Erstens soll mir mal einer den Vorwurf der Klientelpolitik belegen:
Wenn jemand das Beispiel der Ermäßigung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen nimmt, dann ist das an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Es war ein SPD-Finanzminister, der dies über Brüssel zunächst einmal ermöglicht hat. 21 von 27 Mitgliedsstaaten der EU haben dann davon Gebrauch gemacht. Da wir Deutschland in keinem abgeschotteten Markt leben, ist es durchaus sinnvoll die Mehwertstseuersätze anzugleichen. Zudem war diese Forderung, wie bereits erwähnt, auch Bestandteil der Wahlprogramme von SPD und "Die Linke".
Es war nicht Bestandteil im Wahlprogramm der SPD, sondern stand in den tourismuspolitischen Leitlinien - und das ist über 10 Jahre her. Der Finanzminister, von dem Du sagst, er habe es erst möglich gemacht, hatte das EU Gesetz lange blockiert, bevor er auf Druck Frankreichs und Teilen der Union nachgegeben hatte, damit andere EU Staaten für diese arbeitsintensiven Branchen den MwSt-Satz senken konnten. Allerdings sagte damals Steinbrück, dass das in Deutschland nicht umgesetzt werde, weil es nicht zu finanzieren sei. Ein nicht unwichtiger Punkt, der natürlich nach einer 1,1 Millionen Spende unter den Tisch fallen kann. Es mag keinen Zusammenhang geben, aber ein Geschmäckle bleibt da schon.
Man hat über das so genannte Wachstumsbeschleunigungsgestz die steuerlichen Freibeträge für Kinder angehoben und gleichzeitig das Kindergeld pro Kind um 20 Euro erhöht. Familienpolitik ist gleich Klientelpolitik?
Na toll, von den Steuerfreibeträgen für Kinder profitieren genau diejenigen nicht, die es am nötigsten hätten. Das ist einer der größten Kritikpunkte am Wachstumsbeschleunigungsgesetz (neben der Hotelgeschichte und der Tatsache, dass es nicht seriös gegenfinanziert ist).
Man hat die Unternehmensnachfolge erleichtert, in dem man Geschwister und Geschwisterkinder nicht mehr so behandelt wie irgendwelche Fremde.
Das ist doch Augenwischerei. Bei der Frage der Unternehmensnachfolge gibt es im Mittelstand und bei Kleinbetrieben doch ganz andere Probleme. Und oft gibt es vorher ohnehin entweder eine Schenkung oder es wird eine Stiftung eingerichtet. Als wenn die Reform des Erbschaftssteuerrechtes so viel für die Wirtschaft bringen würde.
Alles in allem hilft dieses Wachstumsgesetz zumindest denjenigen kein Stück, die definitiv nicht die Klientel der FDP sind: nämlich den Abgehängten in dieser Gesellschaft. Und der Rest von uns darf dann die Zeche zahlen, weil wir den Mist über eine Rekordverschuldung finanzieren, die - ob wir wollen oder nicht - irgendwann bezahlt werden muss.
Zudem muss man einfach mal sagen, dass man wohl kaum in knapp mehr als 100 Tagen all das wieder gerade biegen kann, was Rot/Grün und Schwarz/Rot in 11 Jahren verbockt haben.
Ja, stimmt. Ich kann mich auch noch an den dunklen Tag erinnern, als nach 16 Jahren blühender Kohllandschaften, überquellender Staatskasse und Vollbeschäftigung die bösen Sozen an die Macht kamen und das Land in den Dutt ritten. Und nun mühen sich Super-Merkel und Wirtschafts- und Sozialexperte Weterwelle redlich um die Rettung des Vaterlandes. Mir kommen die Tränen.
Im Übrigen wird man IMHO die Staatsfinanzen nicht in den Griff bekommen, in dem man lediglich auf die Einnahmeseite schaut. Es ist eine Verwaltungsstrukturreform auf allen Ebenen des Staates von Nöten. Gleichzeitig muss das gesamte Sozialversicherungssystem reformiert werden. Ein System was darauf ausgelegt ist, dass es immer immens mehr Beitragszahler als Leistungsbezieher gibt, kann schlicht nicht mehr funktionieren, bei dem Wandel, der sich in unserer Gesellschaft vollzieht.
Natürlich muss man auch auf die Ausgabenseite schauen. Und weißt Du was da mit 42 Milliarden der größte Posten nach Arbeit und Soziales ist? Der Schuldendienst. Aber für den interessiert sich kein Mensch. Und wo bleibt das Konzept für irgendeine Art von Strukturreform in der Verwaltung? Ich habe da noch kein ernsthaftes gesehen. Von keiner Partei.
Was aber hinter Steuersenkungen steht, ist zunächst mal ein andere Staatsverständnis. Ypps sprach eben auch von "Steuergeschenken". Wusste gar nicht, dass wir in einem Obrigkeitsstaat leben, in dem alles dem Staat gehört und er dann großzügiger Weise seinen Untertanen nen bisschen etwas lässt. In erster Linie gehört das Geld nämlich dem Bürger und ihm davon mehr zu belassen, was ihm eigentlich ohnehin gehört, ist kein "Geschenk".
Was hat das denn mit Obrigkeitsstaat zu tun? Der Staat bietet seinen Bürgern Infrastruktur, physische Sicherheit, soziale Grundsicherungen und Bildung. Das finanziert sich nicht durch Luft und Liebe und in einer repräsentativen Demokratie entscheidet das vom Volk gewählte Parlament wie hoch die Abgabenlast ist und was damit passiert. Klar, wir können auch jeden Bürger anbieten, dass er nur das bezahlt, was ihm das Land wert ist, aber dann meckern wir nicht mehr über zu streichende Schulzimmer oder Frostschäden auf deutschen Straßen sondern haben ganz andere Probleme. Und wenn die Einnahmenseite des Staates vernachlässigt wird, ist der Laden hier irgendwann genauso am Ende wie Griechenland.
Natürlich ist die Bildungspolitik ein Flickwerk in Deutschland und marode. Natürlich fehlt es an vielen Ecken und Enden an staatlichen Mitteln. Aber dass man nun wieder davon anfangen muss, dass die Fachkräfte alle nach GB abwandern? Ausgerechnet Großbritannien hat in der Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt auf welch tönernen Füßen deren Wirtschaft steht, die nach dem fast vollständigen Verschwinden großer Industriezweige von der Finanzbranche abhängig ist, wie ein Fixer vom nächsten Schuss. Und warum? Weil man in London die Märkte soweit liberalisiert hat, dass dagegen Wall Street ein überreglementiertes Bingogrüppchen ist. Und Norwegen mit seiner geringen Bevölkerung und seinen hohen Rohstoffreserven und Staatseinnahmen kann sich nun mal eine ganz andere Politik in allen Belangen leisten. Vergleiche zwischen einem Industrieland mit über 80 Millionen Einwohner und skandinavischen Wohlfahrtsstaaten mit 5 Millionen Einwohnern hinken.