Ich schließe nicht aus, dass es Menschen gibt, die zu früh aufschreien oder sich über diese Schiene eine kleine Auszeit gönnen. Die große Schwierigkeit besteht jedoch - und das ist meine persönliche Erfahrung - darin, zu erkennen, bis wann es Gejammer ist und ab wann definitiv ernst zu nehmen, weil der Übergang vom einen zum anderen absolut fließend ist.
Vor vielen Jahren habe ich ein Projekt geleitet, das zu herausfordernd für mich war, weil mir die nötige Erfahrung fehlte und weil die Teamunterstützung unzureichend war. Meine wiederholten "Hilferufe" an meinen damaligen Vorgesetzten blieben ungehört. Ich kann nur vermuten, dass er sich - auch mit Blick auf die damals tatsächlich extrem dünne Personaldecke - dachte "die hat immer alles geschafft, also schafft sie das auch schon irgendwie". Ich habe es so lange versucht, bis mein Körper mich brutal gestoppt hat. Die Erfahrung, komplett unerwartet morgens - und de facto den ganzen Tag - nicht aufstehen zu können, weil gar nichts geht, gönne ich niemandem. Bis zu diesem Moment hätte ich nie gedacht, dass mein Körper derart komplett streiken und mich derart beherrschen kann. Für das, was ich erlebt habe, finde ich den Begriff "Burn Out" absolut treffend.
Ich habe meinem Arbeitgeber nach meiner Krankschreibung klar kommuniziert, dass ich erst zurückkommen kann, wenn das Projekt anders strukturiert worden ist. Mein großes Glück war, dass meine offene Kommunikation angekommen ist. Auf einmal war eine Neuaufstellung des Teams möglich, und ich konnte nach einer relativ kurzen Krankheitsdauer das Projekt mit gezielter Unterstützung weit entfernt von stressfrei, aber mit einer für mich tragbaren Arbeitsbelastung erfolgreich beenden.
Nach wie vor finde ich es schlimm, dass es soweit kommen musste, obwohl ich vorher meine Grenzen aufgezeigt hatte. Allerdings hat sich zumindest mich betreffend nachhaltig etwas getan. Ich arbeite bis heute im selben Unternehmen, und wenn ich in der Folgezeit - bei unterschiedlichen Führungskräften - "Stopp" gesagt habe, weil ich merkte, dass ich an meine Grenzen kam (die ich seit dem Vorfall viel besser kenne), wurde das immer akzeptiert, und es wurden Lösungen gesucht und gefunden. Mir ist bewusst, dass das - leider - nicht selbstverständlich ist, und das rechne ich meinem Arbeitgeber sehr hoch an.
Personal ist ein erheblicher Kostenfaktor, so dass überall auf Biegen und Brechen optimiert und eingespart wird. Gerne unter dem Schlagwort "Digitalisierung", wobei die Leute eher weg sind als dass die Digitalisierung umgesetzt wurde. Folglich wächst die Arbeitsbelastung für jeden Einzelnen, bis ein Punkt erreicht wird, der nicht mehr tragbar ist. Und da,
@Lübecker, wage ich die These, dass Du, wenn Du jetzt schon im Ruhestand bist, zu einem erheblichen Teil zu Zeiten gearbeitet hast, in denen diese Optimierung noch nicht in so einem Maße forciert wurde.
Ich finde es, wenn ich auf die Personaloptimierungen, die ich mit jetzt > 20 Jahren Berufserfahrung miterlebt habe, nicht überraschend, dass das Phänomen der Überlastung stark zunimmt, ob man es jetzt Burn Out oder anders nennt. Und das liegt aus meiner Sicht nicht vorwiegend daran, dass ArbeitnehmerInnen heute weniger belastbar sind.