Natürlich wäre es dilettantisch, würde Werder Ehemaligen wichtige Jobs allein auf Grund ihrer Verdienste zuzuschustern, obwohl sie dafür nicht geeignet sind. Wenn man mal versucht sich davon zu lösen, wahllos und destruktiv alles lachhaft und erbärmlich zu finden, was bei Werder passiert und hinter jeder Handlung eines Verantwortlichen des Vereins eine Verschwörung zu wittern, kann man aber auch zu der Einschätzung kommen, dass die Verantwortlichen den Posten des Technischen Direktors mit Thomas Schaaf besetzt haben, weil sie ihn für eine gute Wahl auf der Position halten.
Thomas Schaaf war als Jugend- und Profispieler, als Jugend- und Cheftrainer mehr als 40 Jahre in verschiedener Position bei Werder tätig und hat daher aus verschiedener Perspektive Einblicke in die Abläufe und Bedingungen des deutschen Profifußballs im Allgemeinen und bei Werder Bremen im Speziellen sammeln dürfen. Anschließend war er bei zwei weiteren, strukturell sehr unterschiedlichen Vereinen als Bundesligatrainer tätig. Zudem arbeitete er jahrelang für die UEFA, unter anderem im Rahmen von Trainerausbildungskursen und europaweit als Technical Observer. Im Rahmen der Beobachtertätigkeit sollte er für den Europaverband Trends in der Entwicklung von Spielsystem und Taktik analysieren. Weder Eintracht Frankfurt noch Hannover 96 und erst recht nicht die UEFA werden Schaaf aus Dankbarkeit um seine vergangenen Verdienste angeheuert haben, sondern weil er ein zuverlässiger, kompetenter Fußballexperte ist. Als Cheftrainer unserer Profimannschaft ist Schaaf für mich auch keine Option für die Zukunft mehr - das sieht er übrigens genauso wie er selbst gesagt hat - aber seine Fußballkompetenz und Erfahrung kann man ihm nun wahrlich nicht absprechen. Natürlich kann man auch verschiedener Meinung sein, ob Schaaf die Ideallösung für den Job ist (zumal seine tägliche Arbeit aus der Ferne natürlich auch nur schwerlich zu bewerten ist), aber es ist nun nicht so, als wäre es völlig unverständlich, ihn für eine gute Lösung für den Posten zu halten.
Dass die Dienste von Mentalcoaches und Sportpsycholgen im Spitzensport seit Jahren immer stärker genutzt werden, dürfte nun wahrlich kein Geheimnis sein. Nicht nur, dass der Mentaltrainer, um den es gehr, Jörg Löhr, bereits 2011 erfolgreich mit Werder arbeitete und übrigens auch die deutschen Handballer auf dem Weg zum WM-Titel 2007 unterstützte zeigt, dass sein Anheuern hier alles andere als lachhaft ist. Auch viele andere Vereine (von Vereinen, die um den Klassenerhalt kämpfen bis hin zu europäischen Topklubs) nutzen die Angebote von Mental-Coaches regelmäßig. Gerade in dieser enorm schwierigen Phase - tabellarisch steht man in größter Not und Geisterspielen und viele weitere Sondermaßnahmen angesichts der Corona-Pandemie sind für alle Spieler vollkommen neu und ungewohnt - finde ich es ausgesprochen sinnvoll und begrüßenswert, dass Werder Löhr zum Team dazugeholt hat. Natürlich wird das keinen riesengroßen und spürbaren Unterschied machen, aber wenn er es hinbekommen sollte, auch nur bei einigen wenigen Spielern ein Stück weit Blockaden zu lösen, wäre sein Einsatz schon absolut lohnenswert gewesen.
Die Aussage, dass mentales Coaching im Profifußball nichts zu suchen hat, ist natürlich ebenfalls eine reine Stammtischparole. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit dem Thema beschäftigt, wird bestätigen können, dass mentale Blockaden auch bei Profisportlern alles andere als eine Seltenheit sind und ein Coaching da immer viel bewirken kann.
Die deutsche Fußballnationallmanschaft (sowohl das Herren- als auch das Damenteam) setzt auf die Dienste eines Sportpsychologen. Ebenso zahlreiche Bundesligateams und die deutschen Hockey-, Turn- und Box-Nationalmannschaften. Es ist bekannt, dass der Team-Mentalcoach von Manchester United besonders intensiv mit Cristiano Ronaldo zusammenarbeitete. Einige Profis (in der Bundesliga u.a. Ginter, Ulreich) setzen sogar individuell auf privat angeheuerte Mentaltrainer. Aber wenn Werder versucht, durch diese Maßnahme vielleicht ein paar Prozent mehr aus der Mannschaft herauszubekommen, ist es mal wieder Schwachsinn und rausgeworfenes Geld? Dann würdest du auch sagen, dass sich Cristiano Ronaldo, Ginter, Ulreich und die gesamte Fußballnationalmannschaft einen neuen Job suchen sollte, wenn sie nicht "gefestigt genug" sind, um auf diese Angebote zu verzichten?