Okay, vielleicht war das etwas hart so kurz nach Transferschluss. Darum noch einmal ausführlicher:
Frank Baumann ist für mich eine Werderlegende. Ein großartiger und stets unterschätzter Spieler, der Kapitän der besten Werderelf, die ich je sehen durfte. Wenn ich an ihn denke, werde ich immer zuerst daran denken, wie er 2004 Schale und Pokal in die Luft riss oder 2009 das legendäre Papierkugeltor in Hamburg machte. Alleine bei dem Gedanken wird mir warm ums Herz. Dazu mag ich ihn auch menschlich sehr gerne und hatte mich lange in die Fantasie verguckt, dass die beiden Sympathieträger und Vollblutwerderaner Kohfeldt und Baumann zusammen eine kleine Ära starten. Unangebracht finde ich Beiträge, die ihm unterstellen, nur an seinem Stuhl zu kleben, weil es ihm um ihn selbst gehen würde. Ich bin fest davon überzeugt, dass es ihm um Werder geht und das er in seiner Tätigkeit als Geschäftsführer stets und ausschließlich zu Werders bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. (Ähnlich übrigens wie Bode und Kohfeldt, die man fachlich hart kritisieren kann, aber deren Intention, im Sinne Werders zu handeln, für mich außer Frage standen und stehen.) Daher bin ich ihm auch ehrlich dankbar für seinen Einsatz. Wer meint, dass ihm Werder egal ist, soll sich mal die Interviews mit Baumi nach Heidenheim oder nach dem Abstieg anschauen. Baumi hängt mit ganzem Herzen an Werder.
Trotzdem muss man nüchtern einfach feststellen, dass seine Arbeit - nach zwei ersten guten Saisons - einfach nicht den Ansprüchen genügt. Die Fehlentscheidungen 2019 wirken sich bis heute aus und auch die Transferperioden danach waren mit wenigen positiven Ausreißern enttäuschend. Letztes Jahr war der Kardinalfehler, Davy abzugeben, ohne Ersatz zu holen. Dieser Fehler und das insgesamt zu schwach besetzte Mittelfeld war maßgeblich für den ersten Abstieg nach Jahrzehnten. Diesen Sommer hat Baumann, der bereits 2020 nach Heidenheim eine zweite Chance bekommen hatte, wieder die Gelegenheit bekommen, etwas gerade zu biegen. Sicherlich keine einfache Aufgabe und bei der wirtschaftlichen Konsolidierung ist ihm durchaus ein guter Job gelungen. Gerade bei Sargent und Rashica hätte ich mir keine so hohe Ablöse erhofft. Das erkenne ich an. Ebenso finde ich es - bei allem Zweifel an der sportlichen Sinnhaftigkeit - respektabel, dass Baumann (vll. zusammen mit Anfang) gestandene Spieler wie Fassnacht oder Weiser davon überzeugen konnten, in der 2. Liga für Werder zu spielen.
Fatal finde ich aber, dass wieder keine richtige Strategie erkennbar ist. Ich finde aus der Riege Weiser, Rapp, Ducksch, Alassé, Mai, Jung niemanden als Spieler schlecht und jeder einzelne Transfer hat an und für sich seine Vorzüge. Das Problem ist die Zusammenstellung des Kaders. Dabei missfällt mir zum einen, dass die Prioritäten mMn falsch liegen. In den letzten beiden Saisons und insbesondere in der letzten nach dem Klaassen-Abgang war die größte Problemzone das Mittelfeld. Ich habe erwartet, dass die sportliche Leitung das anerkennt und uns dort passende Spieler sucht. Stattdessen kam nur Rapp (den ich wirklich gut finde), während aber Möhwald und Maxi gingen. Letztlich wurde also ein ohnehin schon so dünnes Mittelfeld noch weiter ausgedünnt, während man nun mindestens einen Innenverteidiger mehr als notwendig im Kader hat. Ich glaube sogar, dass Werder mit Rapp und Groß in der Stammelf erfolgreich sein könnte. Aber was machen wir, wenn sich einer der beiden verletzen sollte oder sich eine Sperre einfängt? Mein Vertrauen in Mbom und Gruev als Backups ist da zu begrenzt, um darauf zu hoffen, dass wir einen Ausfall auffangen könnten.
