Natürlich hat jeder das Recht, sich über die handelnden Politiker und Parteien zu empören. Ob er diese nun gewählt hat oder nicht.
Selbstverständlich, schließlich haben wir in Deutschland offiziell das Recht auf freie Meinungsäußerung.
Was mir dabei aber auffällt und zunehmend missfällt: Die Gesellschaft in Deutschland entwickelt sich immer stärker zu einer von "Motzkis". Das betrifft nicht nur die Politik, fällt aber eben besonders da auf, weil sich viele berufen fühlen, sich dazu zu äußern. Insgesamt ist es nach meiner Beobachtung leider so, dass viele Deutsche immer stärker zu reinen "Konsumenten" mutieren, immer seltener bereit sind, selbst aktiv zu werden, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. Das beginnt oft im kleinen, privaten Bereich (Ablehnung von Verantwortung, Schuldzuweisungen gegenüber anderen), setzt sich über mangelndes Engagement in Vereinen und Interessengemeinschaften fort und hört bei der scheinbar großen Politik auf. Viele gefallen sich selbst darin, zu motzen, ohne selbst initiativ zu werden. Das kann der Zivilgesellschaft in Gänze irgendwann mal auf die Füße fallen.
Recht armselig finde ich es allerdings, wenn man aus dieser Empörung bei der nächsten Wahl keine Konsequenzen zieht. Vie zu viele deutsche Wähler bleiben "ihrer" Partei jahrzehntelang treu - egal welchen Mist diese aus ihrer Sicht verzapfen. Und das verstehe ich einfach nicht.
Wäre die Wahl der gleichen Partei bei der nächsten Wahl für Dich das "Auslassen von Konsequenzen"? Käme solch ein Denken nicht quasi genau der Annahmme gleich, man müsste mit dem Programm einer Partei zu 100% übereinstimmen? Anders gefragt: Ist es nicht trotzdem möglich, die gleiche Partei zu wählen wie beim letzten Mal, obwohl man sich über das ein oder andere geärgert hat?
Letztendlich wird es wohl so sein, dass viele Wähler einer bestimmten Partei eher und stärker vertraut als einer bzw. jeder anderen. Kann man nicht möglicherweise das Bekenntnis vieler Deutschen zu einer Partei mit dem Bekenntnis zu einem Lieblings-Bundesligaverein vergleichen? Da wird es auch kaum einen geben, der keine Fehler macht?! Viele Wähler sind aus verschiedenen Lebenserfahrungen heraus eben in gewisser Weise geprägt. Im politischen Parteiensystem wird sich dass ggf. eben so ausdrücken, dass einige eher "Angebots-orientierte" Politik bevorzugen, andere eher "Nachfrage-orientierte".
Diese noch vor wenigen Jahrzehnten auffälligen Wahlverhaltensmuster sind imho derzeit allerdings gar nicht mehr so gebräuchlich. Es gab doch, mit etwas weiterem Blickwinkel betrachtet, noch nie soviele Wechselwähler wie in den letzten 10 bis 15 Jahren. Das Parteienspektrum ist in Bewegung, die Volksparteien "bröckeln". `
Bei einigen Wählern erkennt man darüber hinaus auch mit zunehmendem Alter, zunehmendem Wohlstand eine Änderung des Wahlverhaltens von revolutionären Antrieben einst hin zur Wohlstandssicherung und -mehrung.
Wenn ich mich mit der Politik "meiner" Partei nicht mehr identifizieren kann, wähle ich eine andere. Keine Partei hat ein Abo auf meine Stimme. Bei der Mehrheit der deutschen Michel und Michelinen sieht das leider anders aus.
Das ist Deine Meinung. Letztendlich entscheiden in der Demokratie Mehrheiten. Unabhängig davon, ob es jemandem gefällt oder nicht, unabhängig davon, ob jemand eine Lieblingspatei dauerhaft wählt oder gelegentlich wechselt.
Zu den Medien: In einer freien Demokratie haben die Medien eine enorme Macht, manche Beobachter sprechen in der Beziehung auch von einer weiteren "politschen Gewalt". Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Medien dieser Verantwortung für die Meinungsbildung tatsächlich bewusst sind. Im Zusammenhang mit den Anschlägen auf die Satirezeitschtift "Charlie Hebdo" wurde ja kürzlich erst wieder darüber diskutiert, "ob Medien eigentlich alles dürfen"? Die häufig vertretene Meinung der freien Presse war und ist, dass es unbedingt nötig ist, "den Regierenden, den Mächtigen, einen Spiegel vor zu halten", um ein dringend nötiges Regulativ auch während der jeweiligen Legislaturperioden darzustellen. Dabei muss es imho aber immer darauf ankommen, dass die Medien eben nur den Spiegel darstellen, Empfindungen, Einstellungen "transportieren" statt sie zu manipulieren. Dass muss imho der Anspruch jedes einzelnen Mediums sein, daran muss es imho zu messen sein.
In dem Zusammenhang finde ich die aktuelle Kampagne des Kabarett-Theaters "Distel" in Berlin äußerst gelungen und amüsant:
http://www.wuv.de/marketing/red_null_die_werbe_satire_aus_berlin