Was Bremen meint - und ich stimme ihm da zu - ist, dass seit etwa zwei Jahren regelmäßig die gleichen taktischen Fehler passieren.
Seit zwei Jahren?

Das sehe ich ein Stück weit anders.
Unzulänglichkeiten taktischer Natur gab es schon 2000, aber die hat jede Mannschaft mal. Obwohl es bei Werder schon damals nicht nur mal war, sondern sich auch regelmäßig wiederholte. Die Summe der gravierenden Fehler begannen m.E. spätestens ab Sommer 2006. Da war mit Baumann der letzte Spieler der Meisterraute übrig geblieben, Borowski zähle ich da weniger rein, er kam 2004 über die Verletzung Lisztes in die Startelf, konnte sich dort zwar danach etablieren mit teils sehr guten Leistungen, nichtsdestotrotz hielt ich ihn nie für einen Halbpositionsspieler. Aber es war zuvor schon offensichtlich, dass nach Lisztes Abgang und danach dem von Ernst uns die passenden Halbpositionsspieler ausgingen. Nur konnten wir die Inflexibilität auf der Destruktivebene Jensen/Borowski zwischen 2004 und 2006 noch einigermaßen abfedern, da die Kreativebene Micoud-Baumann den One-Touch-Fussball und das schnelle Umkehrspiel in der Vertikale erhalten hatte. Fatal wurde es dann 2006, als TS nach Micoud 1:1 mit Diego einen Zehner installierte, der sein Spiel vollkommen anders interpretierte als vorher der Franzose. Diego war der richtige Mann für Werder, stand aber im falschen System auf der falschen Position. Ich verstehe bis heute nicht, warum Schaaf damals keinen Systemwechsel forcierte.
Im ersten Halbjahr 2006/2007 hatten wir eine Sondersituation. Da konnte das Team den über Jahre unter Micoud perfektionierten One-Touch und Kombinationsfussball in die neue Spielzeit rüberretten, mit dem Unterschied, dass plötzlich ein weiteres Überraschungsmoment, die genialen Momente eines Diego dazugekommen war. Denn zu Micoud`Zeiten hatte uns genau so ein Spieler gefehlt, der gegen Gegner, die geschickt die Räume verengten und Werder`s Spiel in die Breite zwangen, immer noch eine Entscheidung erzwingen konnte. Im Prinzip ist das die Situation, die wir jetzt wieder haben - wenn der Kombinationsfussball auf der Strecke bleibt oder aufgrund von taktischen Fehlern nicht funktioniert, fehlt wieder solch ein Spieler. Das, was Werder seinerzeit in dieser Hinrunde praktizierte, war daher optimal. Schwierig wurde es, als sich im Frühjahr der Micoud`sche One-Touch erstmals überlebt hatte, einfach deshalb, weil das in der Vertikale mit Diego nicht mehr dauerhaft praktikabel umsetzbar war.
Ich weiss noch, als hier vor drei Jahren genau diese Diskussionen im Forum über Raute, Diego und Halbpositionen liefen. Das war nach der 0:2 Heimpleite gegen Schalke und dem 1:4 in Stuttgart, im Februar 2007. Namentlich User wie dkbs, Das Boot, synosoph, Kalotte oder Dr.Knigge lieferten damals sehr konstruktive Beiträge zum Thema. Fand ich.
Die systematische Inflexibilität war das eine, die Probleme mit der angemessenen Spielführung und -ausrichtung ein zweites Manko, welches Werder bis heute nicht abstellen konnte und was uns schon 2007 die Meisterschaft kostete.
