Zunächst mal gibt es immer das Problem, dass Reformen in der Schule nach politischen Tagesgeschehen stattfinden. Zweitens kosten sie Geld, brauchen Zeit, die man im Wahlkampf nie hat und treffen bei chaotischen Fehlern leider das wertvollste, was unser Land hat - nämlich die Kinder. Deswegen kommen wir auch nur spärlich voran. Ich denke ebenfalls, dass sich deswegen viele Eltern gegen Schulreformen dieser Relevanz sträuben: Weil sie völlig zu recht begreifen: Das trifft mein Kind.
Aus diesem Gründen können Schulreformen auch nur einzeln und stückchenweise stattfinden. (Solange, bis die nächste Regierungspartei alles über den Haufen wirft).
Um Schwerpunkte zu setzen sollte man deswegen fragen, welche Probleme man primär lösen möchte und daran ansetzen. Bei der Gewichtung sollte man bedenken, dass dennoch alles miteinander verwebt ist.
Problem 1 ist für mich das extreme Leistungsgefälle in Grundschulen, was auch eine Steilvorlage für das viergliedrige Schulsystem ist. Da nachhelfen zu können ohne gleichzumachen wäre auch eine große Hilfe für Gesamtschulen. Ich erachte es für wichtig, Kindern in ihrer Entwicklung Zeit zu geben, damit sie einen Grundlagenfundus an Fähigkeiten (und ich schreibe bewusst Fähigkeiten, nicht Wissen) entwickeln. In diesem Alter ist die Entwicklung des Schülers von Kind zu Kind unterschiedlich und hoch individuell. Oft wirkt es Wunder, wenn jedes Kind seine Zeit hat, Themen zu verstehen, um für die nächste Schulklasse im Stande zu sein. Die Anlage dafür bringt jedes Kind mit. Was aus Elternhäusern manchmal jedoch nicht mitgegeben wird, sind Fähigkeiten, die Ordnung oder Struktur betreffen und deswegen bei der Ausbildung mathematischer Fähigkeiten - kann man jedes Fach einsetzen - hinderlich sein können. Dieser Findungsprozess sollte also gewährleistet werden.
Wie?
Noten (was auch immer im Zeugnis steht - das müssen (und sollten!) nicht die Zahlen von 1-6 sein, erst recht nicht im Grundschulbereich) sollten im Grundschulbereich nicht auf einen Zeiptunkzt bezogen sein, an dem man die Arbeiten schreibt.
Ist-Zustand: Viel mehr sollte der Entwicklungsprozess in den Fokus rücken. Ein Kind, was noch kein Multiplizieren mit Zahlen bis 10 beherrscht wenn es abgefragt wird, beherrscht es dafür aber später, wenn aber die Unterrichtsklasse schon nach Lehrplan bis 30 multipliziert. Dennoch berherrscht es das kleine Einmaleins - obwohl im Zeugnis zu dem zeitpunkt, als es relevant war, die 5 steht. Die Note wird aber nicht korrigiert, sobald das Kind irgendwann doch das Einmaleins perfekt berherrscht.
Soll-Zustand: Wie in der Sonderpädagogik sollte ein höherer Fokus auf die Entwicklung des Kindes gelegt werden. Diese findet nämlich immer statt. Ein Kind mit geringerer mitgegebener Anlage aus dem Umfeld entwickelt sich u.a. genauso schnell wie deine intelligenten Kids - bleibt aber trotzdem im Rückstand.
Problem 2:
Emotionale Schwierigkeiten, die in der Schule entstehen. Das Problem knüpft direkt beim 1. Problem an.
