Der große Unterschied zwischen Dänemark und Deutschland scheint für mich zu sein, das in Dänemark die Menschen von Anfang an das Vertrauen in die Regierung hatten diese Situation händeln zu können. Das war hier von Anfang an sehr schwierig. Man kann eigentlich nur spekulieren woran das genau liegt. Eine meiner Vermutungen ist das es in Deutschland allgemein schon vorher eine große Unzufriedenheit mit der Regierung gab.
Ja, es ist sehr spekulativ. Und ja, ich sehe auch einen kausalen Zusammenhang zwischen der Unzufriedenheit in der hiesigen Bevölkerung vor Corona und der Unzufriedenheit wegen Corona. Aber haben wir als Wahlvolk uns das nicht selber eingebrockt? Auch hier ein Ja. Weil wir in der Gesamtheit unserer Gesellschaft offensichtlich zu bequem geworden sind, unseren Unmut - selbstverständlich ohne Pöbeleien und Krawallen von linken und rechten Extremisten - zu äußern. Und somit die Politik, d.h. nicht nur die jeweiligen Regierungen, sondern auch die Oppositionen, dazu zu bewegen, im Interesse der Menschen zu handeln, von denen sie gewählt werden. Ein kluges Pferd springt nur so hoch, wie es springen muss. Wo war denn z.B. der öffentliche Protest unserer Gesellschaft beim multiplen Organversagen des Staates beim NSU-Terror, wo die Politik es zuließ, dass die Polizei voreingenommen ermittelte, die Geheimdienste vieles vertuschten und die Justiz kaum jemanden zur Rechenschaft zog, so dass nicht nur viele Fragen auch von den Angehörigen der Opfer offen blieben, sondern damit auch den Rechtsextremisten suggeriert wurde, dass sie kaum harte Strafen zu befürchten haben? Die Folgen dessen spüren wir in der Gegenwart. Sei es der Mord an Walter Lübcke oder der Vehemenz der rechtsradikalen Querdenkerbewegung, für die Corona ein ideales Werkzeug für ihr demokratiefeindliches Denken und Handeln ist.
Wenn wir mit der Politik nicht zufrieden sind, müssen wir uns auch an unsere eigene Nase fassen. Nicht nur bei Corona, sondern generell.
In Dänemark gehe ich davon aus, das das nicht so der Fall ist/war.
Oberflächlich betrachtet ja. Hinter der Fassade ergibt sich jedoch ein anders, um nicht zu sagen erschreckendes Bild. Erschreckend in Hinblick auf den Preis für diese Zufriedenheit. Die Schlüsselrolle nimmt dabei die Dansk Folkeparti (DF) ein. Diese zählt, trotz konservativer und auch sozialdemokratischer Elemente als rechtspopulistisch. Die Unzufriedenheit der dänischen Bevölkerung über die etablierten Parteien sorgte dafür, dass die rechtspopulistische DF bei der Wahl 2015 mit 21,1% der Stimmen zweitstärkste Kraft im Folketing (dem dänischen Pendant zum Bundestag) wurde. Nur mal so zum Vergleich: die AfD erreichte 2 Jahre später "nur" 12,6% 2019 stürzte die DF zwar auf 8,8% ab,
was in der Süddeutschen Zeitung seinerzeit wie folgt dargestellt wurde:
Denn das Rezept, mit dem die etablierten Parteien die Volkspartei hier wieder auf Zwergenmaß stutzen ist ein gefährliches: Sie kopieren einfach große Teile ihrer Agenda. Sie machen die Rechten überflüssig, indem sie selbst in der Ausländer- und Flüchtlingspolitik nach rechts rücken [...]Die Niederlage der Rechtspopulisten am heutigen Mittwoch ist also eigentlich die Folge eines großen Triumphes: Mit ihrer immer engstirnigen, manchmal absurden und bisweilen unmenschlichen Agenda haben sie alle anderen angesteckt und Dänemark ein Stück weit nach ihrem Bilde geformt.
Somit wurde eine gewisse Zufriedenheit in der dänischen Bevölkerung generiert. Allerdings zu dem Preis, dass das Image von Dänemark als Hort von Liberalität und Weltoffenheit beschnitten wurde. MMn ist das ein ziemlich hoher Preis.
Ebenfalls zu berücksichtigen ist, dass das mangelnde Vertrauen in die Regierung / die etablierten Partien in Deutschland sowohl allgemein als auch bei Corona Voraussetzungen für Stimmenzuwachs sowohl bei der AfD als auch bei den Linken bot. Doch hinter der Union gehörten diese beiden Parteien zu den Verlieren der Bundestagswahl 2021. Das lässt denn Schluss zu, dass die Unzufriedenheit in der Bevölkerung über die etablierten Parteien ggf. doch nicht so hoch ist, wie man es selbst empfindet. Aber wie du schon treffenderweise geschrieben hast, es ist sehr spekulativ.