Zum anderen fehlen mir die Mehrwertspieler. Die Neuzugänge sind mit Ausnahme von Park, der bisher keine Rolle im Profiteam spielt und Mai, der ohnehin nur ohne Option geliehen ist, bereits in einem mittleren bis höheren Fußballeralter. Da sie überwiegend gestandene Spieler sind, dürften sie für Zweitligaverhältnisse ordentlich verdienen. Gleichzeitig sollte man nicht damit rechnen kann, dass sie ihren Wert noch groß steigern werden, zumal in der 2. Liga. Wir werden aber auch in den nächsten Jahren darauf angewiesen sein, Ablösen zu generieren. Der qualitativ außer Frage stehende Weiser könnte aber jetzt einen der wenigen jungen Mehrwertspieler verdrängen (je nachdem wo er spielt vielleicht Agu, wahrscheinlicher aber Schmid). Das finde ich zumindest kritisch, denn wir dürfen nicht nur an die aktuelle Saison denken, sondern müssen auch schon jetzt vorausschauend gucken, wie wir uns kommende oder übernächste Saison sportlich und finanziell aufstellen könnten
Ganz besonders stört mich bei allem aber, dass ich keine klare Strategie erkenne. Baumann hat in der Vergangenheit vielfach interessante Spieler für Schlüsselpositionen aufgespürt und versucht, sie zu verpflichten. Das Anfragen ist völlig legitim, aber oft hat man sich dem äußeren Bild nach über Wochen hinhalten lassen und Zeit verloren, bevor man dann doch einen Korb bekam. In der Zwischenzeit hatten dann andere passende Alternativen bereits andere Vereine gefunden und wir standen wieder mit leeren Händen da. Am bittersten ist für mich dabei die Personalie Aursnes. Grundsätzlich stark, dass Baumann und co ihn im Blick hatten und dem Vernehmen nach ja durchaus von einem Engagement bei Werder begeistern konnten. Warum es letztlich gescheitert ist, kann ich natürlich als Außenstehender nicht sagen. Fakt ist aber, dass Aursnes zu einem Zeitpunkt nach Rotterdam wechselte, als Möhwald und Maxi noch bei Werder spielten (kurz nach dem Düsseldorf-Sieg). Jetzt kommt der Wunschspieler nicht, später gehen noch zwei als Stammkräfte eingeplante Mittelfeldspieler und es kommt einfach gar kein Ersatz? Was ist das für eine Planung? Dass Aursnes absagt, ist halt so. Aber dann erwarte ich von unseren Verantwortlichen, Plan B und danach ggf. Plan C abzuklappern. Gar nichts auf der Position zu tun, obwohl offensichtlich Bedarf besteht und stattdessen Upgrades auf Positionen anzustreben, auf denen wir für Zweitligaverhältnisse bereits akzeptabel besetzt sind (--> Fassnacht), finde ich da nicht nachvollziehbar. Wenn nicht genug Kohle da ist, um, überhaupt einen Sechser zu holen, ist das bitter, aber ich kann es hinnehmen. Wenn wir dann aber dem Vernehmen nach mehrere Millionen für Fassnacht bieten, lässt mich das verständnislos zurück. Da stimmen die Prioritäten meiner Meinung nach nicht. Dass man Möhwald zu einem nicht allzu berauschenden Preis zu Union gehen ließ, ohne einen Ersatz in der Hinterhand zu haben, werde ich wohl nie verstehen können.
Insofern sage ich gar nicht, dass Baumann hier eine ausnahmslos miese Transferphase hingelegt hätte. Aber trotz einzelner positiver Aspekte bin ich der Meinung, dass da mehr möglich gewesen wäre und erhoffe mir daher, dass wir einen neuen Geschäftsführer Sport finden, der es besser machen wird.
Ich glaube übrigens sogar, dass Baumann als Geschäftsführer sogar einen ordentlichen Job machen könnte, wenn er einen starken und guten Kaderplaner neben sich hätte. Als er das nämlich mit Tim Steidten hatte, fand ich Baumanns Arbeit sehr überzeugend. Transfers von entwicklungsfähigen Spielern aus kleineren Ligen wie Pavlenka, Delaney, Ludde oder Rashica haben uns nach vorne gebracht. Der Fall kam, als man sich nach Steitens Abschied auf ältere und erfahrenere Spieler aus Deutschland konzentrierte. Gerade aus dem Grund wäre es auch falsch, Baumann als Bauernopfer jetzt abzuschießen und einfach zu hoffen, dass es mit einem neuen Mann schon besser wird.
Ich erhoffe mir, dass der neue Aufsichtsrat als erstes nach seiner Konstituierung eine Strategie entwickelt, wo man als Werder Bremen hin will und wie man dieses Ziel erreichen kann. Danach sollte man genau schauen, wie man die neue sportliche Leitung sinnvoll personell und strukturell aufstellt. In dem Zusammenhang sollte man mMn auch dringend Fritz Posten neu besetzen (obwohl ich auch Clemens als Spieler sehr mochte BTW). Ich sehe in der Besetzung seiner Stelle – soweit ich das von außen überhaupt beurteilen kann - tatsächlich das größere Problem als in der Geschäftsführung. Ich sehe bei Fritz weder in seinem Werdegang noch in seiner bisherigen Arbeit, was ihn für seine anspruchsvolle und wichtige Aufgabe qualifiziert.
In meiner Wunschvorstellung bleiben unsere Mittelfeldspieler fit, wir kommen gut durch die Saison und der riskant zusammengestellte Kader schafft es wirklich, den direkten Wiederaufstieg zu erreichen. Dann würde ich gerne Baumann und Fritz - dann nicht mehr in ihren aktuellen Jobs bei Werder - lächelnd auf der Aufstiegsfeier in Bremen sehen.