Ich habe nicht die ganze Diskussion hier verfolgt, möchte allerdings dennoch gerne als jemand, der seit vielen Jahren im Segment Erneuerbare Energien arbeitet, ein paar Sachen loswerden...
Mir ist unklar, warum aus dem Thema Erneuerbare Energien so schnell eine politische Diskussion wird. Da wir uns in meinem Bereich gut verstehen, ist Politik immer wieder ein Thema, und aus diesen Diskussionen weiß ich, dass bei uns im Bereich die diversesten politischen Einstellungen vertreten sind - ein aktives FDP-Mitglied inklusive. Für mich ist diese Mischung auch nachvollziehbar, denn die Frage, um die es aus meiner Sicht geht, ist die, welche Energie wir nutzen möchten, und warum. Diese Frage hat im ersten Schritt mit Politik und Parteien gar nichts zu tun.
Zudem ist mir unklar, warum die Diskussion sehr häufig schwarz-weiß geführt wird. Es geht aus meiner Sicht nicht um die ideale Deckung des Energiebedarfs, sondern um die nach Abwägung aller Pros und Cons sinnvollste Variante.
Eine ideale Lösung gibt es aus meiner Sicht nicht, denn jede Variante hat Vor- und Nachteile. Dessen ungeachtet sind jedenfalls für mich - und da mag jeder zu einer anderen Sichtweise kommen - Erneuerbare Energien zumindest in Deutschland die sinnvollste und zukunftsträchtigste Variante.
Gas, Kohle, Öl und Co. sind, einmal ganz unabhängig von den Folgen für das Klima, endlich. Zudem, und das ist der für mich entscheidende Punkt, hat Deutschland geringe bis gar keine eigenen Vorkommen. Welche Folgen eine Abhängigkeit von Drittstaaten haben kann - und da ist es mir egal, ob das Russland ist oder künftig arabische Staaten durch LNG-Lieferungen - haben wir vor Kurzem schmerzlich erfahren müssen, so dass für mich ausreichende Energiequellen im eigenen Land zwingend sind.
Der nicht nur hier geäußerte Kritikpunkt unzureichendes Recycling bei den Erneuerbaren ist berechtigt. Im Solarbereich gibt es Modul-Hersteller, die schon seit > 15 Jahren konsequente und strukturierte Recycling-Programme haben, u. a. First Solar:
Recycling | First Solar Hier wird bereits beim Kauf vereinbart, dass defekte Module zurückgegeben - und zurückgenommen - werden, um sie weitestgehend wieder zu verwerten. Generell besteht in Sachen Recycling jedoch definitiv noch erheblicher Nachhol- und vor allem auch Forschungsbedarf, um bestimmte Materialien voneinander trennen und wiederverwerten zu können:
Windanlagen: Rotorblätter mit Recycling-Problem - DER SPIEGEL
Allerdings gehört beim Thema Recycling zu einer Gesamtbetrachtung für mich zwingend die Betrachtung der Alternativen - und diese sind für mich im Wesentlichen Atomstrom und in Teilen (Braunkohle)abbau mit Blick auf meinen Wunsch nach einer unabhängigen Energieversorgung. Die Entsorgung des radioaktiven Atommülls ist nach wie vor ungeklärt. Schließlich möchte niemand ein Endlager vor seiner Haustür, und vermutlich auch diejenigen nicht, die sich pro Atomstrom aussprechen. Recycling ist, da dürften wir uns alle einig sein, hier unmöglich. Der Braunkohleabbau lässt großflächig zerstörte Landschaften zurück, die aufwändig renaturiert werden müssen. Zumindest für mich sind diese beiden Aspekte ein wesentlich signifikanteres Thema als die Recycling-Frage bei Erneuerbaren.
Der Kritikpunkt nicht ausreichende Produktion bei den Erneuerbaren ist ebenfalls berechtigt. Hier ist jedoch Teil der Wahrheit, dass wesentlich mehr Strom aus Erneuerbaren eingespeist werden könnte als eingespeist wird, weil das Übertragungsnetz, das diesen Strom aufnimmt und verteilt, nach wie vor längst nicht so ausgebaut ist, wie es ausgebaut sein sollte. Das ist ein uraltes Thema und eines, das Regierungen aller Couleur verbockt haben. Ich kenne sehr große Solarparks, die seit deutlich über 10 Jahren nicht in vollem Umfang einspeisen können, weil es die Netzanschlusssituation nicht zulässt:
Stromnetz: Bei Sonnenschein wird die Solaranlage von Herrn Husemann abgeschaltet - DER SPIEGEL Vor dem Bau vergibt der Netzbetreiber eine Einspeisezusage, basierend auf der der Projektentwickler die Größe des zu errichtenden Projekts festlegt und das Projekt entsprechend errichtet. Diese Einspeisezusagen wurden in den o. g. Fällen - und werden vermutlich auch noch - mit Blick auf den geplanten Netzausbau am Anschlusspunkt vergeben. Bis der Ausbau umgesetzt ist, sind die Parks zu leistungsstark für das vorhandene Netz und müssen ggf. gedrosselt werden. Verzögerungen beim Ausbau kommen nicht zuletzt dadurch zustande, dass Einzelpersonen oder Bürgerinitiativen sich gegen den Ausbau wehren - selbst auf dem Land (z. B. in meiner alten Heimat), wo es genügend Platz und Möglichkeiten gäbe. Hier fehlt mir wirklich jegliches Verständnis, dass nicht konsequenter gehandelt werden kann, zumal jeder Einzelne von uns für die Entschädigungszahlungen, die für den nicht eingespeisten Strom fällig werden, mit aufkommt. Ich kann nachvollziehen, dass keiner von seiner Terrasse aus auf ein Umspannwerk gucken oder dem permanenten Surren lauschen möchte, aber dort, wo Platz - und Abstand - dafür ist, muss es doch im Sinne des großen Ganzen möglich sein, ein Umspannwerk oder eine Trasse hinzusetzen... Strom ja, unbedingt, aber nichts, was dafür gebraucht wird, vor meiner Tür funktioniert nicht... Und das ist definitiv kein Thema, das den Betreibern von Erneuerbare-Energien-Anlagen in irgend einer Weise anzulasten ist bzw. für das sie in irgend einer Weise Verantwortung tragen. Verantwortung trägt der Sektor Erneuerbare dagegen für die Weiterentwicklung von Batteriespeichern, und hier bin ich tatsächlich gespannt, welche Möglichkeiten sich hier künftig auftun werden.
