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Joachim Löw - Der ideale Bundestrainer
Während seine Spieler sich ausgelassen über die so eben perfekt gemachte Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Südafrika freuten, gönnte sich Joachim Löw ein paar kleine Momente der Ruhe und ließ sich erschöpft auf seiner Trainerbank nieder. Mitten im Trubel des ausverkauften Luzhniki-Stadions saß er nun also und realisierte wohl, welch ein immenser Druck auf ihm und seinem Team gelastet hatte. Doch er hatte seine Mission erfüllt. Wie immer. Trotz des anhaltenden Erfolgs der deutschen Mannschaft fand sich der 49-jährige Bundestrainer immer wieder in der Schusslinie diverser Kritiker wieder. Er würde Spieler aus bestimmten Regionen bevorzugen, nur auf etablierte Kräfte setzen, um im Gegenzug hoffnungsvoll aufspielende Akteure vollkommen zu ignorieren.
- Löw und der Lobbyismus
Schon seit seinem Amtsantritt sagt man Joachim Löw eine äußerst hohe Affinität zum schwäbischen Bereich nach, was sich in fragwürdigen Nominierungen Stuttgarter Spieler äußern würde. Abstrus sei manche Nominierungen und zu groß seine Verbindungen zu seinem früheren Club. Seit seiner Machtübernahme nach dem Sommermärchen 2006 hat der Bundestrainer 52 verschiedene Spieler nominiert, wovon 7 Spieler zum Zeitpunkt ihrer Berufung beim VfB unter Vertrag waren. Ein Anteil von gerade mal 13% Stuttgarter ist noch keineswegs bedenklich und macht rein statistisch Lobbyismus Vorwürfe sehr fraglich. Die Einladungen von Tasci, Gomez und Khedira wird niemand ernsthaft anzweifeln, denn die Drei haben zweifelsfrei ausreichende Qualitäten um sich Nationalspieler nennen zu dürfen. Roberto Hilbert konnte sich wohl nur das deutsche Trikot überstreifen, da zu seiner Blütezeit kaum Qualität auf den Außenpositionen vorhanden war und man sich deshalb mit dem technisch limitieren Stuttgarter zufrieden geben musste. Diskutieren kann man sicherlich über die Nominierungen von Träsch und Cacau, wobei man auch hier die Sache näher beleuchten muss. Den jungen Rechtsverteidiger nahm Löw nach eigener Aussage nur auf eine zudem bedeutungslose Asienreise mit, um sich ein Bild über ihn zu machen, was anscheinend nicht gut genug für eine Weiterbeschäftigung war und Cacau verfügt zweifelsohne über eine gewisse Qualität, wobei seine Berufung in Anbetracht des Formhochs von Kießling fragwürdig ist. Nicht weniger diskutabel waren in der Vergangenheit aber beispielsweise auch die Nominierungen von Madlung, Freier, Odonkor oder Schlaudraff. Und von denen spielte niemand beim VfB Stuttgart. Übrigens: In Moskau stand kein einziger Spieler des Schwabenvereins auf dem Platz. Sieht so etwa Lobbyismus aus?
- Die Opfer des Bundestrainers
Die breite Öffentlichkeit fordert das Leistungsprinzip. Wer deutsch ist und in der Bundesliga auf sich aufmerksam macht, den soll der Jogi bitteschön auch hurtig in den erlesenen Kreis der Nationalspieler befördern. Tut er das nicht sofort, gibt es einen großen Aufschrei und Zweifel am Verstand des Bundestrainers. Ein Spieler, der beispielsweise im Zentrum dieser Diskussion stand war Marcel Schäfer vom VfL Wolfsburg. Trotz guter Leistungen im Verein ließ Löw ihn bis zur ersten Nominierung lange zappeln. Schaut man sich nun seine Entwicklung an, weiß man wieso. Schäfer ließ sich gegen drittklassige Aserbaidschaner vorführen, offenbart ständig defensive Unzulänglichkeiten und auch sein einst so kraftvolles Offensivspiel scheint nur eine Phase gewesen zu sein. Jetzt aber Löw für seine Weitsicht und seinen offensichtlich hervorragenden Blick für die Qualitäten der Spieler zu loben, kommt natürlich nicht in Frage. Einst sah sich Löw wüsten Beschimpfungen ausgesetzt, warum der schier übermenschliche Albert Streit nicht berücksichtigt wurde. Heute muss man ihm für diese Entscheidung auf die Schulter klopfen und sich eigentlich für die Vorwürfe entschuldigen. Ein aktueller Fall ist Stefan Kießling von der Werkself aus Leverkusen. Doch auch hier wird Löw am Ende Recht behalten. Während all seine Stürmer herausragende Fähigkeiten haben, sei es Poldis linker Fuß, Kloses Kopfballspiel, die Wucht von Gomez oder die Beidfüssigkeit von Helmes, fehlt es Kießling eben an diesem Kapital. Der Blondschopf aus Leverkusen hat zwar eine gute Phase, ist aber technisch und körperlich nicht gut genug, um eine wirklich wichtige Rolle bei Löw zu spielen. Paradoxerweise warf man Löw noch vor einem halben Jahr vor eben diesen Kießling einem viel stärkeren Kuranyi vorzuziehen.
