Das Argument der 16 Jahre bewegt sich auf sehr dünnem Eis, auch wenn man diese "Vorlaufzeit" als "Nachteil" der langsam mahlenden demokratischen Mühlen ansehen kann, aber in anderdhalb Jahrzehnten, was bei dem kurzfristigen Denken der Politik (sprich max. bis zu den nächsten Wahlen) eh eine sehr lange Zeit ist, können sich Meinungen und ggf. Weltanschauungen drastisch ändern, und dem muß die Demokratie auch Rechnung tragen.
Mein Vater lebt seit ca. 25 Jahren in einer 3.700-Seelen-Gemeinde in Oberschwaben (also in einer Gegend, wo überspitzt formuliert auch ein Besenstiel Bürgermeister wird, sofern er für die CDU kandidiert) und aus den Gesprächen, die man dort so führt (was bei tiefstem Oberschwäbisch nicht immer ganz leicht ist), kristallisierte sich heraus, daß Filbinger (!), Späth und mit Abstrichen auch Teufel im bürgerlichen Lager trotz ihrer Skandale und Skandälchen unumstritten waren, aber Oettinger und erst recht mit Mappus deutlich kritischer gesehen werden. Dieses von Herbert Grönemeyer in Luxus besungene Wir-werden-gern-regiert bröckelt auch im politisch bürgerlichen Lager, so daß es durchaus nachvollziehbar ist, daß Bürgerinnen und Bürger, die vor 16 Jahren noch für Stuttgart 21 votierten, heute dagegen sind. Und gerade weil die Proteste nicht nur von den Anhängern der Opposition in Ba-Wü., sondern auch von Anhängern der Regierungsparteien getragen werden, darf man sich nicht an politisch veraltete Entscheidungen klammern und sie mit aller Gewalt durchsetzen, sondern sich im demokratischen Konsens damit befassen.
In 16 Jahren können sich politische Ansichten erheblich ändern. Ich sehe es ja an meiner Person. Insofern finde ich es legitim, dass es Menschen gibt, die heute das Projekt anders sehen, als vor 16 Jahren. Und das meine ich unabhängig davon, auf welcher Seite man steht.
Wer nun wie Schuld an der Eskalation hat, möchte ich nicht beurteilen. Ich finde es aber gut, dass es nach der meiner Meinung nach relativ "unpolitischen" Phase Mitte der 90er Jahre bis heute endlich wieder eine kritische Bewegung gibt, die das Handeln der Politik öffentlich hinterfragt. So wie bei Stuttgart 21 oder auch beim Thema Gorleben.




