Natürlich nicht. Aber ein sehr wesentlicher. Meine Meinung zur Performance von Union Berlin und dem Pendel habe ich ja hinreichend dargelegt, weit vor dem Absturz. Aber zusätzlich zu diesem ganz normalen Vorgang kommt ein recht radikaler Mentalitätswechsel dazu und DER ist induziert oder manifestiert in den Transfers. Union hätte mMn. die Champions League für den Aufbau einer nachhaltigen Mannschaft nutzen sollen. Statt dessen holen sie Namen wie Volland, Bonucci, Gosens und andere. Damit entsteht eine Erwartungshaltung die nicht mal annähernd etwas zu tun hat mit dem Ziel erst mal 40 Punkte zu holen und dann mal weiter zu sehen (womit sie erfolgreich unterwegs waren). Eventuell ist dann noch durch den Saisonstart und Platz 1 etwas ins Rutschen geraten, eine Art Selbstverständlichkeit an sich selbst, ein Selbstläufer, gefühlt. In den letzten Jahren hätte man nicht nervös werden müssen, wenn es ein paar Wochen schlecht läuft. Das geht nun nicht mehr. So kommen viele kleine Dinge zusammen. Man ist nicht mehr der kleine eingeschworene Haufen, man macht nicht mehr mit der ersten Chance das Tor, sondern der Gegner macht das, man hat etwas zu verlieren, statt nur zu gewinnen und man kennt vor allem die Situation überhaupt nicht. Weder als Verein, noch vor allem als Trainer, der nämlich seit Jahren nur Erfolge feiert und nie eine Krise zu meistern hatte. Das ist, was ich im anderen Beitrag eingangs sagen wollte mit: Zu viel, zu schnell.
Wenn wir Unions Entwicklung zwischen 19/20 - 22/23 mit der von Werder 99/00 - 03/034 vergleichen, lässt mMn nach nicht davon sprechen, dass Unions Aufstieg auf die CL-Plätze "zu viel zu schnell" war. Denn obwohl die Ausgangspositionen sicherlich unterschiedlich waren - Werder als einer der Bundesligadinos war nur knapp dem Abstieg entronnen, während Union als Novize in der Bundesliga startete - waren beide jeweiligen Phasen waren geprägt von einem spürbar nachhaltigen Aufbau in der auch hier keiner nervös werden. wenn mal etwas für ein paar Wochen schief lief - auch nicht, als nach der Kalendermeisterschaft 2001 die Anzahl der Niederlagen sich wieder erhöhten. Bei uns war dies ein Prozess von 5 Jahren, bei Union dagegen "nur" 4 Jahre, so dass sich mMn nicht von einem "zu viel zu schnell" sprechen / schreiben lässt. Bei 2 Jahren wäre es etwas anderes.
Dass bei Union mit die CL-Teilnahme ein Mentalitätswechsel und eine gestiegender Erwartungshaltung induziert ist, ist auch keine Besonderheit, sondern eine logische Konsequenz, die auch bei uns zu beobachten war: am 22. Spieltag besiegte Werder als Tabellenführer den Tabellensechsten BVB im Weserstadion mit 2:0, wodurch der Abstand zum ersten Nicht-Europapokalplatz - Platz 6, auf dem der BVB stand - auf 18 Punkte anwuchs. Nur 3 Tage später, am 02.03.2004, gab Werder die Verpflichtung von Nationalspieler Miro Klose bekannt. Dies war seinerzeit der teuerste Transfer der Vereingeschichte und wurde somit zum eindeutigen Singal sich in Transfers widerspiegelnden Mentalitätswechsels: wir wollen (um deine Wortwahl aufzugreifen) nicht erst 40 Punkte erreichen, sondern wir haben das Selbstverständnis, oben in der Bundesliga mitzuspielen!
Unter Berücksichtigung dieser Parallelen ist nicht erkennbar, dass bei Union bis zum Erreichen der CL grundsätzlich Dinge signifikant falsch liefen. Denn sonst hätten sie es vermutlich niemals die CL erreicht.
Jedoch mit Beginn dieser Saison bzw. schon in deren Vorbereitung scheint bei Union das passiert zu sein, was uns im vorletzten Jahrzehnt widerfuhr und auch bei manch anderer "Emporkömmling" vor und nach uns zu beobachten war: im Erfolg werden die meisten Fehler gemacht:
Dem Mentalitäts- und Selbstanspruchwechsels nach oben hin - welcher per se nicht negativ ist - hat nach der Klose-Verpflichtung u.a. die Rückkehr von Frings sowie die Transfers Naldo, Diego, Mertesacker, Rosenberg, Carlos Alberto, Özil. Almeida, Sanogo und Marin zu Werder bewirkt, weil durch die CL und Transfererlöse das Geld dafür vorhanden war. Dementsprechend erscheinen die Union-Verpflichtungen u.a. von Gosens, Leite, Bonucci grundsätzlich schlüssig.
Die Kehrseiten dieses Mentalitäts- und Selbstanspruchwechsels waren bei uns jedoch u.a. dass parallel dazu Durchlass der seinerzeit noch vorbildlichen Nachwuchsförderung deutlich zurückging und in den Führungsgremien eine, Jahre später von KDF bestätigte, Selbstgefälligkeit herrschte, dass Erfolg nun eine Selbstverständlichkeit wäre. Dies kehrte den vorher noch positiven Mentalitäts- und Selbstanspruchwechsels ins Negative um, und wurde offensichtlich, als der Erfolgskurve tendenziell nach unten ging. Bei Union scheinen die gemachten Fehler ähnlicher Natur zu sein. Allerdings mit einem nach heutigem Ermessen signifikanten Unterschied. denn während bei uns zwischen zwischen der erstmaligen Qualifikation für die CL und dem Absturz mehrere Jahren lagen, passierte dies bei Union innerhalb weniger Wochen. Für die Erkenntnis, dass der Aufstieg von Union irgendwann ein Ende hat und es somit nach unten geht bzw. gehen kann, dafür braucht(e) man keine prophetischen Fähigkeiten. Überraschend sind jedoch Tempo und Intensität dieses Absturzes.