Die Frage ist nur, in welche Richtung. Die meisten Kommentatoren setzen Demokratisierung fälschlicherweise mit einem Mehr an individueller Freiheit gleich. Die aber hat weniger mit Demokratie zu tun, als mit einem Souverän, einem Staat, der sie schützt. Selbst wenn 90% Scharia wollen, ist und bleibt Scharia mit Freiheit inkompatibel. Demokratie, das sagt schon der Name, ist ja keine Abschaffung von Herrschaft, sondern die direkte Herrschaft des Volkes über das Volk, der Mehrheit über die Minderheit. INsofern sehe ich in den Ländern des Islam auch keine nachholende Entwicklung, sondern eine spezifische Fortgeschrittenheit auf dem Weg zu mehr direkter Demokratie, was mehr und unmittelbarere Herrschaft über jede individuelle Regung bedeutet und keineswegs mehr Freiheit - eine Tendenz, die sich in dem affirmativen Bezug europäischer und nordamerikanischer Demonstranten, sei es bei occupy oder real democracia, auf den arabischen Frühling ausdrückt. Da besteht ganz allgemein die Sehnsucht, die vermittelte Herrschaft der Republik in eine unmittelbare und "wahrhaft" demokratische zu verwandeln, also die Volksgemeinschaft unter Ausschluss der 1%, also der Schädlinge am Volkskörper, herzustellen.
Hab jetzt lange gebraucht, um deinen Beitrag in etwa nachzuvollziehen und gebe ich dir im Großen und Ganzen recht.
Nur eine Anmerkung dazu:
Betrachten wir mal Iran als ein gutes Beispiel. Dort gibt es eine Bewegung zu mehr individueller Freiheit, angeschoben durch den sehr großen Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung. Noch wird diese Bewegung von den alten Strukturen unterdrückt (Waffengewalt, Manipulation von Wahlergebnissen). Es gibt jedoch in dieser Bewegung viele, die sich von den herrschenden Strukturen nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie ihren Drang nach gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Teilhabe umzusetzen haben. Da diese meist jungen Leute für sich mehr individuelle Freiheit beanspruchen, ist es irrelevant, welcher Volkszugehörigkeit sie angehören. Jedoch ist das natürlich noch viel zu früh, um sagen zu können, dass das auch so eintreffen wird.
Vieles erscheint zZt unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Guck dir mal die Sache mit der Hizbullah und ihre Rolle in Syrien an. Die Hizbullah war/ist im Libanon die führende Macht, weil sie den libanesischen Boden gegen die israelische Besatzung verteidigt hat (so zumindest die landläufige Meinung der Menschen im Libanon). Jetzt ist die Hizbullah eng mit den herrschenden Gruppen in Iran verflochten. Da Iran seit Jahrzehnten engster Verbündeter Syriens ist, ergriff die Hizbullah Partei für das Assad-Regime, sie sind aktiv daran beteiligt, den Aufstand in Syrien niederzuschlagen. Dies aber hat der Hizbullah im Libanon großen Schaden (was deren Ansehen in der Bevölkerung angeht) zugefügt. Und, es ist nicht abzusehen, wohin das führt.
