BILD & Co. übereinander her. Und dann auch noch die Hilflosigkeit im Umgang mit der momentanen Situation!
Den Trainer?
Wir haben unsere Trainer auf Schalke immer schon gehasst. Den Ristic, weil er die Truppe damals nicht im Griff hatte. Den Rangnick, weil er den Lincoln nicht in den Griff bekam. Den Slomka, weil er zu viel grinste. Den Neubarth, weil er zu wenig Erfahrung hatte. Den Lattek, weil er zu viel Erfahrung hatte. Den Heynckes, weil er nicht offensiv genug spielen ließ. Den Stevens, weil ihm die stehende Null genügte. Wir würden auch den Daum hassen, weil er mal gekokst hat, oder Hitzfeld und Klopp, weil sie mal Bayern oder die Zecken trainiert haben. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: es gibt keinen Trainer, der unseren Ansprüchen genügen würde.
Und sonst?
Ansonsten gibt es noch die Kameradschaft und Freundschaft unter uns selbst. Der Grund, warum ich mich auf Schalke zuhause fühle, warum ich jedes Mal lächele, wenn ich die Flutlichtmasten der Betonschüssel sehe. Die Wärme und Herzlichkeit, die ich jahrelang schätzen gelernt habe. Geht aber alles langsam flöten, der Bär hat da schon recht - und das hat sicherlich auch damit zu tun, dass wir alte Traditionen mit Füßen treten. Glitzerweltarena, Incentivebereich und Logen, Schalker Markt und VIP-Treatment - das hat alles mit Bratwurst und Bier nichts mehr zu tun.
Mein Fazit:
Wenn's so weitergeht, supporte ich meinen localen Club und gehe zum VfL Osnabrück. Da krisse wenigstens noch ne Wurst, die schmeckt, und ne Mannschaft, die sich den Allerwertesten aufreißt. Zumindest manchmal.