@PrinzHF: Das ist jetzt ein wenig Offtopic, aber ich hoffe es bleibt dennoch lange genug stehen (oder wird zumindest nur verschoben und nicht gelöscht) um zu erklären was ich meinte.
Die ursprüngliche Aussage von Mumm lautete:
'Jedes Volk hat die Berichterstattung, die es verdient.'
Und darauf die Antwort von opalo
'Ich hoffe sehr, Du hast das ironisch gemeint (ich sehe den Smiley nicht, danke Werder...), denn in diesem Land leben zumindest nach meiner Wahrnehmung keine 80 Millionen Idioten'
Und dann mein Kommentar:
'Es leben zumindest genug Idioten(sic) in diesem Land, die freie Presse als "frei von Kosten" begreifen.'
Ich denke, sowohl du als auch opalo habt hier etwas in den falschen Hals bekommen (woran ich mitschuldig bin weil ich, gerade am Handy, gerne verkürzt schreibe).
Zunächst mal will ich das mit den Idioten noch mal klarstellen weil du hier noch mal betonst:
'es ist schon ein "sich über andere stellen'
Ich habe ganz bewusst ein "sic" hinter Idioten geschrieben um zu betonen, dass ich hier explizit die Wortwahl von opalo übernehme und dies nicht meine ist. Das war übrigens als Seitenhieb in Richtung
@opalo dedacht, weil ich die Formulierung in dem Kontext grenzwertig fand. Aber ich muss einsehen, dass das nicht so richtig funktioniert hat. Warum war das ein Seitenhieb an
@opalo? Weil ich mich selber überhaupt nicht ausnehme und ich bezeichne mich nur selten selbst, und wenn dann ungern, als Idioten.
Zum Thema: Ich vermute wir sind beide (wie wohl die meisten hier) in einem Alter, dass wir den Aufstieg digitaler Medien, mehr oder weniger jung, miterlebt haben. Ich zähle dazu nicht nur den hier diskutierten Journalismus, sondern zb vor allem auch Musik und Film. Den freien (illegalen) Zugang zu Musik habe ich damals hemmungslos ausgenutzt (Napster, Astalavista, eDonkey, eMule, Torrents, etc. pp.). Und ich kann mich noch gut an die Hilflosigkeit der Film- und Musikindustrie erinnern die dem Aufstieg der digitalen Medien nur mit Klagen und Prozessen etwas entgegen zu setzen hatten. Und dann aber, ganz langsam, haben sie und auch ich (wir alle) gemerkt: Es ist eigentlich gar nicht so sehr der kostenfreie Zugang sondern viel mehr die Verfügbarkeit. Und für die Verfügbarkeit, in Kombination mit Qualität, zahlen die Menschen dann auch gerne. Bühne frei, Auftritt Netflix, Spotify und Co. Eine interessante Entwicklung der jüngeren Zeit: Ich ertappe mich wieder selber dabei meinen jdownloader zu entstauben weil es mittlerweile gefühlt 25 unterschiedliche Streamingplattformen mit 25 unterschiedlichen Abo-Modellen gibt. Habe ich kein Bock drauf. Thema Verfügbarkeit.
So, warum nun dieser Ausflug? Weil es beim Journalismus auch so abläuft, nur mit einer gewissen Verzögerung. Das erscheinen digitaler Medien hat die alten Verlagshäuser in große Schwierigkeiten gebracht. Große Teile klassischer Informationsverbreitung begannen sich online zu verselbstständigen. Die Werbeeinnahmen im klassischen Print fallen ins Bodenlose, die Bedeutung von Online-Werbung als Einnahmequelle wird immer wichtiger. Werbegelder aber fließen nur gegen Click, Click erfordert Reichweite und Aufmerksamkeit, wie bekommt man die? Genau, die gute alte Schlagzeile. Das Fett gedruckte auf Seite 1. Der Begriff Clickbait ist geboren, die Schlagzeile nur um der Schlagzeile willen, Geschwindigkeit über Qualität, alles muss immer und überall schnell und vor allem: Kostenlos verfügbar sein. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei die Qualität auf der Strecke bleiben muss. Und alles das was ich hier jetzt schreibe, hat Mumm eingangs frei zitiert, mit dem Volk und der Berichterstattung, die sie verdient. Mittlerweile passen sich auch die großen Verlagshäuser an bzw. beginnen damit. Vor etwa 10 Jahren hat die New York Times, als Reaktion auf das immer weiter fallende Anzeige- und Printgeschäft, angekündigt für ihre digitalen Inhalte Geld zu verlangen. Heute verdient die NYT damit mehr Geld als mit ihrem klassischen Geschäft, sie haben die Transformation geschafft. In Deutschland hat mittlerweile jeder größere Verlag große Teile seiner Inhalte hinter Paywalls verlegt. Das muss, genau wie du sagst, nicht immer gut sein. Aber es spült Geld in die Kassen und finanziert damit, hoffentlich, auch qualitativ hochwertige Recherchen. Der Gewöhnungsprozess läuft noch, die Onlineabos sind sicher noch einiges entfernt von dem wie es sein müsste. Ich zb gehöre zu den "genug Idioten(sic)" ohne Abo. Ich spende für zwei Nachrichtenplattformen und zahle manchmal freiwillig bei einer weiteren. Aber als Leser zb der ZEIT (ich hatte mal ein Print-Abo) habe ich gemerkt, dass die Artikel fast immer erst frei verfügbar sind ehe sie hinter die Schranke verschwinden. Also wozu zahlen? Tja, und hier ramme ich mir natürlich selber das Messer in den Rücken bzw. verspiele meinen Anspruch diesen Teil des Journalismus noch groß zu kritisieren. Ich könnte ja auch (mehr) dafür bezahlen....
