Ich glaube nicht, dass die Mannschaft jetz übermütig wird. Dafür wirkten mir die letzten Interviewaussagen der Spieler zu abgeklärt und es sind genug "alte Hasen" im Kader, die dafür sorgen können, dass die Jungspunde den Ball etwas flacher halten.
Die Leistung des FFM-Spiels war gekennzeichnet durch die Nachwehen der Durchwachsenen Saison 08/09 und den Problemen der Mannschaft mit dem "Doppel-Sechs-Experiment". Beides ist heute nicht mehr aktuell, darum denke ich nicht, dass man dieses Spiel zum Vergleich heranziehen kann.
Ich wundere mich, warum so viele hier jedem neuen Spieltag pessimistisch gegenüberstehen und gegen jeden Gegner ein hartes Spiel erwarten und mit einem Unentschieden zufrieden wären. So wie Werder in dieser Saison bislang auftritt, sind wir ein klarer Meisterschaftskandidat. Natürlich waren auch schon Ausrutscher dabei (FFM, H96), aber kaum eine Mannschaft spielt mal eine komplette Saison perfekt.
Ich gehe weiterhin davon aus, dass wir Wolfsburg am Samstag klar schlagen werden.
Und wenn nicht, komm ich erst wieder ins Forum, wenn Gras über die Sache gewachsen ist
Ich finde das Thema als solches interessant. Also die Frage, wie Übermut entsteht. Sicher kann Wolfsburg am Sonnbend auch klar geschlagen werden, und ich wäre der Letzte, der sich darüber nicht freuen würde. Unsere Tipps hier sind ja eh nur Spielerei.
Aber was führt dazu, dass ein Spiel wie das in Freiburg eine innere Erwartungshaltung frei setzt, die einen die Realitäten vergessen lässt? Ich fürchte, dass die vernünftigen Äußerungen der Spieler nur runtergebetete Floskeln sind, dass sie eben das sagen, was sie meinen sagen zu müssen, das berühmte "ich muss nur Leistung bringen, dann kommt alles andere von allein". Insgeheim denken sie nun: Wir können jeden schlagen.
Das ist, damit kein Missverständnis entsteht, ja auch gut. Diese Bayern-Mir- san-mir-Mentalität. Es ist gut, wenn die Verantwortlichen bei Werder diese Emotionen der Spieler leiten und in die richtigen Bahnen lenken können. Und da habe ich bei Schaaf und Allofs eben Vertrauen. In der "Süddeutschen Zeitung" vom Montag erschien diese Eloge von Ralf Wiegand, die ich hinten anhänge.
Wiegand meint, es müsse doch eigentlich einfach sein, Werders Weg zu kopieren, aber er weiß gleichzeitig auch, dass es eben nicht einfach ist, so etwas zu leisten wie Werder es seit Jahren, eigentlich sogar Jahrzehnten, schafft.
Modellversuch an der Weser
Von Ralf Wiegand
Sensible Gemüter unter den harten Jungs in den Fankurven dürfen in diesen Tagen schon ins Grübeln kommen. Worauf, fragen sie, auf was denn bloß ist noch Verlass? Müssen Fußballer, diese steinreichen, wie Popstars verehrten und wie Königskinder umsorgten Halbgötter in kurzen Hosen nicht die glücklichsten Menschen der Welt sein? Sind nicht im Fußballsport immer elf echte Kerle auch elf Freunde, und braucht es dort nicht nur deshalb keine streng überwachten Gesetze, weil die Regeln des Fairplays alles regeln? Und für den Rest gibt es "Unparteiische"? Ist also nicht der Fußball, dieser weltumspannende kleinste Nenner, auf den sich alle einigen können, der beste Teil der Gesellschaft? Viele hätten darauf gewettet.
Aber ach, das Kartenhaus stürzt ein, als wäre es im Auge eines Taifuns errichtet worden, in trügerischer Stille. Nur an einem Ort, der Welt schon immer ein wenig entrückt, nur hier ist alles noch wie immer. Hier spielen junge Männer fröhlich ihr heiteres Spiel, scheinbar mit der einzigen Bestimmung, Spaß daran zu haben. Dieser Ort muss das Paradies sein. Auf dem Ortsschild aber steht: Freie Hansestadt Bremen.
Es ist ein Rätsel, warum in der Fußball-Bundesliga noch immer jeder Verein seinen eigenen Weg zum Erfolg sucht, wo doch seit Jahrzehnten an den Ufern der Weser ein öffentlich zu besichtigender Modellversuch läuft. Die Mittel, mit denen Werder Bremen sich gerade mal wieder anschickt, dem Land in einer tiefen Depression ein kleines bisschen Glück zu bescheren, sind seit Jahr und Tag die gleichen, und sie wären an jedem Standort der Welt vorhanden - sogar in München. Sie heißen Vertrauen, Hartnäckigkeit, Bescheidenheit und eine kleine Prise Idealismus, verrührt von einem Trainer mit einer bestimmten Vorstellung von Fußball. Die Spieler mögen wechseln, sogar prominent sein oder wie jüngst Diego, davor Micoud, einst Herzog für unersetzlich gehalten werden - der Trainer mit seiner Vorstellung von Fußball bleibt immer derselbe. Jeweils neue Spieler werden ausschließlich dieser - Achtung! - Philosophie folgend verpflichtet. Feinheiten an der Spielstrategie justiert der Trainer je nach Kaderzusammensetzung, mal ein bisschen mehr Raute, mal ein bisschen weniger Offensive. So übersetzt man im Fußball das Wort Kontinuität, den großen Bruder von Vertrauen.
Werders 6:0-Siege in Freiburg anno 2004 und jetzt zeigen plakativ, dass diese Idee auch über für Fußballverhältnisse unendlich lange Zeiträume funktioniert. Würde bestimmt auch woanders klappen. Wetten?