@Kastemato
Von dem Begriff "Sturheit sollten wir uns allmählich loslösen, in Anbetracht der Tatsache, dass TS in diesem Kalenderjahr taktisch schon so viel variiert und hervorragend hinbekommen hat. Dies hatte ich bereits Karlotto gesagt. Hier geht es lediglich um die eklatanten Rückfälle der letzten 6 Wochen.
Du willst wissen, welche Philosophie ich meine, die TS bevorzugen könnte? Meiner Vermutung nach ist es in etwa das, was Werder zwischen 2003 und 2006 nahe am Optimum führte, das, worauf KATS ab 1999 konsequent hinarbeiteten. Das schnelle Direktspiel mit wenigen Kontakten. Gutes, ballorientiertes Verschieben und konsequentes Pressing bereits in Gegner` s Hälfte, alles zum Zwecke der Balleroberung. Das Spiel in die Vertikale. Dabei das Vernachlässigen des Flügelspiels, was ich per se als nicht mal so schlimm sehe, denn wie wir seit Otto wissen, ist konsequentes Spiel über die Außen selten schön und selten überraschend. Ich will aber nun nicht zum zigten Male die Raute erklären wollen, so wie ich dieses System sehe, denn offensichtlich wird auch das nicht ernst genommen – oder als naive und dumme Ansicht erachtet. Ganz sicher hält TS dieses Spiel mit Raute immer noch für außerordentlich wirkungsvoll und sehr modern. Das sehe ich genauso. Was die Funktionalität des Systems – und damit verbunden der Schaafschen Spielphilosophie - angeht, hat Werder sich allerdings, dieses Saison mal ausgenommen, in den letzten Jahren ziemlich weit vom Optimum entfernt. Was letztlich ja auch der meistgenannte Kritikpunkt war.
Hierfür stimmten mit dem vorhandenen Spielermaterial gewisse Vorraussetzungen nicht, wie a) dass ein Übergewicht an Ballbesitz nicht weiter schlimm ist, es aber darauf ankommt, mit wie vielen Ballkontakten und über wie viele Spieler dieser häufige Ballbesitz geführt wird, also auf das gesunde Verhältnis Ballbesitz und Effizienz b) dass das Spiel in die Breite verlagert, statt in die Senkrechte und damit dem Ganzen die wichtigste Vorraussetzungen genommen wurde. So Spieltempo sowie Überraschungsmoment verloren gingen und zusätzlich das eigentlich nicht notwendige Flügelspiel plötzlich notwendig wurde. Für letzteres hatten wir und haben auch heute nicht das Personal, weil unser System dafür nicht ausgelegt ist/ nie ausgelegt war. Dass es trotzdem gnadenlos durchgezogen wurde, mag vielleicht oder gerade daran liegen, dass TS es eben – wie wir auch - als Ideal betrachtete.
Was Du in der Diskussion verkennst - ich wollte nie behaupten, dass sich das System nicht mit einer gegnerorientierten Taktik vereinbaren liesse, sondern lediglich sagen, dass es mir rein auf die (machbare) Funktionalität dieser Philosophie in Vereinbarkeit mit dem System und damit verbunden auf die Ein- und Aufstellung des Teams durch den Coach ankommt. Und an dieser Stelle vermisste ich und vermisse auch heute noch die Flexibilität bei Schaaf, wenn es darum geht, Philosophie und System 1.) dem vorhandenen Personal anzupassen und 2.) dies in Verbindung mit Mehrfachbelastung und Spielweise des Gegners zu tun. Mein Eindruck ist schon, dass es zu Schaaf` s Philosophie gehört, gegen jeden Gegner mit derselben Spielauffassung anzutreten.
Fast alle Trainer sind hinsichtlich ihrer Spielphilosophie nicht großartig flexibel, Du erkennst praktisch immer wieder die gleichen Handschriften, egal wo sie tätig sind. Der Unterschied ist aber a) der Führungsstil und b) die Reaktion auf die jeweilig vorgegebenen Umstände.
