Weil so ein Gegentor quasi mit dem Halbzeitpfiff und mit der zu diesem Zeitpunkt feststehende Hürde, drei Tore erzielen zu müssen, in vielen Fällen für Resignation sorgt. Es gibt kaum Übungsleiter, die da dann in der HZ-Pause noch motivierend einwirken können. Gehen wir mit einem 1:2 in die Pause, sieht es etwas anders aus. Dann lagst Du zwar zeitig in Rückstand, hast aber den Anschluss geschafft. In den Köpfen existiert dann, dass da noch was drin ist, zumal abgesehen von dieser Anfangsphase nicht viel zugelassen wurde. Stellt aber der Gegner den alten Abstand - ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt - wieder her, ist das in der Regel völlig desillusionierend.
Nach unserem 1-2 wäre es angebracht gewesen, erst Mal dieses Ergebnis in die HZ zu bringen. Möglicherweise wäre es dann möglich gewesen, das in HZ 2 noch umzubiegen. Allerdings kann man nicht davon ausgehen, dass wir mit diesem Resultat, mit der gleichen Einstellung in die zweite HZ gegangen wären, wie es der Fall war. Nach dem 1-3 hatten wir recht wenig zu verlieren und wir waren mehr oder weniger dazu gezwungen, Alles oder Nichts zu spielen. Es hätte sich vermutlich nicht das Spiel entwickelt, wie wir es letztlich gesehen haben.
Du merkst ja völlig richtig an, dass Fußball reine Kopfsache ist. Gerade in dieser Hinsicht: Wir gingen in den zweiten Durchgang, mit der Aufgabe, möglichst früh das 2-3 zu erzielen. Beim 1-2 hätte man sich wahrscheinlich mehr Zeit gelassen und es wäre sicherlich nicht zu diesem offenen Schlagabtausch gekommen. Wer weiß: Vielleicht hätte sich ein Spiel entwickelt, wie vor 2 Jahren gegen Glasgow.
Jein.
Denn es ist ja ein Unterschied, in welchen Bereichen beabsichtigt wird, Verstärkungen herbeizuführen. Und da fällt bei Werder, bei sämtlichen Verpflichtungen der letzten drei, vier Jahre besonders auf, dass bei den getätigten Investitionen die grossen Summen für Talent, techische Klasse und Offensivqualitäten ausgegeben wurde, aber nicht für defensiv-strategische Intelligenz. Das mag in der Philosophie des Trainers begründet liegen, der das fordert.(...)
Setzt man den Grundsatz voraus "eine Kette ist so stark, wie ihr schwächstes Glied", hast Du durchaus recht und es ist möglich, mit quantitativ wenigen Verstärkungen, vielleicht sogar nur einer, ein neues Level zu erreichen. Micoud war so ein Transfer.
Neben aller Fachkompetenz: Es gehört natürlich auch ein wenig Glück dazu, so einen Treffer zu landen. Dennoch bin ich auch der Meinung, es macht mehr Sinn, große Summen in große Qualität zu stecken, statt in große Quantität. Die Kehrseite ist natürlich, dass man sich in gewisse Abhängigkeiten begibt - schaltet die gegnerische Mannschaft den zentralen Mann aus, hat man ein "Diego-" Problem - ist so ein Spieler häufig verletzt, hat man ein ganz anderes Problem.
Was man in Bremen gemacht hat, ist eben viel Geld in die kreative Intelligenz zu stecken. Man hat Spieler geholt, wie eben jenen Diego, Pizarro, Özil und Marin. Mittlerweile sehe ich es ein wenig wie Du:
Nur schauen wir uns allein die letzte Transferperiode an: Obwohl die Probleme bereits seit über zwei Jahren im DM, auf den AV`s usw. offensichtlich waren, dazu noch der taktische Verstand eines Baumann verlorenging, wurden über 10 Mio in einen Super-Dribbler Marin, einen Stürmer Moreno und einen hauptsächlich als begabten Offensivspieler bekannten Boro investiert. Als Resultat haben wir in der Offensive nicht selten ein nominelles Überangebot, so dass sogar ein Almeida ständig draussensitzen muss und defensiv sind - trotz Bargfrede - die Probleme grösser geworden, da fehlt es nun noch mehr in der Breite.
So ist es auch nicht zufällig, dass wir öfter mal optisch überlegen geführte Spiele nicht in Zählbares umsetzen können.
Möglicherweise habe ich die Situation ähnlich eingeschätzt, wie unsere sportliche Leitung: Auch ich habe gehofft, dass der eine oder andere, vielleicht in seiner Entwicklung, insbesondere in taktischer Hinsicht, schon einen Schritt weiter ist. Heute ist es so, dass es dort wieder vielversprechende Ansätze gibt: Wir haben einen Niemeyer gesehen, der sich als durchaus brauchbare Alternative gezeigt hat, einen absoluten Shootingstar in Bargfrede, von dem man sich viel Gutes erhoffen darf. Dazu noch eine Alles in Allem, starke IV, einen zur Form findenden Fritz und dazu mit Boenisch, Pasanen, Prödl Leute, denen man auch eine gute Rolle zutraut, abseits davon auch Talente, wie Ikeng.
Die Frage ist natürlich, ob das reicht. Man kann nicht automatisch davon ausgehen, dass Frings mit zunehmendem Alter die Form hält oder sie sogar noch steigern wird können. Man kann mithin auch nicht davon ausgehen, dass Jensen verletzungsfrei bleibt, Borowski irgendwann zur Normalform findet. Verschafft man sich einen Überblick über den gesamten Kader, ist dort eine gewaltige Breite zu finden, aber nur Weniges, was tatsächlich für außerordentliche Qualität und ein sorgenfreies Leben im defensiv-strategischem Bereich steht. M.E. sollte man sich auf der einen Seite von dem einen oder anderen Spieler, aus dem 1-b)-Bereich trennen und versuchen, an zwei ausgemachten Schwachstellen nachbessern. Das Problem wird allerdings zunächst sein, dass man Bargfrede, Niemeyer, Boenisch und auch Almeida einen vor die Nase setzen müsste und damit deren weitere Entwicklung in Frage stellt.
Diese Saison hat allerdings auch gezeigt, dass mit ca. 60 Pflichtspielen, hinreichend Möglichkeit besteht, einen solchen Kader ausreichend mit Praxis zu versorgen. Ich gehe zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon aus, dass wir im nächsten Jahr wieder in der EL vertreten sein werden und auch die nächste Saison ein ähnliches Ausmaß annehmen wird. Viele Spiele wirken heute zum gegenwärtigen Zeitpunkt überspielt - gerade in Wochen, wie diesen, wäre es doch wunderbar, wenn man hier den Kräfteverschleiß auf mehr Beine verteilen könnte. Mit einer besseren Ausrichtung, wären wir möglicherweise gar nicht in die Verlegenheit gekommen, gegen Valencia ein solches Tempo gehen zu müssen und wären heute wesentlich entspannter.