Na ja eine geforderte "konstruktive Diskussion" klingt für mich wenn er sie fordert, sowas von heuchlerisch das es schon beim Lesen weh tut.
Aha. Abgesehen davon, dass Du mittlerweile nur noch über Dritte diskutierst(wenn man das denn so nennen kann), aber scheinbar diskutieren willst, sind Deine nicht heuchlerischen "konstruktiven Diskussionsansätze" auf den letzten 10 bis 20 Seiten schön nachzulesen. Da geht von Dir wahrhaftig eine sachliche und fachliche richtige sowie fundierte Auseinandersetzung mit dem Spieler Diego aus.
Was ich von Dir und den ganzen Diego-Huldigern hier allerdings noch nie gelesen habe, ist die Definition, was denn nun die Aufgabe eines 10ers, besser gesagt eines zentralen Spielgestalters ist egal in welchem System - und warum denn nun der ideale 10er Diego genau das sein soll.
Fassen wir also zusammen:
a)Rhytmus bestimmen, Tempo variieren
Hier lässt sich festhalten, dass Werder einige Spiele hatte, indem auch mit Diego das Tempo forciert wurde. Das lag aber in den seltensten Fällen an Diego selbst, als eher an den Umständen, dass Werder viel Platz hatte, weil der Gegner ungeordnet spielte und ineffektiv verteidigte. Dann konnte auch Diego mit geringerem Spielverständnis im Tempo mitgenommen werden. Vergleichsweise viel öfter hat Diego das Tempo rausgenommen, besonders in Situationen, wo er dem Ball entgegenkam, statt den nach Balleroberung entstandenen Raum mit geschicktem Laufweg (Kreuzen) noch zu vergrössern (wie es bspw. Özil extrem geschickt macht) oder z. Bsp., wenn er den ein oder anderen Ballkontakt zu viel wählte.
b)Spielgestaltung im Raum
Die eigentlich wichtigste Funktion eines echten 10ers - raumgreifendes oder verlagerndes Spiel. Es geht darum, Intuition und Intelligenz soweit in Einklang zu bringen, dass der 10er zu schaffende oder mindestens aufgrund von Fehlern (schlechtes Verschieben, Organisation) des Gegners entstehende Räume erkennt und effektiv nutzt. Das kann über Platz schaffen durch kluge Laufwege, cleveres positionsweises Wechseln oder eben passgenaues und schnelles Direktspiel erfolgen. Zu alledem war Diego ganz, ganz selten in der Lage.
Eine der typischsten Diego-Aktionen war die, dass er 1.) nach Ballannahme zunächst abschirmte, dann 2.) kurz den Gegenspieler ausspielte (ggflls. auch per Pirouettendreher), 3.) mit Ball quer lief und 4.) erst dann Spieleröffnung und Anspielstation suchte. In diesen Momenten interessierte ihn die Bewegung der Nebenleute oder das ballorientierte Verschieben der Gegner bestenfalls sekundär. In einigen Fällen übersprang er auch 3.), aber in der Regel waren so oder so die Mitspieler längst wieder zugestellt und dann blieb eben nur noch wenige Optionen. Das waren im Idealfall noch der Pass auf die Außenbahn, meist aber das Dribbling oder was immer furchtbar genervt hat - diese halbhoch gechipten Bälle in den Sechszehner. 3.) und 4.) nutzte Diego selten, um sich optimalen Zeitpunkt und Position für den getimten Pass zu erspielen, der dann Überzahl und Platz schafft. Sondern um sich in zweiter Instanz wieder selbst in Szene zu setzen, so wie bspw. zuletzt bei der Vorbereitung zum fragwürdigen Fallrückzieher in Gladbach.
Aber darin liegt ja gerade der Trick, den ein 10er beherrschen muss die Mitspieler um sich zu einer strukturierten Masche zu formen, Optionen und Wege zu schaffen, um diese einsetzen zu können. Das macht einen Denker und Lenker aus. Ein solcher dribbelt auch, wenn es nötig ist und passt, wenn es möglich ist. Diego passt, wenn es nötig (und unumgänglich) ist und dribbelt, wenn es möglich ist.
c)Ordnung und Organisation
Der Punkt, wo Diego die eigentlich grössten Defizite offenbart. Er hat, wie in a) und b) angemerkt, nicht die Spielintelligenz, um flexibel im Raum zu spielen. Genau das versucht Diego aber ständig, indem er sich weit zurückfallen lässt oder viel auf Aussen ausweicht. Mit dem Ergebnis, dass die Ordnung verlorengeht, Positionen und Nebenleute teilweise völlig verschenkt sind und das ganze Spiel sich fast zwangsläufig zentral auf einen konzentrieren muss. Es ist kein Zufall, dass Wolfsburg derzeit über das Schwächeln der HP, den Formverfall von Josue und defensive Anfälligkeit grübelt. Es war auch kein Zufall, dass Diego in Turin vorgeworfen wurde, er solle mehr die Position halten. Denn ein richtiger 10er muss wissen, wie er den Angriff einleiten, fortführen und abschließen will, dazu gehört auch eine Risikoeinschätzung der Aktionen, ein gewisses Maß an organisatorischer Intelligenz.