Zu b): In Bezug auf das letzte Bundesligaspiel war von vornherein klar, dass ein Team wie S04 keine Partie würde gestalten können und eine von Magath trainierte Mannschaft, lauf- und kraftaufwendigen Fussball mit langen Bällen und Konter bevorzugt. Damit war die Ausgangslage gegeben: Werder hatte die besseren Einzelspieler und intelligenteren strategischen Möglichkeiten auf dem Platz. Nun ging es darum, diese auszunutzen, aber auch so zu variieren, dass es zum Gegner passt. In Bezug darauf stellten sich mir ein paar Fragen. Wie:
1.) ein Sturmduo Marin/Almeida passt nicht zum bevorzugten Kombinationsspiel, da der eine ein glänzender Einzelspieler, aber (noch) kein Teamplayer ist und der andere einzig seine Stärken im Kopfballspiel und im Abschluss auf der Distanz, nicht aber in der Ballverarbeitung oder im Laufen lassen des Spielgerätes hat. Damit war das Direktspiel in vorderster Linie praktisch ad acta gelegt, welches aber wichtig gewesen wäre, um ein etwaiges Überraschungsmoment, gerade gegen eine destruktive Mannschaft, verwerten zu können. Da Pizarro nun mal nicht von Anfang an spielen sollte und die Alternativen begrenzt sind, muss doch die Frage erlaubt sein, warum dann nicht mit einer Spitze und dahinter bspw. drei Offensivspielern, die wir zur Verfügung hatten sowie einer Doppelsechs agiert wurde. Damit gäbe es bspw. den Vorteil von zwei offensiven, zur Grundlinie stossenden Außen, die dann Almeida als Mittelstürmer hätten beflanken/ bedienen können, ihn insgesamt gemäß seiner Stärken hätten einsetzen können.
2.) Frings ist weniger ein spielintelligenter Sechser, der den Ball in die Tiefe wählt oder ein Spiel über eine Zwischenstation schnell macht, im Sinne der Verlagerung hin zu den freieren Räumen, so wie Baumann es immer konnte. Seine Eröffnung besteht insbesondere im direkten langen Ball in die Spitze, was gegen im Zentrum nicht rausrückende Schalker und mit Almeida/Marin ein nahezu untaugliches Mittel darstellt. Jensen dagegen ist einer, der das anders, variabler spielt. Selbst wenn eine Doppelsechs Frings/Jensen nicht wie vor genannt und die Raute bevorzugt worden wäre, so darf die Frage erlaubt sein, weswegen eine Verschiebung Frings-Jensen nicht möglich ist. Dies hätte speziell gegen S04 den Vorteil haben können, dass Frings` s Lauf- und Zweikampfstärke sowie Balleroberung, was auf der Halbposition absolut primär ist, gegen die Schalker voll zum Tragen gekommen wäre und zumindest den Nachteil der in diesem Bereich aggressiveren Schalker hätte ausgleichen können. Während Jensen seine strategische Übersicht im Zentrum besser hätte ausspielen können.
Genau genommen hatten wir so, wie es gespielt wurde, vorne einen auf Flügelspiel angewiesenen Stürmer, ohne dass Flügelspiel machbar war, der sich zudem mit einem anderen Halbstürmer (Marin) teilweise im Zentrum blockierte. Dann einen kampf- und einsatzstarken Spieler (Frings) im hinteren, kreativen Zentrum der Raute, während ein eigentlich auf Zentrumsspiel geeichter Stratege (Jensen) auf der Halbposition kämpfte und ausserdem für sein Direkt-Spiel, ebenso wie Özil, vorne kaum einen Abnehmer fand. Dazu ein normalerweise mit kreativem Passspiel ausgestatteter Hunt, der auf der Halbposition gegen einen destruktiven Gegner ebenfalls Bälle erobern musste, statt z. Bsp. in einer offensiven Dreierreihe dieses hätte besser einbringen können. Dies liesse sich übrigens problemlos auf das Spiel in Köln übertragen, wo ähnliche Vorraussetzungen bestanden und schliesslich ähnlich hilflos vorgegangen wurde – wie auch zu früheren Zeiten, als uns öfter die mangelnde Variabilität Punkte kostete.
