Hallo, möchte auch mal etwas zu dem Umbau sagen, da ich auch beruflich mit Stadion bauten in aller Welt in Kontakt gekommen bin und selber wohl bald auch bei einem Umbau in England beteiligt bin.
Darf man interessehalber mal fragen, in welcher Funktion Du an Stadionbauten beteiligt bist?
Ich finde ausser das man näher an das Spielfeld gerückt ist, ist das Stadion verschandelt! Ich fand das Stadion immer klasse auch wenn ich mir immer gewünscht habe näher am Feld zu sein und so das ein oder andere vielleicht noch mehr.
Im Innenbereich sieht das Stadion mehr nach Stückwerk aus, da hast Du sicherlich Recht. Auch wenn wir vorher aufgrund der Logengestaltung unterschiedliche Ränge und somit ebenfalls etwas Stückwerk hatten, so waren zumindest der Neigungswinkel und die Länge der Tribünen identisch.
Die unterschiedlichen Neigungswinkel der Oberränge verhindern leider eine direkte Verbindung an den Ecken - wie gesagt, ich hoffe dass hier noch Pläne in der Schublade liegen was die Oberränge der Geraden angeht.
Von außen verabschieden wir uns jedoch zum ersten mal vom Stückwerk, da (abgesehen vom Absatz in der Ost) alles aus einem Guss erscheint.
Aber ein Stadion umzubauen ohne die Kapazität zu erhöhen außer im Logenbereich und mit so vielen negativen Erneuerungen einfach grausam und auch unwirtschaftlich.
Angesichts der Tatsache, dass man zuvor gern mit üppigen Dauerkarten-Wartelisten argumentiert hat, erscheint der jetzt gewagte Schritt tatsächlich unzweckmäßig. Aber: ist die zahl der negativen Neuerungen tatsächlich so groß? Negative Neuerung heißt ja nichts anderes als Verschlechterung. Aber: wer von den bisherigen Zuschauern verschlechtert sich denn gegenüber dem alten Stadion, wenn er nicht gerade hinter einem Stützpfeiler sitzt (was für mich die gravierendeste Verschlechterung ist).
Was die Wirtschaftlichkeit angeht, braucht man darüber in meinen Augen nicht wirklich diskutieren. Werder hatte nun einen Aufhänger für empfindliche Preiserhöhungen. Die zusätzlichen Logen spülen soviel Zusatzerträge ein wie mehrere Tausend Sitzplätze mittlerer Kategorie (ist hier mal gegenübergestellt worden) und die garantierte Einspeisevergütung aus der PV-Anlage hatten wir vorher auch nicht. Auch wenn jetzt noch kein Geld mit dem Umbau verdient wird, so amortisiert er sich zumindest innerhalb eines überschaubaren Zeitraums. Und danach werden entweder weitere Pläne aus der Schublade geholt oder man freut sich dann über zusätzliche Erträge, die auch wirklich im Topf bleiben.
Zudem dauert die Umbauzeit ganz schön lange grade wo das meiste vorgefertigte Teile sind.
Ich frage mich auch was das für Architekten oder Ingenieure waren, wenn man sich die Ecklösungen anschaut und zudem die Stützen im Oberrang betrachtet, als ob die Planer zum ersten mal ein größeres Projekt und vor allem zum ersten Mal ein Stadion Umbauen.
Die Montage der vorgefertigten Teile ging, wie man ja auch im Umbau-Tagebuch nachvollziehen konnte, relativ schnell. Die Gesamtbauzeit ist relativ lang, das stimmt. Nur darf man dabei nicht vergessen, dass durch den parallelen Spielbetrieb in zwei Schritten gebaut wird. Und wenn scheinbar Stillstand herrscht, wird bzw. wurde dennoch in den Katakomben weitergearbeitet. Man müsste unterm Strich mal zusammenrechnen, was allein an Zeit dafür verrinnt, das Stadion für die Spieltage herzurichten und anschließend wieder Platz für die Baumaschinen und -arbeiter zu schaffen.
Auf die Leistung der Planer und die statischen Gegebenheiten gehe ich weiter unten nochmal ein - ich vermag es jedoch nicht zu beurteilen, ob hier in der Planung ganz einfach schlampig gearbeitet wurde oder ob die alte Bausubstanz wirklich nichts anderes zugelassen hat. Das bezieht sich lediglich auf das kurze Dach und die Stützpfeiler, ein Ausbau der Ecken verbietet sich ja allein schon aufgrund der unterschiedlichen Neigungswinkel der Oberränge.
Ich bin traurig, dass ein so tolles Stadion nun wie ein Stückwerk aussieht und das nach x Umbauten einfach ne Schande.
Wenn man beruflich mit Stadionbau zu tun hat und schon viele ästhetische Stadien gesehen hat, kann ich das nur zu gut nachvollziehen. Ich nenn das mal Berufskrankheit

Ist wohl ähnlich wie mit einem Schreiner, der bei einer selbst gebauten Gartenlaube die Hände über den Kopf zusammenschlägt
Da wäre der damalige Neubau ausserhalb wohl besser gewesen (rein vom Bauwerk)
Das ist ein sehr schwieriges Thema. 1989 fing man an, die Westkurve neuzubauen. Anschließend folgten Südtribüne, Ostkurve und letztendlich die Modernisierung der Nordtribüne mit Tieferlegung des Spielfelds. All diese Ausbaustufen sind auf 15 Jahre finanziert worden. Bei einem Neubau hätte man also einerseits Altschulden vor sich hergeschoben, andererseits hätte man ein teilmodernisiertes Stadion brachliegen lassen.
Man hätte demnach schon auf den Neubau der Westkurve verzichten und in den 90ern ein Stadion außerhalb der Stadt bauen müssen. Dann hätten wir heute ein 20 Jahre altes Stadion, das alles andere als zeitgemäß wäre und zudem vermutlich immer noch mit einigen Millionen belastet wäre, was den Umfang einer möglichen Modernisierung sicherlich negativ beeinflusst hätte.
Ich gehe davon aus, dass ein Neubau auch nie die Möglichkeiten beinhaltet hätte, die das Weserstadion jetzt durch die schrittweisen Umbauten aufweist:
- Logen, damalige Geschäftsstelle, Kneipe/Restaurant und Arztpraxen in der West
- umfangreiche Presseräume, Logen und Leichtathletikhalle in der Süd
- Logen, Fanräume, Fanshop, Internat und OKS in der Ost
- Büroräume, Fanshop, Wuseum und moderne Logen in der Nord
Bei Neubauten fällt oft auf, dass man von außen nur die nackte Tribüne sieht. Nichts anderes hätte ich von einem Neubau in einem Bremer Vorort erwartet.
Vermutlich liegt auch hier ein Grund für die eingeschränkten statischen Möglichkeiten - man muss Veränderungen an die alte Bausubstanz anpassen, möchte vermutlich aufgrund der umfangreichen Stadionnutzung keinen Teilabriss vornehmen und kann somit keine tragenenden Elemente installieren wo man gerade möchte. Und da die Pauliner Marsch ein Naherholungsgebiet ohne ungenutzte Flächen ist, fallen Konstuktionen im Außenbereich flach, ohne anderweitig Ausgleichsflächen schaffen zu können.
Daher verbietet sich im Grunde ein Vergleich mit anderen Neubauten. Mit welchen Schwierigkeiten andere Umbauprojekte wie z.B. in Stuttgart verbunden sind, kann ich hingegen nicht beurteilen.