Ich bin mir ziemlich sicher, dass Schaaf den Spielern häufig predigt, wie sie sich offensiv, als auch defensiv zu verhalten haben. Einzig die Umsetzung passt absolut nicht.
...und da muss doch die Frage erlaubt sein, warum die Umsetzung nicht passt. Es ist ja nicht erst seit heute so, dass gewissermaßen die Umsetzung nicht passt. Ob die Verteidigung nun Ismael, Gefahrenhorst, Naldo, Pasanen, Mertesacker, ob die Raute nun aus Ernst, Baumann, Borowski, Frings, Micoud, Diego, Jensen etc.,etc. bestand, letztlich wird Jahr für Jahr aufs Neue über die Fehlerhaftigkeit in der Umsetzung diskutiert, besonders seit etwa 2006.
Natürlich erkennt Schaaf diese Mängel schon lange, natürlich gibt er nicht das vor, was dann oft dabei herauskommt. Ich denke aber, trotzdem er Mängel und Stärken seiner Spieler eindeutig kennt, in seiner Aufstellung in Bezug auf die Ausgewogenheit Defensive/Offensive falsch wertet.
Schaaf sagte einmal, ich glaube das war so 2000, in einem Kicker-Interview ,,ich will immer Spaß-Fussball!" und das trifft es bis heute in jeder Hinsicht. Aus vielen seiner Aussagen lese ich einiges heraus: ,,wir waren unglaublich naiv" sehr oft hieß es ,,individuelle Fehler" ,,Abstimmungsprobleme". So weit absolut richtig. Er spricht öfter an, dass er das nicht vorgegeben habe, er rügt diese Schwächen, erkennt also das Ausmaß. Warum aber, wiederholen sich diese Aussagen immer wieder? Weil er nicht erkennt, so meine Vermutung, dass es Spieler gibt, die trotz weniger filigranem Können eben defensive Stärken haben.
Als Micoud ging, bekam er Diego. Er bekam einen unheimlich lauf- und zweikampfstarken, fussballerisch excellenten Spieler, der in seiner Eigenschaft, Spiele entscheiden zu können, einfach einen hohen Wert für das Team besaß. Aber Diego war kein Spielmacher, er war auch kein Stratege, so wie es Micoud einzigartig verkörperte. Schaaf erkannte auch das richtigerweise, nicht ohne Grund sprach er oft von seinem ,,zentralen Spieler", aber nicht von seinem ,,Spielmacher". Doch die Schaaf`sche Grundphilosophie sieht nun einmal vor, einen Gegner mit Kombinationsfussball, mit hohem spielerischem Aufwand, mit individueller Klasse zu dominieren, ihn auf diese Weise zu bezwingen. Er hätte nun die Wahl gehabt, Diego als offensiven Mittelfeldspieler oder als hängende Spitze zu installieren. Was aber bedeutet hätte, evtl. einen Stürmer zu opfern. Dies wiederrum entsprach nicht seiner Vorstellung von offensivem Fussball, drum ließ er praktisch mit zwei Stürmern und einem weiteren hängenden Stürmer spielen. Und nährte somit quasi die Diskussionen um die ,,Rautentauglichkeit" seines Spielermaterials.
Mir fällt da stets der Vergleich TS mit Otto Rehagel ein. Otto hatte Andreas Herzog, der war auch kein Spielmacher, Rehagel erkannte das, deswegen spielte Herzog einen hängenden Linksaußen. Doch Otto legte schon in seiner Denkweise mehr Wert auf die ,,kontrollierte Defensive".
Ähnlich sehe ich das nun mit der Doppelsechs. TS hatte die Wahl in der Offensive zwischen Marin, Özil, Borowski, er hätte in diesem Fall einen draußen lassen müssen. Da Borowski nun ganz klar der bessere Fussballer als Vranjes oder Niemeyer ist, glaubte TS, es wäre am sinnvollsten, ihn einfach nach hinten zu schieben. Schaaf will immer möglichst 11 gute Fussballer, technisch versierte Akteure auf dem Platz sehen. Aber ich glaube, er unterschätzt dabei unbewußt die defensiven Stärken einiger seiner Spieler, die eben weniger die grossen Techniker sind. Daher agiert ein Borowski auf der Sechser-Position obwohl Stellungsspiel, Zweikampfführung und Antizipieren noch nie zu dessen Stärken zählten und bereits in der Raute bedingt Probleme verursachten. Aber gerade die Stärken eines Niemeyer hätten wir in so einem Spiel wie gegen Frankfurt gebrauchen können. Ausserdem überfordert TS Timbo, so wie gegen Frankfurt, der sich somit einiges an Frust abholt, weil ihm Dinge auferlegt werden, die er nicht zu leisten vermag. Frage: Muss das unbedingt sein?