Den Kritikpunkt Flächenauswahl (für Wind- und Solarparks) sehe ich ebenfalls. Idealerweise sollten Flächen genutzt werden, die nicht anderweitig genutzt werden können oder bei denen beides parallel möglich ist (Windräder auf Ackerflächen, Agri-PV). Ich betreue Solarparks, die auf Konversionsflächen errichtet worden sind, auf denen zum Teil wegen Bodenkontaminierung keine andere Nutzung möglich gewesen wäre. Das ist für mich der Idealzustand. Ich weiß allerdings, dass auch Ackerflächen unter bestimmten Voraussetzungen genutzt werden können, und das finde ich persönlich tatsächlich schwierig. Aus allen Projekten, die ich kenne, kann ich ungeachtet dessen sagen, dass jede Genehmigung umfangreiche verpflichtende Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für die Schädigung von Flächen in Verbindung mit der Errichtung und dem Betrieb enthält. D. h. wenn z. B. Bäume gefällt werden mussten, wurden an anderer Stelle, wo ggf. kein Park errichtet werden kann, neue Bäume gepflanzt oder andere Umweltmaßnahmen umgesetzt (Streuwiesen, Fledermausschutzmaßnahmen, Anlage von Tümpeln, Nistkästenbau und -pflege, etc.). Zu dem oben von
@Repugnance angesprochenen Beispiel für ein Projekt in einem Naturschutzgebiet finde ich sehr unterschiedliche und widersprüchliche Berichte im Netz. Z. B.:
Bis zu 240 Meter hoch - 18 Windräder im Reinhardswald genehmigt | hessenschau.de | Politik Das liest sich deutlich anders, so dass auch hier vermutlich eine Schwarz-Weiß-Betrachtung zu kurz greift.
Allerdings gehört wie beim Recycling auch hier für mich die Betrachtung der Alternativen zwingend dazu. Braunkohleabbau zerstört großflächige Landschaften, Dörfer inbegriffen, dagegen sind ein paar gefällte Bäume aus meiner Sicht die berühmten "Peanuts".... Atomstrom ist, wenn man das Thema Flächenauswahl betrachtet, mit Sicherheit vorne. Allerdings ist das Endlagerthema für mich der entscheidende Punkt dagegen.
Stichwort Preis - der Preis muss aus meiner Sicht unter Berücksichtigung aller Aspekte transparent und ehrlich berechnet werden. Dazu gehören für mich in Sachen Atomstrom die Endlagerthematik und in Sachen Braunkohleabbau die Landschaftszerstörung und -erneuerung. Ein sinnvoller Vergleich ist, solange das nicht geschieht, nicht möglich. Das ist für mich so eine Diskussion wie die um die Ticketpreise für Öffis oder für die Bahn. Da meinen viele reflexartig, das Auto sei ja so viel günstiger, aber die wenigsten rechnen in Sachen Auto mehr ein als den Sprit....
Stichwort Repowering - hier hatte ich bis dato noch keine konkreten Berührungspunkte, da "unsere" Projekte noch zu neu und weit entfernt von der Fragestellung sind. Allerdings geht es bei der Frage des Repowering für mich um weit mehr als um das Thema Wirtschaftlichkeit des Bestandsprojektes. Ein Bestandsprojekt kann dauerhaft wirtschaftlich sein, wenn die Finanzierung abgelöst ist und die Technik zuverlässig. Allerdings sind die Flächen, die idealerweise für Erneuerbare-Projekte genutzt werden sollten, bekanntlich begrenzt. Wenn also auf einer Fläche X durch Repowering ein Vielfaches an Strom produziert werden kann, ist das aus meiner Sicht eine Alternative, die nicht ignoriert werden sollte. Allein schon mit Blick auf die erforderlichen umfangreichen (Neu)genehmigungen, (Neu)verhandlungen von bestehenden Verträgen und Kostenrisiken (Inflation, Preissteigerungen bei Komponenten etc.) wird aus meiner Sicht niemand ein Repowering-Projekt bei einem solide laufenden Bestandsprojekt starten, wenn er nicht hinreichend sicher ist, dass die Performance danach signifikant besser sein wird.
Zusammenfassend bin ich, obwohl ich in der Branche arbeite, weit davon entfernt, Erneuerbare als Non-Plus-Ultra zu sehen. Ich sehe sie jedoch als die langfristig sinnvollste Variante an und wünsche mir insgesamt eine inhaltliche und keine polemische Debatte, die alle Facetten der vorhandenen Optionen einbezieht. Aber das scheint - nicht nur bei diesem Thema - zunehmend schwierig zu sein....