Dieses durchzog dann auch die Spielzeit 07/08 mit dem für Werder glücklichen Ende, trotz der üblichen Hin- und Rückrundenstartprobleme, trotz der Verletzungssorgen. Wir profitierten da auch von im Schlussspurt schwachen Schalkern und Hamburgen, von einbrechenden Leverkusenern - und vom zeitgen Pokalaus in Dortmund sowie vom zeitigen UEFA-Aus gegen Glasgow. Inzwischen muss ich sagen - leider. Denn so wurden wiederrum die offensichtlichen Probleme kaschiert und nicht als solche wahrgenommen. Und die Quittung bekamen wir letzte Saison. Die Quittung für das Festhalten an ein System mit nicht dazupassenden Spielern und falscher Spielausrichtung.
Ziehe ich nun ein Resümee, ergibt sich das aus meiner Sicht folgendermaßen:
- Saison 2006/2007:
Werder hatte den besten Kader, spielte den schönsten Fussball. Das System passte allerdings nicht mehr, wie gesagt, zu den vorhandenen Spielern, wurde aber gnadenlos durchgezogen. Deswegen gab es auch arge Probleme in den Spitzenspielen, gegen den späteren Meister Stuttgart und den Zweiten Schalke gingen alle Spiele verloren. Obwohl in diesen Spielen die Mehrheit der Spielanteile und die optische Überlegenheit auf Bremer Seite lagen. Dazu kamen bspw. Heimniederlagen gegen Dortmund, Hamburg und Frankfurt, die aufgrund schwerer, taktischer und spielpsychologischer Unzulänglichkeiten zustande kamen.
Pokalaus in der ersten Runde in Pirmasens. Unglückliches CL-Aus gegen starke Kontrahenten während dem starken Hinrunde, dilettantisches UEFA-Cup Aus gegen Espanyol.
- Saison 2007/2008
Wie immer verpatzer Start zu Beginn, dann - ebenso typisch - eine Serie bis Weihnachten, danach der übliche Einbruch nach der Winterpause. Starker Schlusspurt und die (äußerst glückliche) Rettung auf Platz 2. Ein weiterer, auch systematisch bedingter Rückgang der spielerischen Qualität war neben den Fehlern in der Spielausrichtung über die gesamte Saison unübersehbar.
Pokalaus in Dortmund, CL-Aus gegen Team wie Olympiakos oder Pleite-Lazio.
- Saison 2008/2009
Nun trugen die über zwei Jahre nicht abgestellten systematischen Fehler Früchte, selbst Fachzeitschriften titelten: "Naiv wie nie." Zeitig konnte sich Werder auf Pokalwettbewerbe konzentrieren. Allerdings: CL-Aus gegen Teams wie Panathinaikos und Famagusta auf die gleiche Weise, wie die BL-Punkte abgegeben wurden. Dilettantisch.
Was sich zu dieser Spielzeit bisher sagen lässt, ist auf den letzten Seiten nachzulesen.
Unter dem Strich stehen nun in negativer Hinsicht
- der neunte durchwachsene Saisonstart innerhalb der Spieltage 1-5 in elf Jahren der Ära Schaaf
- der zehnte schlechte Rückrundenstart in elf Jahren der Ära Schaaf
- eine seit ca. vier Jahren aufgrund taktischer und systematischer Fehler sowie fehlerhaften Umsetzung in Spielausrichtung/Gegneranpassung, sowie mangelnder Spielerführung (wie Druckausübung und Umsetzung von Konsequenzen zu den richtigen Zeitpunkten) durch Umfeld/Management unzureichende Ausnutzung des Kaderpotentials
- ein immer gravierenderer Abwärtstrend in der CL (trotz besseren Spielermaterials) innerhalb von drei Jahren, wobei auch hier in fünf Jahren, wie in der BL, jeweils die ersten zwei Spiele in den Sand gesetzt wurden
- ein seit vier Jahren kontinuierlich fatales Verhältnis in Aufwand/Ertrag in der BL
Dass in der Summe die Ära KATS nach wie vor die positiven Aspekte überwiegen, ist keine Frage, aber die Entwicklung der letzten Jahre ist - sagen wir mal - bemerkenswert. Trotz Pokalsieg.