- Des Jogis Lieblinge
Die selbst ernannten Experten sind empört. Da hockt der Poldi bei Bayern nur auf der Bank und der Löw bringt ihn trotzdem. Der Schweinsteiger spielt sowieso unabhängig seiner Leistung und auch der Miro Klose scheint einen Freifahrtschein zu haben. Doch warum sollte der Bundestrainer eigentlich die Leistungen in der Bundesliga als Kriterium für seine Aufstellungen anführen? Podolski und Klose treffen seit Jahren in jedem Spiel, sobald sie nur den Bundesadler auf ihrer Brust spüren und auch Schweinsteiger neigt zur extremen Leistungssteigerung im Kreise der Nationalmannschaft. Die Aufgabe des Bundestrainers ist es schließlich, die seiner Meinung nach besten elf Spieler auf den Platz zu bringen, und nicht die elf, die in ihren Clubs momentan am stärksten spielen. Denn was bringt ein Gomez, der bei Stuttgart zwar eine Hütte nach der nächsten macht, aber in der Auswahl aus zwei Metern das Tor nicht trifft? Auch ist es völlig normal, dass bestimmte Spieler aufgrund ihrer Verdienste einen Kredit beim Bundestrainer haben und sich mal ein schlechteres Spiel erlauben können. Dass Löw aber auch weiß, wann dieser Vertrauensvorschuss aufgebraucht ist und dass er in der Lage ist verdiente, erfahrene Spieler auszusortieren, zeigt die Nichtberücksichtigung von Torsten Frings.
.- Löw und seine Prinzipien
Wer högdsche Disziplin verlangt, der muss auch konsequent sein. Löw aber würde sich nach einigen Verschwörungstheoretikern eine Jasager-Truppe aufbauen, um schön unangefochten und machtvoll zu sein. Der selbst ernannte Querdenker Jermaine Jones echauffierte sich einst in aller Deutlichkeit über Löws Unfähigkeit mit starken Charakteren umzugehen. Gut in das Bald passt da auch die Ausmusterung von Thorsten Frings, dem stark tätowierten Rebell von der Weser. Warum sich aber Löw einen erwiesenermaßen schwierigen Lehmann zwei Jahre antat und einen sehr emotionalen Ballack nach seiner harschen Kritik an seiner Arbeit nicht degradierte, bleibt hier scheinbar genauso unberücksichtigt, wie die Tatsache, dass hinter der großen Klappe von Jones eben kein genauso großer Fußballer steckt. Ähnlich verhält es sich auch um die Ohrfeigen-Affäre des Lukas Podolski. Nicht wenige wollten die kölsche Frohnatur auf ewig verbannt sehen und kritisierten, dass nach dem Rausschmiss Kuranyis mit zweierlei Maß gemessen wurde. Dass Löw aber stets betonte, Podolski sei bisher durchweg positiv aufgefallen und hätte sich derartiges noch nicht mal ansatzweise herausgenommen, rechtfertigt ja in keinster Weise, dass der Bundestrainer ihm diesen einen Ausrutscher mal verzeihen kann.
- Woran wird der Bundestrainer noch mal gemessen?
Bevor übermütige Kritiker aufgrund der oben genannten Punkte schon die Entlassung Löws herbeisehnen, sollte sich mal eine nicht ganz unwichtige Nebensache zu Gemüte führen. Nämlich die, dass der Freiburg-Anhänger mit dem Schal-Tick statistisch der beste Bundestrainer aller Zeiten ist. In 44 Spielen unter seiner Verantwortung siegte Deutschland stolze 32-mal und ging nur in sechs Fällen als Verlieren vom Platz. Im Durchschnitt trifft der Angriff starke 2,5-mal pro Spiel und der Torhüter kassiert 0,7 Tore in 90 Minuten. Rekordverdächtig ist die Tatsache, dass man in 50% der Partien gar kein Gegentreffer hinnehmen musste und erst 5-mal selbst torlos blieb. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich die souveräne Qualifikation für die Europameisterschaft, bei der man als erstes Team weltweit die Tickets nach Österreich und in die Schweiz buchen konnte. Dort stand man dann sogar im Endspiel, was ähnlich herausragend zu bewerten ist, wie der Durchmarsch in der WM-Quali, wo man nur einmal nicht gewinnen konnte. Bevor wieder Kritiker meinen die Statistik würde durch die ganzen Lichtensteins und Färöer Inseln dieser Welt beschönigt, muss man noch hinzufügen, dass die großen, entscheidenden Spiele, von der Niederlage gegen die Spanier abgesehen, immer gewonnen wurden. Ob 2007 der 2:1-Sieg in Tschechien, die Erfolge bei der Europameisterschaft gegen Österreich, Portugal und die Türkei oder nun die zwei Siege gegen die Russen, wenn Deutschland gefordert war, brachten sie Leistung und gewannen ihre Spiele. Wen stört da noch, dass wir nicht immer den schönsten Fußball spielten und ab und zu unsere Mühen gegen die Kleinen dieser Welt haben? Wer auch immer Löws Arbeit beurteilt, sollte zunächst auf die Ergebnisse schauen. Und dann Ruhe geben.