Mit Havertz & Co. hast du oberflächlich betrachtet selbstverständlich Recht. Dennoch mangelt es dem deutschen Fußball im Vergleich zu 3 der 4 andern Top-Fußball-Nationen Europas in der Breite an Top-Kickern. Bei TM gibt es ein variabel einstellbares Tool mit den wertvollsten Spielern; und wenn man dort den Filter auf die Spieler der UEFA-Nationen setzt, gehören zu den ersten 100 in diesem Ranking 21 Engländer, 16, Franzosen, 15 Spanier und dahinter mit größeren Abständen 6 Italiener sowie 5 nur Deutsche
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Obwohl es sich beim DFB um den größten Sporteinzelverband der Welt handelt. D.h. in England, Frankreich und Spanien ist die Aus- und Weiterbildung besser als hierzulande. Und das trägt neben den hohen Summern, die in den anderen v.g. Nationen kursieren, auch einen Teil dazu bei, dass deutsche Clubs vergleichsweise selten das Halbfinale eines europäischen Club-Pokal-Wettbewerbs erreichen.
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, die Erfolge eines Verbandes hingen in erster Linie von dessen Grösse ( Anzahl der gemeldeten Mitglieder) ab. Tatsächlich hat der DFB oft und gern selbst auf seine Grösse und Bedeutung hingewiesen und damit kokettiert. Der Verband ist mit u.a. 4 WM- und 3 EM-Titeln tatsächlich einer der erfolgreichsten der Welt, hat über Jahrzente also Vieles richtig gemacht, ist aber irgendwann (meiner Meinung nach nach dem verlorenen EM-Finale 2008 gegen Spanien) "falsch abgebogen". Von da an orientierte man sich plötzlich vielmehr an den "best practices" der erfolgreicheren Gegner als an den eigenen Stärken undcTugenden. "Ballbesitz und Tikitaka" verdrängten Vertikalität, Standards und Kopfballstärke. Ballsichere Pass-Maschinen wurden körperlich robusten Innenverteidigern bzw. Zentrumsstürmern vorgezogen. Der deutsche Fussball verlor damit seine Identität und beraubte sich damit selbst einiger oft erfolgreicher "Waffen".
Oberflächlich betrachtet könnte man behaupten, die Stärke einer Mannschaft und damit deren Erfolgs-Chancen würden sich in erster Linie am Marktwert der Auswahl-Spieler bemessen. Die Praxis zeichnet oft andere Phänomene. Als Werder-Fans wissen viele von uns, wie wichtig der "Ausputzer" Dieter Eilts für die Erfolge der Mannschaften in der Rehhagel-Ära war, obwohl dieser niemals im Verdacht stand, den höchsten Marktwert im Vergleich zu seinen jeweiligen Mitspielern gehabt zu haben. Auf die Neuzeit bezogen ist die Bedeutung eines Robert Andrich für den Erfolg seiner Teams sicherlich nicht annähernd soviel schwächer im Vergleich zu der eines Florian Wirtz, wie es die jeweiligen Marktwerte beider ausdrücken würden.
Die Situstion ist vielschichtiger.
Warum sind Nachwuchsteams aus Spanien, Frankreich und England erfolgreicher? Warum werden in den angesprochenen Ländern deutlich mehr Spitzenspieler entwickelt? Liegt es an der Talentsichtung? Liegt es an der Talentförderung? Ganz sicher lag es viele Jahre lang an der zu einfömigen, wenig individualisierten Art des Trainings in Deutschland. Da scheint sich immerhin seit einiger Zeit etwas in die richtige Richtung zu verschieben.
Ein weiterer Aspekt für mich ist die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, eine sich breit machende Sattheit, alternde Gesellschaften, schwindende Vereinsstrukturen insbesondere in der Fläche, geringere Bereitschaften zum Ehrenamt, höhere Konsumorientierung im Vergleich zu früheren Generationen. Für mich Ausdruck eines gewissen Wohlstandseffekts. Kann ich mich im Fussball, im Sport allgemein, in Deutschland noch hocharbeiten? Gelingt mir dadurch der soziale Aufstieg? Ohne genaue Einblicke zu haben, könnte ich mir vorstellen, dass das in Frankreich, Spanien und Italien in bestimmten Milieus noch anders interpretiert wird als in vielen Regionen in Deutschland. Viele der in der französischen Statistik gelisteten Spieler stammen aus den Banlieues rund um Paris.
Der in Deutschland nach 1945 installierte Förderalismus, die bewusste Dezentralisierung von Strukturen, wirkt sich auch auf den Sport und den Fussball aus, mit Vor- wie auch mit Nachteilen. Wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen geht man auch im Sport sukzessive zu einer immer stärkeren Zentralisierung über. Der DFB orientiert sich hinsichtlich des Baus des neuen DFB-Campus' am Vorbild des französischen Verbandes FFF in Clairefontaine. Ein Schritt in die richtige Richtung.
Insgesamt hat der DFB auf verschiedenen Ebenen reagiert. Die aktuelle Situation resultiert aus den Fehlern und Nachläsdigkeiten vergangener Jahre. Mögliche Erfolge werden ggf. noch auf sich warten lassen, die Richtung aber stimmt in meinen Augen.