Wenn ich also bewusst darauf setze, was das Kind kann, statt dem, was das Kind nicht kann, fördere ich auch Selbstwertgefühle, soziales Miteinander und die Freude am lernen. Das wiederum führt dazu, dass das Kind besser lernen kann. Stimmt die Beziehung, lernt man am besten. Dem limbischen System sei es gedankt. Und ich reduziere auch Negativgefühle, die in Aggression umschlagen können. Habe ich Erfolg, gönne ich auch dem anderen Erfolg, selbst wenn er mehr Erfolg hat. Ärgerlich wird es nur, wenn ich Misserfolg habe. Wie stürmerbraut schon sagte, haben Emotionen Ursachen. Die sind unterschiedlicher Natur. Emotionen haben immer einen Sinn. In diesem Fall kritisch, weil das komplette Notenvergabesystem darauf aufbaut, besser zu sein als andere, anstelle einfach nur gut zu sein.
Zweitens würde ich mich über Unterricht freuen, der forschend lernen lässt. Kinder lernen durch Anfassen und Ausprobieren. Die Zeit und der Raum dafür sollte gegeben werden. Ebenso dafür, sich einfach mal zurückzuziehen, sich seinen eigenen Lernraum zu suchen. Dazu gehört auch die andere Seite, nämlich vom Lernen wegzukommen. Kinder haben nachmittags Freizeit und nicht in der 7. Klasse bis 6 Hausaufgaben zu machen, nachdem sie um 3 aus der Schule kommen. Der Lernerfolg würde es unseren Politikern sofort danken, wenn man aufhören würde, Curricula zu komprimieren. Das Abi nach 12 Jahren trägt die Inschrift "Schneller, höher, weiter." Ich habe Kommilitonen, die sind 18.
Ganztagsschulen, in denen nachmittags AGs oder offene Angebote stattfinden sind eine super Sache, weil sich Interessen bilden und soziale Kontakte geknüpft werden. Auch bei sowas lernt man viel. Und man begreift, dass der, den heutzutage Lehrer als Gymnasiasten bezeichnen, gut mit dem Hauptschüler zusammen Fußball spielen kann. Die verprügeln sich gewiss nicht, weil sie zuviel voneinander wissen, um Vorurteile zu haben. Und ganz nebenbei arbeitet Mutti auch noch Vollzeit. Nur, damit Brüderle und von der Leyen sich mitfreuen können. Wichtig ist dabei, dass die Anzahl der offenen Angebote die der Wahlpflicht übersteigen sollten. Keine Bleibepflicht (mit Ausnahme von einem bestimmten Maße an Wahlpflichtmöglichkeiten), sondern Bleibemöglichkeit.
Drittens: Die Debatte um kleinere Klassen.
In der Öffentlichkeit wird viel über kleinere Klassen diskutiert. Meiner Meinung nach zwar ein wichtiger Punkt, dennoch öffentlich etwas überschätzt. Am Ende hängt alles an der Unterrichtskonzeption. Nachteilig sind kleinere Klassen aber gewiss nicht.
Viertens:
Der Grundschule folgen sollte eine Gesamtschule, in der alle Schüler im Gleichschritt von Abschluss zu Abschluss marschieren. Ich würde darauf wetten, dass mehr Hauptschüler ihren Realschulabschluss machen als momentan, wenn sie diesen an der gleichen Schule durch mehr Schulzeit einfach hinten dran hängen könnten. Innerhalb einer solchen Schule finde ich es auch nicht so problematisch, bestimmte Schüler extra zu fördern. Damit meine ich aber vor allem die Begabten.
Unser Schulsystem arbeitet Normorientiert. Es fördert die Schwachen durch Förderunterricht und vermittelt das Konnotat "Du hast das nötig." Das Ziel ist die Norm. Möglichst alle Klassen sollen einen normalen leistungsschnitt aufweisen. In diesem Zusammenhang verweise ich nochmal auf Czernys Buch, in dem sie Situationen schildert, in der sie schlechtere Noten geben sollte, damit ihre Klasse dem normalen Schnitt entspricht. Kann ja nicht sein, dass es nur gute Schüler gibt.