Auf diese Weise hebelte TS unbewußt sein eigenes Vorhaben aus, mit einem neuen System etwas defensiver agieren zu können.
Allerdings ist Fussball auch nur in einem gewissen Maß berechenbar. Es war - wieder einmal - der Spielverlauf, der TS und seiner Auffassung vom Fussball einen Strich durch die Rechnung machte. Hätte Frankfurt nicht gleich den ersten Angriff eingenetzt und wäre Werder in Führung gegangen, oder wären die zwei Pfostentreffer drin gewesen,
was dann? Höchstwahrscheinlich hätte sich Werder dann in den typischen Rausch gesteigert, Borowski hätte vielleicht Zweikämpfe gewonnen, die er andernfalls nicht gewonnen hätte, mangelndes intelligentes Spiel im Raum hätte sich möglicherweise im Rahmen des Offensiv-Spiels ,,egalisiert". Und TS hätte mit seiner Doppelsechs kaum in der Kritik gestanden, denn dann ist Schaaf`s Philosophie und Taktik plötzlich legitim, würde aber für einen verklärten Blick auf tatsächlich vorhandene Schwächen sorgen.
Ebenso wenig sollte ein einziges verlorenes Spiel als Maßstab gelten, dass alles grundsätzlich nicht funktionieren kann und schon gar nicht darf das allein ein Anlass sein für eine neuerliche Trainer-Debatte.
Fast jedem Mensch dieser Erde fällt es sehr schwer, von seinen Idealvorstellungen abzurücken. Es sei denn, gewisse Umstände wie öffentlicher Druck, Erfolgswillen, Karrierezwang bringen ihn dazu. Und da das alles bei Werder allein schon im Umfeld weniger der Fall ist, gibt es auch schneller eine Rückkehr in alte Fehler. Als im Februar 2008 ob solcher Ergebnisse wie dem 3:6 in Stuttgart, die ,,Ausgekonterten" flächenmedial wurden, spielte Werder nachfolgend plötzlich effektiver und defensiv-konstruktiver, errang damit noch wichtige Resultate, die zur CL-Quali reichten. Genauso letzte Rückrunde. Auch da gelang es Schaaf durchaus, ,,anders" spielen zu lassen, weil der Druck dann doch grösser war. Es ist also möglich.
Im übrigen denke ich, dass Werder nach den ersten drei verkorksten Spielen noch eine starke Serie bis Weihnachten hinlegen wird. Unter Berücksichtigung der wahrscheinlich schlechten Ergebnisse von Februar/März 2010 und einem starken Schlussspurt glaube ich, dass Werder am Ende ganz sicher unter den ersten fünf landet. Das wiederrum ist auch eine Vorraussetzung des Glaubens an Thomas Schaaf, dass allen ,,üblichen und chronischen" Problemen zum Trotz doch immer wieder irgendwas bei rumkommt.
Frings/ Boro: Erste Priorität: Mittelfeld zustellen und dem Gegner die Räume eng machen. Bei eigenem Ballbesitz: Spiel versuchen zu gestalten.
Eben genau das meinte ich mit ,,überfordern".
Da haben wir denke ich unterschiedliche Spiele gesehen. Die Sieg für die Eintracht war nicht unverdient, die einzige Phase in der wir ein wenig Druck gemacht haben, war die Phase kurz nach der Halbzeit bis zum Gegentor. Und in dieser Druckphase ging alles ziemlich einfallslos nur über Marin und Özil, die abwechselnd mit Einzelaktionen glänzten. Wir hatten im kompletten Spiel nur eine einzige, kleine, herausgespielte Stürmerchance (Die für Sanogo, nach schönem Pass Özil)! Das ist selbstverständlich viel zu wenig. Nach dem 2:3 ging bei uns dann überhaupt nichts mehr und die Eintracht war näher am 2:4 als wir am Ausgleich. In Halbzeit 1 war das Spiel insgesamt ziemlich ausgeglichen, die Eintracht hatte aber die besseren Chancen gegen unsere quasi kaum vorhandene Abwehr. Zudem wirkte das Spiel der Eintracht viel organisierter und geordneter.
Nein, Du hast mich falsch verstanden. Ich wollte eigentlich ausdrücken, dass eine indiskutable Leistung nicht allein darauf zurückzuführen ist, dass die Spieler nicht wollen. Werder hatte wie gehabt sehr viele Ballbesitz, ein Übergewicht an Chancen und Torschüssen. Doch es war wieder einmal kein intelligenter Aufwand und es fehlte das Glück. Warum es nicht funktioniert haben könnte, dafür habe ich gerade oben einen Ansatz geliefert.