Andererseits ist das nur meine „hätte, wenn, wäre“ –Theorie, das ist keine Verbal-Kritik an TS, Aber etwas, was ich mich hinsichtlich der Analyse von solchen Spielen eben frage.
Noch wichtiger ist m. E. aber a) und da sind wir an dem Punkt, den Du so gut beschrieben hast. Die Frage nach der Tragweite des antiautoritären Führungsstils von Schaaf. Du sagst, es ist eine normale Sache, dass er es menschlich nicht schafft, einige dieser Dinge dauerhaft zu vermitteln. Was Du missverstanden hast, war meine Frage nach dem Zusammenhang, in welcher Grössenordnung dies akzeptabel wäre. Wie akzeptabel ist denn, dass ein Frings nach einem Spiel zugibt, dass sie das nicht umsetzten, was der Trainer vorgab, das Ganze sich aber dann auch noch ein Jahr später an gleicher Stelle wiederholt, wonach TS kommentierte: „Wir geben nicht vor, nur nach vorne zu spielen.“ :o
Dazu folgendes:
Vom 27.09.2001:
http://www.planet-interview.de/thomas-schaaf-27092001.html
Zitat von Thomas Schaaf:
"Sicher, wenn einer individuell immer wieder die gleichen Fehler macht, dann muss man sich Gedanken darüber machen, ob man dort etwas verändert. Aber das ist bei uns eigentlich nicht der Fall gewesen, sondern wir haben sehr unterschiedliche Fehler gemacht. Vielleicht hat mal der eine geschlafen, oder der andere war mal nicht am Mann, so dass dort diese Saison bisher eine Quote zusammenkam, die nicht befriedigend ist. "
Das war 2001, da war es wohl richtig. Mittlerweile sind es aber doch die gleichen Fehler, und….? Schade, dass er den ersten Satz damals offenbar nur mal so daher gesagt hat ………
Zitat von FAZ:
Merkwürdig
So viele Leistungsträger verletzt, und dennoch gewinnt Bremen ansehnlich – Frank Heike (FAZ) führt das auf die Qualität des Bremer Trainers zurück: „Es kommt einiges nach bei Werder Bremen. Dass Schaaf seine jungen Profis gleich unter Wettkampfbedingungen testet, wird ihnen und Werder irgendwann zugutekommen. Boenisch und Hunt sind 21, Özil 19 Jahre alt. Bei Werder dürfen sie Fehler machen, wenn sie in der nächsten Szene wieder etwas wagen. Schaaf lässt sie nicht so schnell fallen. Das ist und bleibt eine Besonderheit in Bremen. (…

Schaaf redet ja nie groß über Taktik, und man vergisst deshalb manchmal, dass er einen ausgezeichneten Blick für das Spiel und die Fähigkeiten seiner Profis hat. Er durfte sich als Sieger des Nachmittags fühlen.“
Weiterhin:
http://www.petra-schomburg.de/Bilder/Thomas_Schaaf_Teambildung.pdf
Zur Abwechslung:
http://www.bild.de/BILD/sport/fussb...uemmste-truppe/immer-die-gleichen-fehler.html
Fazit: Es geht/ging stets darum, dass die Individualität der Spieler zählt, dass sie Fehler machen dürfen, dass sie ihre Fähigkeiten optimal einbringen dürfen, dass Schaaf einen Blick für Fähigkeiten Einzelner hat, dass Spieler selbst drüber nachdenken sollen (tun sie das?). Auf diese Weise hat TS wie kaum ein anderer
Spieler zu Höchstleistungen gebracht, haben sie hier Ihr Optimum erreicht, die wenigsten haben das anderswo bestätigen können.
Was fehlt, ist die Auswertung, wie oft und immer wieder sie die gleichen Fehler machen dürfen, wie das zu optimieren wäre, wie es mit entsprechender Disziplinierung und demzufolge die Konsequenzen aussehen....
Das hauptsächliche Problem- mal von einem dummen und naiven User gesagt - besteht m.E., darin, dass vieles erkannt, angesprochen wird, sich aber dennoch in schöner Regelmäßigkeit wiederholt. Das macht es für mich und für andere auch – glaube ich – schwieriger zu verstehen.