Doch kommen wir zu Diego`s Stärken. Da ist z. Bsp. eine überragende Schusstechnik, insbesondere mit dem Innenrist oder dem Spann, die er zum direkten Torschuss, Flanke oder Distanzschuss effektiv nutzt. Mir fällt ad hoc nur ein Werder-Spieler ein, der jemals eine ähnlich gute Schusstechnik hatte Ailton. Dann ist da hohe Torgefährlichkeit, sowohl beim direkten, als auch beim indirekten Torabschluss (Doppelpass, platzierte Ablagen). Das ist für den Gegner unberechenbar, aber dadurch, dass es intuitiv, nicht intellektuell ist, eben oft auch unberechenbar für die eigene Mannschaft (wann Mitlaufen, Anbieten etc.). Dazu Gefährlichkeit bei Standards. Hinzu kommt Cleverness beim Ballbehaupten und starkes Dribbling. Was nicht selten zu Freistößen führt und damit gewisse, strategische Vorteile bringt.
a), b) und c) sind keine Eigenschaften die Diego primär mitbringt. Es sind aber die elementarsten Attribute, die ein echter 10er mitbringen sollte, eigentlich muss. a) und b) kann man Diego nicht vorwerfen, c) muss man ihm vorwerfen. Diego`s Stärken sind prädestiniert für ein klar strukturiertes, positionsgebundenes Spiel in der Offensive. Bei uns konnte Diego anders "glänzen", weil es Schaaf`s Credo ist, Spielern innerhalb seines Systems alle Freiheiten zu lassen. Nur geht das wie oben beschrieben zu Lasten des Teams. Werder`s Mannschaft war nicht so schlecht, wie sie neben dem Superstar Diego geredet wurde. Sondern sie wirkte schlecht, damit Diego der Superstar werden konnte. Das ist es, was an der ganzen Diego-Debatte am meisten ärgert. Aus der Werder-Zeit dürfte für Diego und die Medien der Trugschluß entstanden sein, dass Diego ein flexibler Spieler/ Gestalter wäre. Der er absolut nicht ist.
Über die Zusammenhänge und Einschätzungen zu a) b) und c) lässt sich sicherlich diskutieren. Unbestrittenen bleiben zudem gewisse Verdienste Diego` s bei Werder. Aber das nenne ich zum Beispiel eine konstruktive Diskussion. Also das, wozu die meisten, glühenden Diego-Anhänger offensichtlich nicht in der Lage sind, da dort nahezu immer Argumente ignoriert werden und überhaupt beim geringsten Ansatz von kritischer Auseinandersetzung von "Provokation" oder gar "Neurose" usw. gesprochen. Seltsamerweise sind es aber genau jene, die regelmäßig mit Beleidigungen und ähnlichem anfangen. Das geht dann bis hin zu dreisten Lügen, bspw. in den Mund gelegte Behauptungen wie Hunt und Marin wären echte Zehner, wofür sich auch noch untereinander beklatscht wird. Herrlich.
Was mir allerdings "schon beim Lesen weh tut", wenn hier dauernd geschrieben wird, wir hätten mit Diego den schöneren und besseren Fussball als sonst oder überhaupt gespielt. So eine Wahrnehmung ist mir schleierhaft. Zum Beispiel in der BL-Saison 2007/2008, wo Diego als entscheidender Star gefeiert wurde, haben wir von 75 Toren gerade einmal 22 herausgespielt, an 15 von den 22 war Diego als Eröffner, Vorlagengeber oder Torschütze beteiligt. An 14 von den 22 war Jensen beteiligt, davon aber etwa ein Drittel mit langen Bällen. Der Rest der Treffer entstand mehr oder weniger zufällig, aus Standards, aus Einzelaktionen, aus Flanken. In der Rückrunde 2006/2007 war die Quote herausgespielter Treffer im Schnitt noch miserabler, dafür aber in der Hinrunde deutlich besser (mit einem starken "U"). Über 08/09 reden wir am besten nicht. In den Spielzeiten 2002 bis 2006 haben wir stets über die Hälfte der Tore herausgespielt, in der letzten Saison wieder knapp die Hälfte. Dann reden wir hier über was weiss ich was für einen (Einzel-)Sport, aber ganz sicher nicht über Fussball. Zudem würde das umgekehrt bedeuten, dass Spielfluss sukzessive Spektakel, wenn es als Ergebnis der Bemühungen vieler entsteht, komplett wertlos wäre.