Den ÖRR habe ich als "kostenlos" bezeichnet, da es keinerlei Handhabe darüber gibt, da Geld abzudrücken oder eben nicht.
Ja die Intention ist mir schon klar. Es bleibt nur trotzdem ein schlechtes Beispiel weil eben genau der ÖRR ein Beispiel dafür ist, was man mit Geld so alles machen kann. Die haben halt nicht den Zwang Content künstlich zu produzieren (was nicht bedeutet, dass einem dort alles gefallen muss. Im Gegenteil. Ist halt ein breites Angebot).
Hast du ein Beispiel für folgendes Szenario:
Nein, habe ich nicht. Das liegt einfach daran, dass ich nie danach gesucht habe. Aber du hast da trotzdem einen Punkt, denn mit "Kompliziert oder Paywall" habe ich dann doch zu stark verkürzt, ohne jetzt mal geprüft zu habe ob zb bei destatica die Information verfügbar wäre, die
@opalo beispielweise sucht. Ich würde es aber bezweifeln, denn wozu sich die Mühe machen eine quasi irrelevante Information aufwändig aufzubereiten? Also die Antwort auf:
'Den Promillsatz, wenn überhaupt, an Personen mit erheblichen Nebenwirkungen - und den noch geringeren Satz an Personen, die gestorben sind'
@opalo selbst schreibt von "promill, wenn überhaupt". Hier wird also etwas "erwartet", was nach eigener Beschreibung mglw. gar nicht existiert.
'Ich meine tatsächlich nackte Zahlen, keine ausufernde Prosa. So, wie man sie in jedem Beipackzettel findet: 1 von 1000 bekommt x, 1von 10000 y.'
Hier gibt es nackte Zahlen, ohne Paywall im übrigen:
Schmerzen an der Injektionsstelle: 77,8 % in der Verumgruppe vs. 11,7 % in der Kontrollgruppe
Müdigkeit: 59,4 % Verum vs. 22,8 % Placebo
Kopfschmerzen: 51,7 % vs. 24,1 %
Muskelschmerzen: 37,3 % vs. 8.2 %
Schüttelfrost: 35,1 % vs. 3.8 %
Gelenkschmerzen: 21,9 % vs. 5,2 %
Und dazu die Primärquelle:
https://www.fda.gov/media/144245/download
Neuer und kompakter:
Melderate pro 1000 Impfungen Durchschnitt Comirnaty
(Biontech/Pfizer) Spikevax
(Moderna) Vaxzevria
(AstraZeneca) Janssen
(Johnson & Johnson)
insgesamt 1,5 1,1 2,6 3,3 1,7
schwerwiegend 0,15 0,1 0,1 0,4 0,1
Und dazu die Quelle:
https://www.aponet.de/artikel/ein-monat-corona-impfung-diese-nebenwirkungen-traten-auf-22955
Natürlich darf das Paul-Ehrlich-Institut nicht fehlen (Summary + 34 Seiten PDF):
Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) berichtet über 106.835 aus Deutschland gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung mit den mRNA-Impfstoffen Comirnaty (BioNTech Manufacturing GmbH), Spikevax (früher COVID-19-Impfstoff Moderna, MODERNA BIOTECH SPAIN, S.L.), den Vektorimpfstoffen Vaxzevria (AstraZeneca AB) und COVID-19-Impfstoff Janssen zum Schutz vor COVID-19 von Beginn der Impfkampagne am 27.12.2020 bis zum 30.06.2021. Bis zum 30.06.2021 wurden laut Angaben des Robert Koch-Instituts 74.871.502 Impfungen durchgeführt, davon 54.898.640 Impfungen mit Comirnaty, 6.471.052 Impfungen mit Spikevax, 11.570.155 Impfungen mit Vaxzevria und 1.931.655 Impfungen mit dem COVID-19-Impfstoff Janssen. 49.735 Verdachtsfälle wurden zur Impfung mit Comirnaty gemeldet, 14.153 Verdachtsfälle zu Spikevax, 39.398 Verdachtsfälle zu Vaxzevria und 3.061 Meldungen zum COVID-19-Impfstoff Janssen. In 488 gemeldeten Verdachtsfällen wurde der COVID-19-Impfstoff nicht spezifiziert. Die Melderate betrug für alle Impfstoffe zusammen 1,4 pro 1.000 Impfdosen, für Meldungen über schwerwiegende Reaktionen 0,1 pro 1.000 Impfdosen gesamt.
tl;dr: Manche Dinge, gerade wenn sie extreme Randfälle betreffen, muss man sich einfach selber suchen. Es rechnet sich für die Medien einfach nicht, auch die allerletzte mögliche Leserin zu befriedigen. Der Mehrwert für das Unternehmen wird asymptotisch sein, die Kosten hingegen exponenziell (wie das immer so ist, wenn man das letzte bißchen Leistung rauskitzeln will, vergl. Neuanschaffung bei Hobbys

). Meine Antwort ist etwas eskaliert und in Etappen entstanden (blöde Arbeit immer...), ich hoffe es ist trotzdem irgendwas sinnvolles bei dir angekommen, falls du meinen Unsinn bis hierhin ertragen konntest
