In großen Teilen Zustimmung, doch möchte ich (noch) nicht so weit gehen, daß JL und sein Trainerteam am Ende sind. Ich vermute bzw. hoffe auch, daß er beim Spiel gegen Mexiko sich "nur" verzockte, weil er glaubte mit Routine = gutes Stellungsspiel = weniger Laufwege die agilen und schnellen Mexikaner in Griff zu bekommen. Grundsätzlich mag dieser Gedanke zwar richtig sein, aber bei einem solch extrem qurligen Gegner ist es mit einer guten Raumaufteilung (die gestern im MF wenn überhaupt nur rudimentär vorhanden war) alleine nicht getan, denn gerade bei einem laufintensiven Gegner hast du die Möglichkeit mit schnellen Leuten Lücken auszunutzen. Bei Ballbesitz von Werner war das ansatzweise sehr gut zu sehen, denn aufgeund eines "Lecks" in der dortigen Denfensivseite der Mexikaner sorgte er von rechts kommend für Unruhe, aber wenn ein Ein-Mann-Sturm auf den Flügel ausweicht und aus dem Mittelfeld keiner nachrückt - wo war Müller??? - dann ist es auch kein Wunder, daß kaum Torgefahr entsteht. Mit einem mit allen Wassern gewaschenen Routinier Miro Klose konnte man so agieren, aber nicht mit einem Spieler, der vor Turnierbeginn gerade einmal 14 Länderspiele absolvierte. Ein Klose wusste aufgrund seiner Erfahrung, wo er sich zu bewegen hatte und somit kräfteschonend zu spielen, aber von einem Werner kann man das nicht erwarten, so daß sein Spiel sehr laufintensiv und mit der Konsequenz behaftet war, daß er erschöpft ausgewechselt werden musste.
Erst mit den Einwechslungen der Offensivspieler Reus, Gomez und Brandt zeigte die Mannschaft den Elan, den sie von Beginn an gebraucht hätte. Auch wenn nicht unbedingt ein kausaler Zusammenhang bestehen muß, sofällt doch auf, daß diese drei Spieler, die beim Titelgewinn nicht dabei waren, das Feuer zeigten, welches die Weltmeister in der Startelf vermissen ließen. Wo war das Feuer eines Kroos, der trotz eines CR7 oder Ramos zum heimlichen Chef und Antreiber bei einer mit zahlreichen Alphatieren gespickten Mannschaft Real Madrid geworden ist, mit der er anders als gestern ohne Sättigungsgerscheinungen 3x in Folge die CL gewann? Wo war Özil, der seit der WM 2010 bei jedem Turnier Stammspieler ist und entsprechend als treibende Kraft agieren sollte? Wo war ein Khedira, der mit Juve 3x in Folge das Double in Italien holte? Wo waren Boateng, Hummels und Müller, die beim FC Bayern den Druck gegen Selbstzufriedenheit gewohnt sind?
Der Ballbesitzfußball, den Löw spielen lässt, erfordert ein hohes Maß an Einsatz, Präzision und Konzentration, erst recht als WM-Titelverteidiger. Nun hat JL schon vor bzw. während der WM 2014 bewiesen, daß er Ratschläge seines Trainerteam annehmen (Training von Standards) und aus Fehlern lernen (Systemumstellung nach dem 1/8-Finale) kann. Ist er aber dazu auch als Weltmeister-Coach in der Lage? Daß er in der Pause nach einer schwachen 1.HZ, in der wir uns über ein 0:2 oder gar 0:3 nicht hätten beklagen dürfen, nicht entsprechend reagiert, sprach jedenfalls nicht für ihn. Eines der Bausteine von Trainern, die über einen Zeitraum von vielen Jahren Titel holten, war und ist der, daß sie trotz ihrer Erfolge nicht die Sinne für Veränderungen in ihrer Sportart verloren und sich diesen anpassten. Losgelöst von der fehlenden Leidenschaft der Etabierten im Kader war der Fußball, den Löw gestern spielen ließ, der bei der WM 2014 ab dem 1/4-Finale zum Titel führte. Doch gerade im schnelllebgigen Fußball sollte man nicht nach dem Motto "Was gestern richtig war, kann heute nicht verkehrt sein" verfahren, damit haben schon andere Trainer eine Bauchlandung erlebt. Die Zeiten haben sich in den letzten 4 Jahren geändert, die Gegner haben sich auf diesen Fußball eingestellt, ebenso kam es zu maßgeblichen Fluktuationen im Kader der DFB-Elf. Klaro, die verbliebenen Titelgewinner von 2014 haben an Erfahrung gewonnen, aber die gestrige Partie hat das bestätigt,was in den letzten Monaten/Jahren zu beobachten war: Hummels, Boateng, Kroos, Khedira Müller und Özil sind trotz ihrer großen Erfahrungen mit Titelgewinnen im In- und Ausland nicht in der Lage, die Lücken im Leadership durch den Wegfall von Schweinsteiger, Lahm, Klose und Merte vollständig zu schließen. Ebeno kann ein junger Werner einen 1-Mann-Sturm nicht so ausfüllen, wie es der alte Haudegen Klose es schaffte.
Das Spiel am Samstag wird in vielerlei Hinsicht richtungsweisend sein. Mit einem überzeigenden Sieg gegen Schweden können JL und die Mannschaft den Beweis liefern, daß das Spiel gegen Mexiko ein Betriebunfall gewesen ist. Sollten aber Spielweise und/oder Ergebnis nicht stimmen, dürfte die WM 2018 der Tiefpunkt der bisherigen Ära Löw werden.