Als Ausnahme davon fördert man die Hochbegabten zum Glück mittlerweile mehr als früher. Das ist eine erfreuliche Ausnahme. Das Ziel ist aber die Subjektorientierung. Ich kann nicht lauter Individuen gleich handhaben. Auf der anderen Seite entsteht aus lauter sozialbewussten Individuen automatisch eine intakte Gruppe. Das gleitet aber ab und geht in den Bereich der soziologischen Philosophie.
Und: Wenn ich "alle" Schüler schreibe, dann meine ich auch die jetzigen Förderschüler. Die werden leider zu oft vergessen. Deswegen schreibe ich auch immer bewusst vom viergliedrigen Schulsystem.
Deswegen sollte man bewusster auf individuelle Interessen mehr achten und Lernziele, die in der Praxis als Rahmenkriterium nicht wegfallen können, aber reduziert werden sollten und gemeinsam mit den Kindern konzipieren, wie man dem Ziel am Nächsten kommt. Das heißt, man muss für jedes Kind explorieren, was es braucht, um zu Lernen. Das ist schwierig und zeitaufwendig und zeigt wieder, was in Schulen fehlt: Kapazitäten und Geld. Es erfordert aber auch eine höhere pädagogische Ausbildung von Lehrern. Was Lehramtsstudenten an Pädagogik im Studium nach der Bologna-Reform lernen, ist ein Witz. In Oldenburg ist es 1 Modul im gesamten Bachelor, was aber keinesfalls eine Ausnahmeregelung ist. Die Didaktik steckt im Fachstudium mit drin und ist somit vom Studiengang und der Uni abhängig. Beides kann nicht sein. Die Lehrerausbildung, Problem 6, sollte deswegen überdacht werden.
Zusätzlich brauchen wir mehr Schulsozialarbeiter an Schulen. Bis vor ein paar Monaten hätte ich diese noch als niederschwelligen Kollegen der Lehrer als zweite Kraft in die Klasse gesetzt. Mittlerweile sehe ich das aber anders, weil der Schüler sie schnell als zweiten Lehrer sehen würde und die Niederschwelligkeit, die aber unbedingt erforderlich ist, verloren ginge. Stattdessen sollten sie an Schulen arbeiten und vom Ausbildungsgrad her gleichwertig mit den Lehrern sein, um eine Kooperation auf Augenhöhe zu ermöglichen. Unsäglich, dass vereinzelt Arbeitslose Quereinsteiger an Schulen geschickt werden, um Nachmittagsangebote zu gestalten und Hausaufgaben zu betreuen. Getreu dem Motto: "Ihr müsst nett zu Kindern sein - das bekommt ihr hin."
Um Konzepte umsetzen zu können, wäre es sinnvoll, den Kultusministerien mal ihre Hoheitsgewalt einzuschränken. Föderalismus ist in diesem Bereich gefährlich. Bundesweit sollte die Marschrichtung vereinbart sein. Und zwar stärker, als dies die KMK tut. Dass es ein extremen politisches Unterfangen ist, den Ländern durch die nötigen Verfassungsprozesse ihr Bildungsrecht zu nehmen, macht es ja grade so schwierig. Es ist sauschwer, obwohl es saublöd ist.
Was ich allerdings im Kontrast dazu fördern würde, ist, mehr konzeptionelle gewalt den Schulen und Lehrern zu geben, die näher an ihren Schülern dran sind. Regionale Integrationskonzepte werden beispielsweise schon durch Förderzentren vorangetrieben. Ein guter Ansatz in einem Land, was in diesem Bereich im westlichen Vergleich gar nicht so fortschrittlich ist.
Das ganze Thema ist alles in allem ein riesiger Block. Hier habe ich nur Anrisse gemacht. Eigentlich musst du jedes Thema ausführlich für sich diskutieren, ohne es verbindlich trennen zu können. Der erste Schritt wäre aber vor Allem: Geld, Geld, Geld... . Wenn wir das mal hätten.