Zitat von Lothar Matthäus;653566:
Nein. Wiese verfügt über die größere Anzahl an Spielen im internationalen Geschäft. Über mehr CL-Spiele, über mehr EL-Spiele. In diesem Jahr spielt Neuer überhaupt nicht international.
Stimmt, über mehr. Aber was ich sagen wollte ist, dass Neuer ebenfalls über reichhaltige Erfahrung in diesen Bereichen verfügt.
Welche Rolle solche internationale Erfahrung generell spielt, welchen Unterschied es macht, ob man sagen wir 40 oder 20 Europacupspiele gemacht hat, was es zählt, bei einer EM einer der herausragenden Spieler gewesen zu sein, dass muss jeder selbst beurteilen. Meine Meinung ist, dass da sicher keiner über Wiese steht, aber
wenn man das zum Kriterium macht, Neuer auch stark in der Verlosung sein müsste. Aber irgendwo wurde es schon geschrieben: Wenn das Kriterium so megawichtig ist, müsste noch Lehmann im Tor der Nationalmannschaft stehen.
Zitat von Lothar Matthäus;653566:
Woraus schließt du das? Hat Wiese nicht aus seinen ganz persönlichen Krisen (die Juve-Gedächtnis-Rolle nur als Beispiel), sehr viel gelernt? Ist er da nicht wieder erstarkt daraus hervor gegangen? Hat er nicht gerade in Endspielen, in Situationen, in denen es darauf ankam, z.B. in Hamburg, auch immer wieder die Nervenstärke bewiesen, auf die es letztlich ankommt? Wenn Kießling die Frage stellt "was muss ich denn noch machen?", dann gibt es nur einen Grund, weswegen diese Frage nicht etliche andere Spieler, die in den Kader gehören und nicht berufen werden, nicht auch stellen: Nämlich der ihnen verpasste Maulkorb, den es nur gibt, weil es dem DFB-Trainerstab a) an Erklärungsgrundlage mangelt und b) sie nicht kritikfähig sind. Es ist ja mittlerweile so weit, dass sich niemand seitens der Vereine mehr traut, seine Meinung kundzutun, weil man den eigenen Leuten nicht die Chance auf die WM verbauen möchte. Letztlich wäre es allerdings sch...egal, ob Allofs nun zum X-ten Male betont, dass Wiese und Frings in diese Mannschaft gehören, weil die Willkürlichkeit der Nominierungen eh das vom Trainerstab höchst selbst erklärte Anforderungsprofil ins Lächerliche zieht und somit bereits vorbehaltlich aussortierte Spieler, sowieso keine Rolle in den Planungen mehr spielen. Und das ist es, was ich bemängele - es geht nicht darum, wer jetzt Torhüter a, b oder c ist, sondern darum, dass bei ihnen nicht der gleiche Maßstab angesetzt wird.
Natürlich kann man jetzt im Nachhinein sagen "was wollt ihr denn, Adler/Enke haben doch gut gehalten". Aber dann soll man von vorn herein auch sagen "das ist mein Torhüter" und nicht heute den Kampf um die Position ausrufen und sie vorgestern bereits festgelegt zu haben.
Dieser Kritik kann ich mich nur voll anschließen. Die Kriterien von Löw wirken auf mich willkürlich. Teilweise werden sie aufgestellt, um bestimmte Spieler drin zu haben, aber gleichzeitig werden Spieler ausgeschlossen, die eindeutig und erst recht nach den aufgestellten Kriterien eine Chance und einen offenen Konkurrenzkampf verdient hätten. Zudem scheinen Spieler, die etwas auffälliger sind und auch mal den Mund aufmachen, unter Löw gefährlich zu leben. Auch tippe ich auf Adler als Nr. 1, weil er ein Sunnyboy ist und Enke z.B. nicht.
Nur: Was ich nach wie vor nicht so sehe ist, dass wenn man den willkürlichen Kram wegdenkt, dass dann der Torwart Nr. 1 nur Wiese heißen könnte.
Was den Bereich "Erfahrung(en)" betrifft, habe ich ja schon gesagt, dass Wiese (wie auch im Sportlichen) aufgeholt bzw. aufgeschlossen hat und deutlich gereift ist. Das war aber einerseits auch die Mindestvoraussetzung, um diskutabel zu sein. Denn den Torwart, der regelmäßig an Flanken vorbeifliegt, dafür jede Gelegenheit zu schönen Flügen nutzt um gut auszusehen, der die Schuld tendenziell bei anderen suchte und auf dem Platz seine Vorderleute anmeckerte wie ein Rohrspatz, konnte nun wirklich kein ernsthaftes Thema für die Nationalmannschaft sein schon gar nicht als Stammtorwart.
Andererseits bleibt aber die Frage, ob ein Enke nicht doch der reifere Typ ist. Denn den Erfahrungsreichtum eines Enke (der natürlich auch deutlich älter ist, was aber bekanntermaßen bei einem Torwart eher ein Vorteil als ein Nachteil ist), der ganz andere Rückschläge zu verdauen hatte (Tod des Kindes, Karriere auf der Kippe, bei Barcelona gescheitert, Ausland) und der das meiner Meinung nach in eine zugleich sehr positive, sehr sachliche und sehr sichere Ausstrahlung (und enstprechende Leistungen) umsetzt, hat er meiner Meinung nach eben nicht. Auch wüsste ich nicht, dass Enke jemals einen Konkurrenten schlecht gemacht hat oder man ihm sonstetwas negatives nachsagen kann. Und in einer Zeit, in der fast jeder Spieler dem Geld und der Reputation nachläuft empfinde ich es auch als sehr positiv, dass Enke - garantiert aufgrund seiner Erfahrungen - nicht vor schwierigen Sitiationen wegläuft und bei seinem Verein bleibt.
Dass soll allerdings gar nicht mal gegen Wiese sprechen: er hat nach einiger Zeit tatsächlich seinen Juve-Klops verarbeitet und in sein Spiel umgesetzt, reagiert vernünftiger auf Nichtberücksichtigungen, stellt sich nicht mehr so in den Vordergrund stellt, spielt besser mit, und ist insgesamt ein wirklich sehr guter Torwart geworden. Und es wäre aus meiner Sicht zwingend, dass er einer der drei Torhüter wäre, die zur WM fahren.
Aber es kann leider gut sein, dass er einer derjenigen sein wird, für die Löw die Rolle des Opfers vorgesehen hat um den Mitfahrenden zu demonstrieren, dass sie bessere Chancen haben, wenn sie einen reibungslos positiven Karriereverlauf vorweisen können und sich anpassen können.
MFG dkbs